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Strahlende Fracht für das AKW Grohnde

Das Unbehagen ist groß: Gut 40 Atomkraftgegner drängten sich im vergangenen Monat im kleinen Versammlungsraum der Hamelner Sumpfblume zur Gründung des „Anti-Atom-Plenums Weserbergland“. „Wir müssen demonstrieren – runter vom Sofa, raus auf die Straße“, brachte eine Teilnehmerin die Stimmung energisch auf den Punkt. Seitdem machte die neue Bürgerinitiative bereits mit Aktionen in der Hamelner Fußgängerzone und mit einer Infoveranstaltung in der Hamelner Sumpfblume auf sich aufmerksam.

veröffentlicht am 16.12.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 17.12.2009 um 15:11 Uhr

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Das Unbehagen ist groß: Gut 40 Atomkraftgegner drängten sich im vergangenen Monat im kleinen Versammlungsraum der Hamelner Sumpfblume zur Gründung des „Anti-Atom-Plenums Weserbergland“. „Wir müssen demonstrieren – runter vom Sofa, raus auf die Straße“, brachte eine Teilnehmerin die Stimmung energisch auf den Punkt. Seitdem machte die neue Bürgerinitiative bereits mit Aktionen in der Hamelner Fußgängerzone und mit einer Infoveranstaltung in der Hamelner Sumpfblume auf sich aufmerksam. Im Mittelpunkt steht für das Plenum dabei zunächst einmal ein Thema: Die geplanten Transporte von acht Mox-Brennelementen aus der Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield ins Atomkraftwerk Grohnde.

„Wir fordern, die Mox-Transporte einzustellen“, stellt Klaus Suhr vom Anti-Atom-Plenum klar. Das enthaltene Plutonium berge zum Beispiel bei einem Unfall unkalkulierbare Risiken: „Bereits geringe Mengen in der Lunge sind tödlich.“ Auch die Strahlung während des Transports sei bedenklich.

Die Planung des Transports lieferte in den vergangenen Monaten bereits den Anlass für einen bundesländerübergreifenden Streit. Cuxhaven hatte energisch abgewunken, als es darum ging, wo das Schiff mit der radioaktiven Fracht aus England einlaufen sollte. Schließlich sei man Naherholungsgebiet. Auch Bremerhaven schied schnell als Zielhafen aus. Als Notnagel für die kernenergiefreundliche schwarz-gelbe Regierung Niedersachsens wollte der rot-grüne Bremer Senat nicht herhalten. Nun sind die Häfen von Emden und Nordenham als Ziele im Gespräch. Der Transport erfolgt in gepanzerten Spezial-Lkw und wird vom Bestimmungshafen an über die Straße fortgesetzt.

Bei e.on Kernkraft in Hannover kann man sich die Aufregung über die geplanten Transporte nicht so recht erklären. „Ich sehe da nicht den Neuigkeitswert“, sagt Sprecherin Dr. Petra Uhlmann. Schließlich seien in den vergangenen 22 Jahren, aufgeteilt auf 33 Transporte, 124 Mox-Brennelemente nach Grohnde geliefert worden – ohne Probleme und ohne, dass die Öffentlichkeit davon Notiz genommen hätte. Die Sicherheit sei stets gewährleistet gewesen. „Alle Transportvorschriften und Grenzwerte wurden eingehalten“, so Uhlmann. Die letzte Lieferung kam 2004. Die Mox-Brennelemente seien in jedem Druckwasserreaktor in Deutschland im Einsatz. Acht solcher Reaktoren sind in Betrieb. „Während über den Transport nach Grohnde diskutiert wird, wurden andere Kernkraftwerke bereits wieder mit Mox-Elementen beliefert“, so Uhlmann. Ohne Medienberichte und ohne Proteste. Allerdings kam die strahlende Fracht in diesen Fällen nicht aus Sellafield. Auch Grohnde wird zum ersten Mal aus der englischen Anlage beliefert.

Die Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield ist für Atomkraftgegner seit Jahren ein rotes Tuch. Immer wieder macht sie durch schwerwiegende Pannen und Umweltverschmutzungen von sich reden. Erst kürzlich wurde der Betreiber zu einer Strafzahlung verurteilt, weil zwei Mitarbeiter bei der Arbeit in der Anlage verstrahlt wurden.

Bei der Wiederaufarbeitung werden ausgebrannte Brennelemente aus Kernkraftwerken zunächst zersägt. Durch physikalisch-chemische Verfahren werden das noch vorhandene Uran, das durch den Abbrandprozess entstandene Plutonium und die Spaltprodukte getrennt. Das Plutonium kann dann zusammen mit Uranoxid zu Mox-Brennelementen verarbeitet werden. Aufgrund ihres Plutoniumgehalts übertrifft die Strahlungsgefährlichkeit dieser „Recyclingware“ allerdings die von herkömmlichem frischen Uranbrennstoff.

Der Einsatz von Mox-Elementen gehöre zum gesetzlich vorgeschriebenen Entsorgungsnachweis, erklärt e.on-Sprecherin Uhlmann. Bis 2005 lieferte das AKW Grohnde Brennelemente nach Sellafield und in die französische Anlage La Hague. Nun nehme man – in Relation – die Ergebnisse der Wiederaufarbeitung zurück.

