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Evangelische Damenstifte im Spiegel der Literatur: Pastor i.R. Müntinga gibt einen Überblick

"Stiftsdamen glauben alles - jede Geschichte"

Obernkirchen (rnk). Auch der literarische Olympier, der Gipfelstar der Schriftsteller, durchlebte Höhen und auch Täler. Nicht himmelhochjauchzend, sondern zum Tode betrübt, krank und pflegebedürftig kehrte Johann Wolfgang von Goethe 1768 nach Frankfurt zurück. Die Betreuung übernahm Susanne Katharina von Klettenberg, eine Stiftsdame aus dem Katharinenstift. Goethe war von ihrer Toleranz und Frömmigkeit zeitlebens beeindruckt und setzte ihr in "Wilhelm Meisters Lehrjahren" ein Denkmal. Für Dr. Hermann Müntinga war sie ein Beispiel dafür, welche hoch gebildeten, religiösen und sozial engagierten Frauen in einem evangelischen Damenstift zuhause waren; Frauen, die ihre adlige Herkunft nichts als Privileg, sondern als Verpflichtung verstanden.

veröffentlicht am 16.06.2007 um 00:00 Uhr

Hermann Müntinga

Den Hauptteil seinenÜberblickes über "evangelische Damenstifte im Spiegel der Literatur" widmete Müntinga Theodor Fontane, "dem Romandichter, dem Wanderer durch die Mark Brandenburg, dem Kenner der Geschichte und der Geschichte des Adels, dem Freund und Kritiker seiner Zeit". In seinen "Wanderungen" hatte Fontane über seine "mütterliche Freundin" und "gnädige Gönnerin" Mathilde von Rohr geschrieben, einer Preußin ganz nach dem Herzen Fontanes, die nicht Spaß haben will, sondern ihren Adelsstand als Verpflichtung zum Vorbild versteht. Bei Fontane, so erklärt Müntinga, ist auch das verbreitete Urteil einer Zeit zu lesen, die mit Neid auf die begehrten Stifts- und Klosterstellen sieht: Froh sind die armen Verwandten, wenn sie irgendwo eine Stiftsdame haben, die sie in der Not unterstützt. Fontane lässt es in den "Poggenpuhls" einen jungen Leutnant so ausdrücken: "Wer keinen Onkel hat, der hat doch wenigstens einen Großvater oder einen Pate oder eine Stiftsdame. Stiftsdame ist das Beste. Die glauben alles, jede Geschichte, die man ihnen vorerzählt, und wenn sie auch selber nicht viel haben, so geben sie doch alles, ihr Letztes." Zu den großartigen Frauengestalten, die Fontane schuf, zählt Müntinga auch Renate von Vitzewitz aus dem Roman "Vor dem Sturm". Dort arbeitet Fontane das besondere, das andere Motiv der adeligen Damen zum Eintritt in das Stift heraus: Nicht die standesgemäße Versorgung, nicht die Prahlerei, etwas besseres zu sein, sondern die Suche nach einem Leben der Einkehr bei sich selbst und mit den stillen Werken der Barmherzigkeit, erklärt Müntinga. Ein ganz anderes Kaliber ist dagegen Adelheid von Stechlin, die Fontane in seinem letzten Werk "Der Stechlin" beschrieb. 76 Jahre alt ist sie, für Müntinga "ein Original, das aber eher die problematischen Seiten dieses Standes spiegelt". Bevor der Leser sie kennen lernt, hört er den Bruder Dubslav mit seiner Einschätzung: "Mich hat sie zeitlebens schlecht behandelt." Und: "Wer Tante Adelheid geheiratet hätte, hätte sich die Tapferkeitsmedaille verdient, und wenn ich schändlich sein sollte, so sagte ich das Eiserne Kreuz." Fontane zeigt die Stiftsdame als herrischen Menschen, der harsche und selbstgerechte Urteile fällt. Von den märkischen kam Müntinga zu den niedersächsichen Stiften. Kurz streifte er Hermann Löns, der 1902 als Redakteur unserer Zeitung das Stift Fischbeck besuchten und "romantisch verklärt" den Friedhof beschrieb. Über Erich Heydenreich, Dietrich Speckmann und Ina Seidel kam Müntinga zur Gegenwart und zwei Bestseller-Autoren: Christine Brückner und Petra Oelker. Müntinga empfahl beider Bücher: Sowohl die Triologie der Brückner über die Familie der Quints aus Pommern und die historischen Romane der Oelker, die zwei Romane aus dem fiktiven Ort Möldenburg und einem evangelischen Kloster mit evangelischen Stiftsdamen. Sie seien mit einer guten Kenntnis der Welt evangelischer Klosterdamen geschrieben, wertete Müntinga. Das Fazit: Sehr schöner Vortrag, viel Applaus.

Idylle um die Jahrhundertwende: Unser Bild entstand 1901 und zei
  • Idylle um die Jahrhundertwende: Unser Bild entstand 1901 und zeigt drei Stiftsdamen im Klosterhof: Helene Morgenbesser, Louise Stölting, Thekla von Heusinger (v.l.)


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