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Straßennamen oder nicht – eine heikle Frage

Pyrmonter Bergdörfer (jl). „Bewusstlose Person“ lautet die nächtliche Meldung aus der Leitstelle. Mit dieser Information gefüttert setzen sich Rettungssanitäter und Notarzt in ihre Wagen Richtung Kleinenberg. Dort aber kann es dann heikel werden, und die Suche nach dem Patienten wird zur Schnitzeljad. Die Ursache: Nicht nur in Kleinenberg, sondern auch in Großenberg, Baarsen und Neersen gibt es keine Straßennamen. Stattdessen sind die insgesamt etwa 300 Häuser jeweils durchnummeriert. Und manch eine Nummer ist im Vorbeifahren nicht auf den ersten Blick zu erkennen.

veröffentlicht am 01.09.2009 um 17:57 Uhr

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Pyrmonter Bergdörfer (jl). „Bewusstlose Person“ lautet die nächtliche Meldung aus der Leitstelle. Mit dieser Information gefüttert setzen sich Rettungssanitäter und Notarzt in ihre Wagen Richtung Kleinenberg. Dort aber kann es dann heikel werden, und die Suche nach dem Patienten wird zur Schnitzeljad. Die Ursache: Nicht nur in Kleinenberg, sondern auch in Großenberg, Baarsen und Neersen gibt es keine Straßennamen. Stattdessen sind die insgesamt etwa 300 Häuser jeweils durchnummeriert. Und manch eine Nummer ist im Vorbeifahren nicht auf den ersten Blick zu erkennen.
 „In den Wagen liegen zwar noch Karten mit aufgemalten Hausnummern“, sagt Jürgen Bitterling, der die „Kooperative Regionalleitstelle Weserbergland“ (KRL) leitet. „Aber mit der Einführung des Digitalfunks in drei Jahren werden diese Karten verschwinden.“ Und die Rettungskräfte seien eben nicht mehr, wie früher, Ortskundige, sondern häufig junge Leute, die sich in den Dörfern nicht auskennen. Künftig solle das Fahrtziel direkt vom Disponenten in der Leitstelle ins Navigationsgerät des jeweiligen Einsatzwagens eingegeben werden.
 Straßennamen und Hausnummern wie anderswo auch, da ist der Leitstellen-Chef sicher, würden die Koordination und die Suche nach dem Einsatzort massiv vereinfachen. „Dass wir Einwohner nach dem Weg fragen müssen, ist nicht außergewöhnlich“, sagt Rettungssanitäter Maik Grawe. „Nach solchen Such-Einsätzen gibt es bei uns jedes Mal eine riesengroße Diskussion“, berichtet auch Rettungsassistent Patrick Ruffing aus der Praxis. „Wir wurden in Baarsen auch schonmal ins falsche Haus geschickt.“
 Nachdem Jürgen Bitterling die Problematik im Rathaus angesprochen hatte, will die Stadtverwaltung jetzt herausfinden, was die Bürgerinnen und Bürger in den Bergdörfern wollen. Deshalb lädt sie die nun der Reihe nach ein. Heute steht die erste Einwohnerversammlung für alle Baarsener und Neersener an. Los geht’s um 19 Uhr in der „Windmühle“ in Eichenborn.
 Noch ist zwar nichts entschieden. Aber Diskussionsstoff birgt das Thema allemal. Denn längst nicht alle wünschen sich Straßennamen. „Moderne Navis gehen doch bis vor die Haustür“, sagt etwa Baarsens Ortsvorsteher Paul von der Heide. „Bei Adressen würde nach der Straße dann 31812 Bad Pyrmont stehen“, malt er auch aus – und fürchtet dadurch auf lange Sicht sogar das Verschwinden der Dorfnamen aus dem Bewusstsein der Menschen.
 In Eichenborn, wo es schon Straßennamen gibt, sehe man es doch: „Die Autos kurven wie blöde durch Bad Pyrmont, weil sie nicht wissen, dass die Adresse in Eichenborn liegt.“
 Von der Heide schwebt eine Alternative vor: „Wir in Baarsen wollen am jeweiligen Straßenbeginn Schilder mit den Hausnummern aufstellen.“ Damit wolle man allerdings warten, bis eine endgültige Entscheidung gefallen sei, „damit wird das Geld nicht umsonst ausgeben“.
 Auch seine Ortsvorsteherkollegen wollen laut von der Heide keine Straßennamen. Nicht zuletzt, weil die Adressänderung auch Aufwand und Kosten für die Einwohner zur Folge hätte. Etwas moderater klang sein Neersener Kollege Willi Brankov vor einiger Zeit nach einem ersten Sondierungsgespräch mit Leitstelle, Polizei und Stadtverwaltung. „Wir haben Einsicht walten lassen, dass es nicht anders geht“, sagte er.
 Und auch Bad Pyrmonts stellvertretender Polizeichef Klaus Titze gibt zu bedenken: „Man verliert zuviel Zeit, wenn man sich im Ort noch auf die Suche machen muss.“ Allerdings will er auch nicht ausschließen, dass mancher private Autofahrer eine bessere Navi-Software habe als der öffentliche Dienst. Denn: „Die Software veraltet schnell.“ Auf den Dörfern sei jedoch heutzutage nicht jederzeit jemand greifbar, der sich im Notfall an die Straße stellen und winken könne.
 Die Stadtverwaltung indes baut auf die Vermittlerrolle der Ortsvorsteher. „Entscheidend ist das Votum der Bürger und ihrer Ortsvorsteher“, betont Stadtsprecher Wolfgang Siefert. Wenn die sich dann letztlich doch für Straßennamen entscheiden, wolle man ihnen auch die Namenswahl überlassen. „Doppelbenennungen sind innerhalb der vier Ortsteile allerdings nicht möglich“, stellt Siefert klar. „Es kann zum Beispiel nur eine Hauptstraße geben.“

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