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In den 1950er und 60er Jahren lebten dort viele Flüchtlinge

Teil 2 der Serie „Alte Kaserne“: „Das Haus war ein Sammelbecken“

HAMELN. Die Alte Kaserne an der Deisterallee hat viele Menschen kommen und gehen sehen. Für die einen war sie Arbeitsplatz, für die anderen Wohnstätte. Für die Soldaten etwa war sie beides. Später wohnten viele Angestellte und Arbeiter, aber auch Arbeitslose in ihr, sowie Flüchtlinge, Gastarbeiter-, Sinti- und Schaustellerfamilien. Die Dewezet hat mit ehemaligen Bewohnern gesprochen, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlinge in der Alten Kaserne lebten.

veröffentlicht am 20.06.2018 um 08:04 Uhr
aktualisiert am 20.06.2018 um 11:39 Uhr

Fenster zum Hof: Christa Erdmann-Ahlers lugt aus der Wohnung auf den Hinterhof der Alten Kaserne. Foto: C. Erdmann-Ahlers/pr
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Als Christian Musch (72) eines Tages Alfred Weidenmanns Film „Verdammt zur Sünde“ (auch: „Die Festung“) von 1964 zu sehen bekam, fühlte er sich prompt an die Alte Kaserne erinnert. Im Mittelpunkt der Filmhandlung steht eine Familie, die aus Polen vertrieben wird und in Deutschland in einer zum Auffanglager umfunktionierten Burg haust. „Die menschenunwürdigen Existenzbedingungen zerstören den Lebensmut und die Autorität des Vaters und treiben die Kinder in Prostitution und Kriminalität“, heißt es im Filmlexikon des Verlags Zweitausendeins über den Film: „Ein drastisch ausgemaltes Sittenbild.“ Das Leben der Familie Musch verlief glücklicherweise weniger drastisch. „Eine bessere Jugend kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Christian Musch. „Wir waren über 50 Kinder dort und eine eingeschworene Gemeinschaft – das hat mich irgendwo sozial geprägt.“

Doch allgemein galt die Alte Kaserne als sozialer Brennpunkt. „Die Menschen dort kamen aus ganz unterschiedlichen Schichten“, sagt Musch. „Manche kamen in den Knast, andere machten Karriere.“ Er selbst lebte bis 1962 dort. 16 Jahre zuvor, ein Jahr nach Kriegsende, war er mit seinen Eltern, seiner Oma und seinen sieben Geschwistern aus Breslau nach Hameln gekommen. Zunächst wohnten sie im Hastenbecker Weg 1. Mit elf Personen in zweieinhalb Zimmern. Zwei, drei Jahre später zogen sie dann in die Alte Kaserne, wo sie über fünf Zimmer verfügten.

„Das Haus war ein Sammelbecken“, erinnert sich Peter Erdmann (71) an die Alte Kaserne. Insgesamt 54 Familien hätten dort gelebt: „Einheimische, die dort schon lange wohnten und, wie meine Familie, Flüchtlinge vorwiegend aus Pommern und Schlesien – und alle hatten viele Kinder.“

1950: Ein paar Kinder kommen von der Hermannstraße aus in den Hinterhof. Foto: Stadtarchiv Hameln
  • 1950: Ein paar Kinder kommen von der Hermannstraße aus in den Hinterhof. Foto: Stadtarchiv Hameln
Peter Erdmann Foto: P. Erdmann
  • Peter Erdmann Foto: P. Erdmann
Christa Erdmann-Ahlers Foto: pk
  • Christa Erdmann-Ahlers Foto: pk
Bernhard Musch Foto: pk
  • Bernhard Musch Foto: pk
1950: Ein paar Kinder kommen von der Hermannstraße aus in den Hinterhof. Foto: Stadtarchiv Hameln
Peter Erdmann Foto: P. Erdmann
Christa Erdmann-Ahlers Foto: pk
Bernhard Musch Foto: pk

Familie Erdmann zog im Herbst 1955 in die Alte Kaserne. Zuvor hatte sie bei den Eltern von Peter Erdmanns Vater gewohnt, die bereits in Hameln lebten, am Breiten Weg. Als der Sohn mit seiner Frau nach dem Krieg aus Pommern geflohen war, fanden sie bei den Eltern Unterschlupf. Doch als dann nach und nach die Kinder zur Welt kamen, zunächst vier Jungs, wurde der Platz immer enger.

