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Erinnerung an die Pogromnacht vor 68 Jahren / Noch weitere Veranstaltungen geplant

Steine Symbol der Mahnung und des Gedenkens

Obernkirchen (kk). Ein Stein gilt als unvergänglich - ein Stück Ewigkeit. Ein Stein auf einem jüdischen Grab, auf einem Mahnmal, symbolisiert Gedenken - heute, morgen, immer. Seit Donnerstagabend liegen wieder viele Kiesel am Fuß des Gedenksteines an der Ecke Strullstraße/Bornemannstraße. Er erinnert an die Synagoge und die jüdische Schule, die sich einst hier befanden. Niedergelegt wurden die Steine von zahlreichen Obernkirchenern, jungen und alten. Schweigend. Nur beleuchtet von sechs Kerzen. Über hundert Mitbürger setzten damit ein Zeichen gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit.

veröffentlicht am 11.11.2006 um 00:00 Uhr

Eindrucksvolle Stimmung des Gedenkens. Am Fuß des Mahnmals (link

Eingeladen zur Gedenkfeier hatten die Kirchengemeinden und das Kulturfenster. Anlass war eines der schrecklichsten Ereignisse der jüngeren deutschen Geschichte, die Pogromnacht am 11. November 1938. In ganz Deutschland waren damals im Zeichen des Hakenkreuzes jüdische Mitbürger gequält, ihre Geschäfte geplündert, Synagogen geschändet worden. Auch in Obernkirchen. Diese Verbrechen wurden nicht etwa von anonymen Gewalttätern verübt, sondern von ganz normalen Menschen wie du und ich. Und die meisten, die damals nicht selbst aktiv wurden, schauten weg. Verleugneten das schreckliche Geschehen, Zwischenstation auf dem Weg zur Deportation und zum Mord an sechs Millionen Juden in Europa. Auch in Obernkirchen. In der Bergstadt sind diese Ereignisse besonders gut dokumentiert, wie Rolf-Bernd de Groot vom Kulturfenster in seiner Ansprache ausführte. Denn die Akten aus der Zeit des Nationalsozialismus sind fast komplett erhalten - bis hin zur Rechnung des Busunternehmens, das 1942 die letzten Obernkichener Juden aus der Stadt brachte. Endstation Konzentrationslager Theresienstadt, Endstation Mord. Wie konnte es soweit kommen in einer Stadt, in der Antisemitismus in der Arbeiterschaft, die die Mehrheit der Bevölkerung stellte, eigentliche keine Sympathien fand? Das allgemeine Klima der Unsicherheit, die Angst vor Arbeitslosigkeit und gesellschaftlichem Abstieg gerade im Mittelstand, Neid, Missgunst und Minderwertigkeitskomplexe können schwerlich alles erklären, erwiesen sich aber als gefährliche Mischung. De Groot warnte ausdrücklich vor Parallelitäten zur heutigen Zeit. Es gelte, die Augen aufzuhalten, wachsam zu sein, nicht wegzuschauen, wenn Nationalisten und rechte Gewalttäter ihre fremdenfeindliche Saat sähen. Pfarrer Norbert Mauerhof entzündete sechs Kerzen, Symbol für die sechs Millionen Juden, die vor 60 Jahren Opfer Deutschlands wurden. Gemeinsam mit seinen evangelischen Kollegen Herbert Schwiegk und Wilhelm Meinberg und dem evangelischen Kirchenchor gestaltete er den geistlichen Teil der Feier. "Wir sind auf einem guten Weg - Shalom!" schloss Schwiegk, der für den sichtlich bewegten Rolf-Bernd de Groot das Ende des Vortrags übernommen hatte. Damit verwies er auf fast freundschaftliche Kontakte zu den Nachfahren der Opfer und auf großes Engagement auch in der Jugend bei der Erforschung der Verbrechen von damals. In Obernkirchen wird nicht verdrängt, ist man sich sicher. Davon zeugen viele Kiesel am Fuß des Gedenksteines. Heute, morgen, immer. Es folgen weitere Gedenkveranstaltungen: Am morgigen Sonntag spielt die Gruppe "KAWIA" um 19.30 Uhr Klezmer in der St. Josef-Kirche. Am Mittwoch, 22. November, spricht Harald Scheurenberg von der jüdischen Kultusgemeinde Minden in der Roten Schule über jüdische Friedhofskultur. Beginn ist um 19.30 Uhr.

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