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Serie "Baudenkmale in unserer Stadt": Nachbarschaftsstreit um Utlucht

Streifzüge durch die Bäckerstraße - beinahe hört man den "Schüdderump"

Rinteln. Die Weserstadt mit ihren Dörfern ist reich gesegnet mit erhaltenswerten historischen Gebäuden. Schützen kann man nur, was man kennt. In der Serie "Baudenkmale in unserer Stadt" stellen Mitglieder des Arbeitskreises Denkmalschutz einige dieser Objekte vor.

veröffentlicht am 29.03.2008 um 00:00 Uhr

Bäckerstraße 16: Der Fachwerkbau wurde von Albert Brunick und Eu

Autor:

Ellen Genz

Verlockend ist eine Begehung der Bäckerstraße. Bereits vor der Stadtgründung 1239 durch Graf Adolf IV., später Fürst Adolf, wurde sie als mittlere der drei wichtigsten Verbindungswege zwischen Seetor und Wesertor mit der hellen Nord-Süd- Richtung eingeplant. Seinerzeit war sie (in Weiterführung der heutigen "Engen Straße") der Hauptverkehrsweg. Ganz ohne Grund trägt die Bäckerstraße ihren Namen nicht. Hier ließen sich seinerzeit in zentraler Lage Händler und Handwerkszünfte nieder, die vorzugsweise Fertig- und Frischware anboten, also Bäcker oder Metzger. Dass später eine Verlagerung in die heutige Weser- und Klosterstraße stattfand, gehörte zum Lauf der Zeit. Wir betreten also den schmalsten der ehemaligen Hauptwege und plötzlich wird unsere Fantasie angeregt. Eine Zeitreise in die geschichtliche Vergangenheit beginnt: Sicherlich haben zahlreiche Epochen ihre Spuren hinterlassen. Aber hören wir nicht das Getrappel von Pferdebeinen und das Scheppern von Wagenrädern? Das Geschnatter von Frauen, die mit ihren Wäschekörben zur Weser gingen und anschließend alles beim Bleichehäuschen zum Trocknen auslegten? Kinder mit dem gewohnten Lärm bei Spiel? Aber es gab auch fürchterliche Zeiten. Wir kommen nicht umhin, auch daran zu denken, wie oft hier wohl der "Schüdderump" (Pestkarren) entlanggekommen ist, um die Pest-Toten abzuholen. Wie hat es wohl ausgesehen, als der 30-jährige Krieg begann und der wilde Christian von Braunschweig die Stadt überfallen hatte, welche Häuser lagen wohl in Schutt und Asche? Wir hören Studenten, die durch die Gasse ziehen. Schlechte Zeiten, ja, aber wir vernehmen die Stimmen als fröhlich und guter Dinge. Was der Nachtwächter wohl unternommen hat, um sie in ihrem Übermut zur Räson zu bringen? Wir sind inzwischen schon am südlichen Ende der Bäckerstraße angelangt, als das Gebäude mit der Hausnummer 16 unser Interesse weckt. Es ist ein zweistöckiger Fachwerkbau und wurde vermutlich als Nebengebäude (Altenteilerhaus) des Bürgerhauses Nr. 15 errichtet. Über dem Türsturz der Straßenfassade lässt sich eine Inschrift nur noch erahnen, die aber die Jahreszahl 1616 (also kurz vor dem 30-jährigen Krieg) erkennen lässt. Die aufwendig geschnitzten Querbalken lassen auf ein gutes Bürgerhaus vermuten. Tatsächlich ließen die Besitzer der Nachbarparzelle Nr. 15, Albert Brunick und seine Ehefrau Eusbeth Neilex, dieses kleine Nebenhaus errichten. Die geringe Grundstücksbreite erlaubte allerdings nur ein Bauwerk mit schmalem Längsbau, der durch eine rechtsseitige Haustür betreten wird. 1620 beabsichtigt Brunick, eine Utlucht vor die Fassade zu setzen, einen befensterten Vorsprung aus der Gebäudefront. Er wollte damit einen höheren Wohnkomfort erreichen, wie es im 17. Jahrhundert aktuell war. Sein Nachbar Jobst Stolten Eckstender empfand es als störend und reichte Klage ein. Der Rat entschied 1621, dass die Maßnahme vollzogen werden kann und der Eingang des Hauses an die Vorderseite verlegt werden kann. Es ist auch hinterlegt, dass gegen Ende des 17. Jahrhunderts ein Schneider Timme Backhaus hier gelebt hat. Der Kupferschmied Johann Dietrich von Lahr zieht ab 1724 ein und ab 1731 bewohnt er das Gebäude als allein erziehender Vater von drei Töchtern und drei Söhnen. Wie seinerzeit üblich, betreibt er auch eine Haus-Viehwirtschaft und hält zwei Kühe und zwei Schweine. Wenn Häuser, Fassaden oder Steine Geschichten erzählen könnten. Was wohl hinter diesen Mauern im Thema der Hexenverfolgung stattgefunden hat? Oder auch in der Nachbarschaft? Schön wäre es, mehr zu wissen...



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