Aber der Wohnraum in Hameln war damals knapp, Tausende Flüchtlinge waren unterzubringen. Im Vergleich zu dem beengten Wohnen bei den Eltern am Breiten Weg war der Umzug in die Alte Kaserne zwar eine kleine Verbesserung. Dort standen den Erdmanns jetzt – auf 54 Quadratmetern – zwei statt nur ein Zimmer zur Verfügung, Monatsmiete: 50 D-Mark. Aber die sanitären Anlagen waren bescheiden. Badezimmer? „Fehlanzeige“, sagt Erdmann. „Es wurde am Samstag in der Zinkwanne gebadet. Glück hatte der, der zuerst dran war.“ Toilette? Auf dem Flur, zwei Stück für mehrere Familien, erinnert sich Christa Erdmann-Ahlers. Sie kam 1956 in der Alten Kaserne als Nesthäkchen der Familie zur Welt.

Für die Kinder spielten die Sorgen und Unannehmlichkeiten, die für die Eltern mit der Alten Kaserne verbunden waren, kaum eine Rolle. „Ich weiß noch, wenn die Kinder aus dem Kindergarten, den es in der Kaserne auch gab, in Reih und Glied an uns vorbeigingen, dachte ich immer: ,Die armen Kinder können doch gar nicht richtig spielen!‘“, erzählt Erdmann-Ahlers. „Die taten mir so leid.“

Die Hermannbande kämpfte gegen die bürgerliche Wilhelmsbande.

Peter Erdmann, Ex-Mitglied der Hermannbande

Die kleine Christa, ihre Geschwister und die anderen Kinder aus der Kaserne hatten hingegen alle Freiheiten der Welt. Erdmann-Ahlers erinnert sich, wie sie und ihre Freundinnen einmal im Monat, wenn die Wäsche gewaschen wurde, den abschließbaren Wäscheplatz an der Hamel ganz für sich hatten und dort spielten. „Das war das Schönste!“, schwärmt sie. Unvergessen ist ihr auch „Karlchen“, der vorne einen kleinen Lebensmittelstand gehabt habe und ihr manchmal etwas zusteckte, oder der von den Kindern nur „der arme Walter“ genannte Künstler, der auf dem Hof sein Atelier hatte. Vielleicht haben die Kinder seinen Namen auch nicht richtig verstanden oder schlicht verballhornt: Der Künstler war Arn Walter. Von ihm stammen etwa die Frosch-Skulptur im Bürgergarten und der steinerne Löwe an der Löwen-Apotheke.

Christa Erdmann-Ahlers jedenfalls lief manchmal auch mit den Jungs mit. Ihre vier Brüder bildeten mit anderen Jungs aus der Kaserne die Hermann-Bande, benannt nach der Hermannstraße, „und kämpften gegen die bürgerliche Wilhelms-Bande des Wilhelmsplatzes“, erzählt Peter Erdmann. Einen großen Bogen machten sie auch um die Kinder aus dem sogenannten Offiziershaus der Alten Kaserne, wie seine Schwester erzählt. „Das waren bessere Wohnungen im hinteren Bereich, während wir in den früheren Räumen für die einfachen Soldaten wohnten“, schildert sie. Mit Schrecken erinnere sie sich noch, wie ihr Vater sich irgendwann mit dem Gedanken getragen habe, dort einzuziehen. „Das wäre das Schlimmste gewesen“, sagt sie und lacht. „Bis auf wenige Ausnahmen“, befindet ihr Bruder, „haben sich die Kinder, trotz der sozialen Herkunft, positiv entwickelt und es teilweise bis zu einem Studienabschluss geschafft.“ Peter Erdmann selbst hatte später mehrere hohe Posten beim Hamelner BHW-Konzern inne: Betriebs-, Gesamt- und Konzernbetriebsratsvorsitzender, Prokurist der Betrieblichen Altersversorgung sowie geschäftsführender Vorstand der Pensionskasse der BHW-Bausparkasse. Heute lebt er „auf der Sonneninsel Rügen – die schönste im Meer“, wie er schwärmt.