Die Gegner der Mox-Transporte sehen in den strahlenden Lieferungen gleich mehrere Gefahren: Da wäre zum Beispiel das Horrorszenario, Brennstäbe könnten in die Hände von Terroristen gelangen. Aus frischen Mox-Elementen ließe sich vergleichsweise einfach das Plutonium abtrennen, erklärt Tobias Darge vom Jugendumweltnetzwerk Niedersachsen Janun, der das weserbergländische Plenum unterstützt. In einer Mitteilung des Anti-Atomkraft-Plenums Göttingen heißt es: „Der Transport aus Sellafield wird voraussichtlich genügend Plutonium enthalten, um daraus mehr als 15 Atombomben des Typs zu bauen, der 1945 über Nagasaki abgeworfen wurde.“

Zudem sei der Umgang mit den Mox-Elementen schwieriger als mit den herkömmlichen Brennelementen – sowohl bei der Arbeit im Reaktor als auch bei der Endlagerung: Die Strahlungsintensität von abgebrannten Mox-Elementen sei rund doppelt so hoch wie bei Uranelementen. Auch würde das Material längere Zeit gefährlich strahlen.

Noch ist allerdings unbekannt, wann genau und über welche Route die umstrittene Lieferung nach Grohnde rollen wird. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), dass jeden Transport genehmigen muss, hat noch keine Informationen vom Transporteur, wann genau der Laster auf die Reise geschickt wird, wie Pressesprecher Florian Emrich sagt: Ein genehmigter Transport im Herbst sei von den Beteiligten abgesagt worden. „Unstimmigkeiten bei der Routenplanung“ vermutet das BfS als Ursache, von nicht verfügbarem Strahlenschutzpersonal zu diesem Termin spricht e.on. Das Bundesamt, so Emrich weiter, sei aber ohnehin nicht für den Transport selbst zuständig: „Wir prüfen lediglich die Sicherheit des Behälters und der Route.“ Die Prüfung der Transportstrecke erfolge aufgrund der Stellungnahmen der Beteiligten, also dem Land Niedersachsen und dem Transportunternehmen, auch bei diesen Stellen ist jedoch diesbezüglich wenig Erhellendes zu erfahren.

Der Sprecher des niedersächsischen Innenministeriums Klaus Engemann verweist auf Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann. Dieser antwortete auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Landtag: „Eine allgemeine Information der von den Transporten berührten Kommunen erfolgt aus Gründen des Geheimschutzes nicht.“ Eine „vertrauliche Behandlung der Anmeldungen von sicherungsrelevanten Transporten“ sei eine wesentliche Voraussetzung für die „Gewährleistung des erforderlichen Schutzes gegen Störmaßnahmen und sonstige Einwirkungen Dritter.“

Gemutmaßt wird in Reihen der Atomkraftgegner zudem, dass die Produktion der Mox-Elemente in Sellafield viele Jahre hinterherhinkt. So seien im Sommer dieses Jahres erst drei der insgesamt acht für Grohnde bestimmten Mox-Elemente fertiggestellt. Ein Transport wird unbestätigten Quellen zufolge aber erst ab vier Mox-Elementen überhaupt vorgenommen.

Laut e.on soll der Transport auf jeden Fall vor der nächsten Kraftwerks-Revision in Grohnde einlaufen, die frühestens im April 2010 stattfinden wird. Die Terminfindung sei schwierig. Allzu bald ist die Anlieferung offenbar nicht zu erwarten.

Uhlmann hält die aktuelle Aufregung für Taktik der Atomkraftgegner: Diese hätten sich lange in ihren Aktionen auf Entsorgungstransporte konzentriert. Diese wurden 2005 durch die damalige Bundesregierung untersagt. „Nun konzentriert man sich auf die Mox-Elemente“, so die e.on-Sprecherin. Beim Anti-Atom-Plenum Weserbergland hat man jedoch mehr als die aktuellen Transporte im Blick: Bundespolitische Debatten über Laufzeitverlängerungen – auch für das AKW Grohnde – sorgen hier ebenso für Empörung wie Affären um die Atommülllager Asse und Gorleben. Gefordert wird letztlich der Ausstieg aus der Atomkraft, nicht nur ein Stopp der Mox-Transporte.

Petra Uhlmann hat die Vertreter des Anti-Atom-Plenums inzwischen ins Kraftwerk eingeladen. „Ich finde es immer besser“, sagt die e.on-Sprecherin, „wenn man direkt miteinander spricht.“ Die Antwort der Bürgerinitiative steht noch aus.

Wann der umstrittene Mox-Transport in Grohnde ankommt, ist ungewiss. Eine Lieferung vor dem nächsten Frühjahr scheint inzwischen unwahrscheinlich.

Foto: Wal

Acht Mox-Brennelemente sollen ins Atomkraftwerk Grohnde geliefert werden. Sie enthalten bis zu fünf Prozent hochgiftiges Plutonium. Die Wellen der Empörung schlagen hoch – und Betreiber e.on Kernkraft versteht die Aufregung nicht …



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