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Kulturgut und Jugendliebe für Bastler, Ausflügler und Rallye-Fahrer: Besuch bei zwei Schaumburgern mit Oldtimer-Virus

„Technik, die man sehen und anfassen kann“

Der luftgekühlte Heckmotor des VW Karmann Ghia ist schon von Weitem zu hören. Das Auto mit der Ringhupe im Lenkrad, den Weißwandreifen und der Chromstoßstange ist in einem kräftigen Blau lackiert. Aber nicht nur die Geräusche und das Design erinnern an eine längst vergangene Zeit, auch der Geruch schnuppert nach Historie. Der Oldtimer wurde 1969 gebaut, in dem Jahr, als Willy Brandt Kanzler wurde und Brian Jones im Pool einer Villa den Tod fand.

veröffentlicht am 02.06.2009 um 13:45 Uhr
aktualisiert am 02.06.2009 um 14:25 Uhr

Auch an diesem Wochenende gibt es bei den „Schaumburg Clas

Autor:

Benjamin Schrader

„Als Oldtimer werden alle Fahrzeuge bezeichnet, die älter als 30 Jahre alt sind“, erklärt Peter Lill vom ADAC. Als „technische Kulturgüter“ müssten diese darüber hinaus weitestgehend im Originalzustand sein. „Vom Gogo-Mobil über den Käfer bis hin zum ‚Silver Ghost‘ von Rolls Royce, alle sind nach dieser Definition Oldtimer“, sagt Lill. Entsprechend ihrer historischen Bedeutung haben Oldtimer mit den roten Nummernschildern und dem Zusatz „H“ am Ende der Ziffernfolge auch besondere Kennzeichen.

Im Gegensatz dazu ist der Begriff „Youngtimer“ nach Angaben des ADAC-Mitarbeiters „weniger offiziell, sondern eher offiziös“. Dabei handele es sich um Autos, die zwischen 15 und 30 Jahre alt sind. Geprägt wurde der Begriff vom ADAC, um auch denjenigen die Möglichkeit zum Motorsport zu geben, deren Autos noch nicht die Marke von 30 Jahren erreicht haben, berichtet Lill.

„Viele sind mit dem Auto, das sie heute als Oldtimer fahren, groß geworden“, erklärt Ralf Mahnert, der Besitzer des Karmann Ghias. Er selbst fährt außer dem VW-Sportwagen auch noch einen Audi 60 aus dem Jahr 1971. Bei ihm habe es mit dem Interesse an alten Autos 1986 angefangen, so Mahnert. Damals kaufte er sich den Ghia und nahm an der ersten Rallye teil.

Stilvoll sind diese Fahrer unterwegs – in einem Jaguar Mk
  • Stilvoll sind diese Fahrer unterwegs – in einem Jaguar Mk IV aus dem Jahr 1948.
Statt auf das Navigationsgerät setzen Oldtimer-Fahrer eher auf d
  • Statt auf das Navigationsgerät setzen Oldtimer-Fahrer eher auf den eigenen Orientierungssinn.

Enge Gemeinschaft und Kultur-Programm

Denn nicht nur die Liebe zum Historischen macht für ihn den Reiz des Oldtimer-Fahrens aus, auch Ausfahrten und eine enge Gemeinschaft mit Gleichgesinnten gehören für ihn dazu. Oft führen die Routen durch landschaftlich interessante Regionen, zu den Fahrten werden auch kulturelle Programme organisiert.

Den Reinsdorfer Friedrich Raske hat das Interesse am Basteln und Schrauben zu den Oldtimern gebracht. Ausfahrten machen ihm Spaß, seine große Liebe sei es aber, „aus Altem wieder etwas Funktionierendes zu machen“.

Als junger Mann bekam er einen Mercedes 170 V. Später schraubte er an anderen Autos und kaufte sich einen Jaguar Mark II. „Langsam wurde ich vom Oldtimer-Virus infiziert“, sagt Raske mit einem Lachen. Seitdem hat er immer wieder Fahrzeuge restauriert. Sein jüngstes Projekt ist ein himmelblauer Fiat 1100 aus dem Jahr 1957.

Nach 1500 Stunden wieder fahrbereit

Der Kombi wurde 1966 nach Sizilien gebracht und in Agrigent zugelassen. „Ich gehe davon aus, dass er dort nur drei bis vier Jahre gefahren worden ist“, erklärt Raske. Vor sechs Jahren wurde er nach Deutschland gebracht und in Paderborn zugelassen.