Andere Lebensläufe verliefen weniger glücklich. Christian Musch erinnert sich an einen Jungen aus der Alten Kaserne, der von seinem Vater immer „gezüchtigt“ worden sei. „Der ist dann öfter abgehauen, hat sich auf dem Dachboden versteckt, wo wir ihn dann verpflegt haben“, erzählt Musch. „Das schweißt zusammen.“ Ein anderer soll, um 1955, im Zuge eines Diebstahls von einem Polizisten erschossen worden sein. Eine Erinnerung, die er mit Peter Erdmann teilt. „Das mit dem erschossenen Dieb stimmt tatsächlich“, sagt der.

Christian Musch und Peter Erdmann sind alte Jugendfreunde. Später war Musch lange Zeit Erdmanns Physiotherapeut. Auf dem Hof spielten sie Brennball – mit einem Stoffknäuel als Ball. Sie spielten auch in der Schlosserei Rudolf, die sich ebenfalls auf dem Hof befand (und in Erdmanns Erinnerung „Schornsteinabdeckungen aus Asbest gefertigt und auf dem Hof zugeschnitten hat!“), in der später zur Turnhalle umgebauten Tischlerei Penderock, wo sie sich Drachen und Zwillen bauten, sowie in der kleinen Garage des „alten Fischers“, dem Hausmeister, wie Musch sagt.

Peter Erdmann hat weitere Erinnerungen: „Kinderarbeit auf der Kegelbahn im ,Deli‘ (im benachbarten Monopol; Anm. d. Red.) und Kohle-Schleppen: vier Schütten in die vierte Etage für 50 Pfennig, weil die alten Leute das nicht mehr konnten. Im Frühjahr/Sommer den Eiswagen auf den Hof schieben für ein Eis in der Tüte für 5 Pfennig, vor Weihnachten Tannenbäume nach Hause tragen und Tannenzweige für 50 Pfennig verkaufen und so weiter.“

Ihr Treffpunkt waren die alten Kastanien auf dem Hof, erzählt Musch. Sie stehen noch heute. Gemeinsam bauten sie Buden, fuhren in einer Zinkbadewanne auf der Hamel. Aus einem Bretterverschlag auf der Rückseite der Ratsweinstuben stibitzten sie manchmal leere Weinflaschen und gaben sie dann vorne im Geschäft wieder ab, um die 10 Pfennig Pfand zu kassieren. „Für uns Kinder war das ein Paradies“, sagt sein Bruder Bernhard Musch (74) über das riesige Gebäude, den großen Hof und Zusammenhalt unter den Jugendlichen. „Wir hatten alle nichts, aber wir haben zusammengespielt.“ In den langen Kellergängen spielten sie Verstecken. Im Winter gossen sie manchmal Wasser auf den Hof für eine „Kaschelbahn“. Kascheln? „Das ist Schlesisch und heißt rutschen“, erklärt Bernhard Musch. Im Sommer kletterten sie auf die beiden großen Kastanien, sie spielten Völker- und Fußball, bekriegten sich mit der Wilhelms-Bande. „Einmal habe ich Prügel gekriegt“, sagt der heute 74-Jährige und fügt mit einem Lachen hinzu: „Aber natürlich haben wir uns fürchterlich gerächt.“

Auch wenn den Kindern und Jugendlichen der Ruf der Alten Kaserne vorausgeeilt sei, gelitten habe er nicht, sagt Bernhard Musch. „Wir waren gut verzweigt – aber als Flüchtlinge eben ,die Polen‘.“ Die Hamelner hätten ein wenig gebraucht, bis sie die Neuankömmlinge voll akzeptierten. Aber sonst, die Zeit in der Alten Kaserne : „So was Schönes – da denke ich heute gerne noch dran zurück“, sagt er.

Lesen Sie in Teil 3 über die „Alte Kaserne“ in Hameln.



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