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Bewegte Geschichte in Groß Berkel / Kirche trägt erst seit 100 Jahren den Namen St. Johannis

Streit um Sitzplätze und Geläut vom Tonband

Groß Berkel (roh). Die aus dem Jahre 1777 stammende Kirche mit ihrem 50 Meter hohen, mehr als 200 Jahre lang das Dorfbild prägenden Turm, hatte vermutlich eine Vorgängerin, wie Pastorin Daniela Uhrhan-Holzmüller anhand eines in der Sakristei zu findenden Portalsteins erklärt. „Ob es sich damals aber um einen Neu- oder Umbau gehandelt hat, weiß man nicht“, stellt sie fest und berichtet vom Kirchenbau Ende des 18. Jahrhunderts: „Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges, um das Jahr 1647 ist die alte Kirche komplett abgebrannt und erst 130 Jahre später wurde die heutige Kirche gebaut.“

veröffentlicht am 10.12.2009 um 12:45 Uhr
aktualisiert am 14.12.2009 um 14:14 Uhr

Blick von der Orgelempore ins Kirchenschiff auf den barocken Hoc

Groß Berkel (roh). Die aus dem Jahre 1777 stammende Kirche mit ihrem 50 Meter hohen, mehr als 200 Jahre lang das Dorfbild prägenden Turm, hatte vermutlich eine Vorgängerin, wie Pastorin Daniela Uhrhan-Holzmüller anhand eines in der Sakristei zu findenden Portalsteins erklärt. „Ob es sich damals aber um einen Neu- oder Umbau gehandelt hat, weiß man nicht“, stellt sie fest und berichtet vom Kirchenbau Ende des 18. Jahrhunderts: „Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges, um das Jahr 1647 ist die alte Kirche komplett abgebrannt und erst 130 Jahre später wurde die heutige Kirche gebaut.“ Dabei sei es gleich bei der Neueröffnung der Kirche zu einer handfesten Auseinandersetzung gekommen, wie die Pastorin erzählt: „Die Anzahl der Sitzplätze für die Familien wurde festgelegt.“ Generell hätten die Männer auf den Emporen und die Frauen im unteren Kirchenschiff gesessen. Über die Sitzordnung wäre per Los entschieden worden, und hier sei es zu einem Streit zwischen Voll- und Halbmeiern einerseits und Voll- und Halbkötnern anderseits gekommen. Die Pastorin: „Der Vertreter der zuständigen Behörde sprach sogar eine Gefängnisstrafe wegen Körperverletzung aus.“ Keine Frage, das war ’ne richtige Schlägerei, vermutet sie. Die seit dieser Zeit angebrachten Namensschilder wurden bei der großen Renovierung in den 60er Jahren abmontiert.

Prunkstück der Kirche ist der barocke Hochaltar mit seinen goldenen Verzierungen, den imposanten Säulen und der zentral gelegenen Kanzel. Hofbaumeister Ziesenis hat in Groß Berkel mit einem Altar von beinahe 10 Metern Höhe und knapp fünf Metern Breite sein größtes Werk hinterlassen. Über die Symbolik der beiden Frauen auf den beiden vorderen Säulen weiß Daniela Uhrhan-Holzmüller: „Die Fackel in der Hand der linken Frauengestalt steht für die Liebe und der Anker in der Hand der rechten für die Hoffnung.“

Kurios: Von Ende 1973 bis zum ersten Adventssonntag 1976 gab es im Glockenturm keine Glocken. Die 1921 eingebauten Stahlglocken mit einem Gesamtgewicht von rund drei Tonnen hatten den oberen Kirchenturm derart stark zugesetzt und beschädigt, sodass über Alternativen nachgedacht werden musste. Da die Glocken aber schon sehr verrostet waren, entschied man sich, über Spenden ein neues Geläut anzuschaffen, ein bronzenes. Was tun mit einem Glockenturm ohne Glocken?, haben sich die damaligen Verantwortlichen gefragt, und die Pastorin erzählt, welche kuriose Entscheidung damals getroffen wurde: „Kurz bevor man die Glocken abgenommen hat, wurde das Glockengeläut auf einem Tonband aufgenommen. Mit dem so konservierten Geläut wurde nach dem Ausbau der Glocken über die Schallluken des Kirchenturms Groß Berkel beschallt.“ Es muss ein furchtbar krächzendes Geräusch gewesen sein, vermutet Uhrhan-Holzmüller, wie sie hin und wieder von Zeitzeugen gehört hat.

Waren es im Dreißigjährigen Krieg noch Tilly und seine marodierenden Soldaten, die das Hamelner Umland mit Schrecken heimsuchten, so waren die Vorgefechte um die Festung der Stadt Hameln Anfang des 19. Jahrhunderts für die Groß Berkeler Kirche mindestens genauso schrecklich. Die Kirche sei kurzerhand von den sich im Ort einquartierenden napoleonischen Truppen zum Proviantmagazin umfunktioniert worden, berichtet die Pastorin, und man merkt ihr an, dass der Gedanke an Frischgeschlachtetes und Schiffszwieback in ihrer Kirche sie nicht erfreut. Die Pastorin weiß aber auch: „So war das eben in dieser Zeit und das Schicksal haben viele Kirchen erlitten.“

Die Kirche war übrigens lange Zeit namenlos. Erst nach ihrer großen Renovierung im Jahre 1909 änderte sich dies, als der Abschluss der Arbeiten am dritten Advent mit einem Gottesdienst gefeiert wurde. Und das ist ein Sonntag, an dem Johannes der Täufer im Evangelium zu Wort kommt – deshalb trägt die Kirche seit 100 Jahren dessen Namen. Das Jubiläum wird an diesem Wochenende gefeiert. Die Kirchengemeinde lädt ein zum Festgottesdienst am dritten Advent um 10 Uhr. Dabei wird der „Tauferinnerungsbaum“ der Gemeinde vorgestellt. Der Gottesdienst wird musikalisch gestaltet vom Gospelchor Inspirations, dem Singkreis und dem Volkschor Groß Berkel. Im Anschluss gibt es eine „Johannis-Suppe“. Der morgige Samstag gehört den Kindergarten- und Grundschulkindern. Um 14 Uhr beginnt in der Kirche eine Theateraufführung, danach warten Bastelangebote, Speisen, Getränke und noch vieles mehr auf die Kinder.



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