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Vor Gericht: Raser erkennt den Ernst der Lage nicht / Opfer schwer verletzt / Unfall vermeidbar

Tempo 87 statt 50: Auto erfasst Fußgängerin

Stadthagen/Bückeburg (ly). Das Opfer hatte keine Chance: Mindestens mit Tempo 87 hat ein Autofahrer auf der Stadthäger Bahnhofstraße eine Fußgängerin erfasst und durch die Luft geschleudert. Erlaubt waren 50 Stundenkilometer. Die Frau erlitt mehrere Brüche, Prellungen und Schnittwunden. Sie musste sich einer Operation unterziehen, geht am Stock und steht vor einem weiteren Eingriff. "Meine Mandantin ist für ihr Leben gezeichnet", sagt Rechtsanwalt Dieter Wissgott, der das Opfer vor Gericht vertritt.

veröffentlicht am 06.06.2006 um 00:00 Uhr

Die Passantin hätte tot sein können. Doch von echter Reue kann bei dem Raser, einem 19-Jährigen aus Stadthagen, auch fast ein Jahr nach der Tat offenbar kaum die Rede sein. "Man hat den Eindruck, dass er die Sache nicht ganz ernst nimmt", meint Friedrich von Oertzen, Präsident des Landgerichts in Bückeburg und Vorsitzender der Berufungskammer. In erster Instanz hatte das Amtsgericht Stadthagen den jungen Mann wegen Straßenverkehrsgefährdung und fahrlässiger Körperverletzung zu 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt, verbunden mit einem Jahr Führerscheinsperre. Dabei bleibt es. In die Berufung gezogen war der Angeklagte, weil ihm die Dauer der Sperre nicht passte. Nachdem von Oertzen signalisiert hatte, dass sich daran voraussichtlich nichtsändern werde, zog der 19-Jährige sein Rechtsmittel zurück. Auf den ersten Blick wirkt das Urteil milde. Doch die Entscheidung basiert auf dem eher moderaten Jugendstrafrecht, und dabei steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund. Den deutlichen Worten im erstinstanzlichen Urteil hätte von Oertzen wohl wenig hinzuzufügen gehabt. Die Sorglosigkeit des Angeklagten, so hatte es damals geheißen, sei nur schwer nachvollziehbar, die Fahrlässigkeit überdurchschnittlich. "Hätte er die zulässige Höchstgeschwindigkeit eingehalten, wäre der Unfall vermeidbar gewesen." Im Prozess habe der 19-Jährige unreif gewirkt: "Er ließ seinen Verteidiger und das Gericht warten." Zum Zeitpunkt des Unfalls, dem 13. Juli vergangenen Jahres um die Mittagszeit, hatte er den Führerschein erst seit sieben Monaten in der Tasche. Auch das damalige Auto des Fahranfängers scheint zum Klischee vom jugendlichen Raser zu passen. Der aufgemotzte Kompaktwagen war unter anderem mit einem Sportfahrwerk ausgerüstet. Offenbar hatten das Pfuscher in die Hand genommen, denn die Reifen stießen an die Radkästen. "Unser Straßenverkehr ist so geartet, dass er höchstes Verantwortungsbewusstsein verlangt", betonte Richter von Oertzen. "Selbst wenn nichts passiert wäre, hätte der Angeklagte für diese Geschwindigkeit schon ein Fahrverbot bekommen", sagte Oberstaatsanwalt Bodo Becker. Verteidiger Wilfried Ahlhausen ("Wir sind alle froh, dass die Frauüberlebt hat") nannte es "überhaupt nicht nachvollziehbar", dass das Opfer die Fahrbahn zwischen zwei Fußgängerüberwegen passiert habe. ",Noch dürfen wir über die Straße gehen, wo wir wollen", erklärte von Oertzen. "Nur im Bereich von zehn Metern davor oder dahinter muss ein Überweg benutzt werden."

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