Raske kaufte den Fiat schließlich und begann 2007, das Auto zu überholen und zu restaurieren. „Der Tank war völlig verrostet. Ich habe drei Kehrschaufeln Rost herausgeholt“, sagt Raske. Auch Motor und Kupplung machten Probleme. Doch nach rund 1500 Arbeitsstunden ist der Fiat wieder weitestgehend fahrbereit. Lediglich kleinere Einstellungen müssten noch vorgenommen werden, so Raske, dann kann er zur Hauptuntersuchung und mit einem historischen Kennzeichen wieder zugelassen werden.

Als nächstes Projekt hat sich der Reinsdorfer einen Porsche ausgesucht. Da seine Doppelgarage mittlerweile für die Arbeiten zu klein geworden ist, hat er sich in Stadthagen eine Werkstatt eingerichtet. Die Teile für die Restaurierungen bekommt er aus dem Internet. „Es ist abhängig vom Modell, ob man leicht das Gesuchte findet“, erklärt er. Bei einigen Marken habe man schon nach wenigen Tagen das Ersatzteil zu Hause.

Bei dem Fiat 1100 hatte Raske jedoch einige Probleme: Der Wagen wurde zwar auch in Lizenz von NSU Motorenwerke gebaut, doch Ersatzteile muss sich der Schrauber auch mal selbst anfertigen. „Der Schlauch für die Lüftung ist eigentlich für eine Dunstabzugshaube. Den hab ich im Baumarkt gekauft“, verrät Raske.

Nach Schätzung des ADAC-Mitarbeiters Lill waren im vergangenen Jahr in Deutschland eine Million Oldtimer auf den Straßen unterwegs oder in Museen zu bewundern. Von 2007 auf 2008 sei die Zahl der zugelassenen Oldtimer von rund 600 000 um mehr als 10 000 Fahrzeuge gestiegen. „Der Trend ist seit zehn Jahren steigend.“

Vier Damenstrümpfe bis nach Schaumburg

„Wir haben 95 Mitglieder im Verein“, erklärt Mahnert, der auch Mitglied beim Oldtimer-Stammtisch Schaumburg ist. Die Mitglieder kommen aus dem gesamten Kreisgebiet, aber auch aus Porta Westfalica und Steinhude. Zu den monatlichen Treffen im Restaurant „Dionysos“ im Stadthäger Ortsteil Wendthagen kommen meist zwei Dutzend Oldtimer-Fans und erzählen von ihrem Fahrzeug, geben sich Tipps zum Schrauben oder organisieren die nächste Fahrt, sagt Mahnert. Oft hielten Mitglieder dem Stammtisch auch nach dem Umzug noch die Treue.

Der Einstieg in das Hobby ist laut Mahnert erschwinglich. „Es geht mit 1000 Euro los. Nach oben sind aber keine Grenzen. Bei einzelnen Händlern kann man schon mal zwischen 50 000 und zwei Millionen Euro lassen.“ Die Steuern und Versicherung der Fahrzeuge seien dagegen meist günstig. „Man kann für rund 400 Euro im Jahr Oldtimer fahren“, so Mahnert. Zudem hätten die Fahrzeuge wenig Fehler, „mit denen man liegen bleiben muss“, so Mahnert. „Bei Hamburg ist während einer Fahrt der Keilriemen eines Triumph TH IV gerissen. Wir haben vier Damenstrümpfe gebraucht, um nach Schaumburg zurückzukommen.“

Gerade die einfache Handhabung macht nach Ansichten Lills die Faszination an Oldtimern aus. „Das ist Technik, die man sehen und anfassen kann.“ Für viele „Schrauber“ reizten erst die Schwierigkeiten bei der Restaurierung, sagt Raske. Sobald er im Blaumann in der Arbeitsgrube seiner Garage steht, ist er in seinem Element.

Bis zur Hauptuntersuchung will Friedrich Raske bei seinem Fiat 1100 die letzten Einstellungen vornehmen. Der Motor hat zwar wieder einen vollen Klang und läuft einwandfrei, aber am Erscheinungsbild will der Reinsdorfer noch etwas verändern: Ihm fehlt noch eine Fiat-Radkappe. Außerdem will er Türschweller anbringen. Und dann wartet auch schon das nächste Projekt.

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