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Warum diese Rocker live so gut sind

Status Quo und das Denkmal für drei fette Akkorde

Viele Geschichten ranken sich um die Boogie-Rockband Status Quo. Eine davon führt Mitte der 1990er Jahre ins Rotlichtmilieu einer verschlafenen Stadt an der Weser, die im 13. Jahrhundert den Rattenfänger nach getaner Arbeit nicht bezahlen und zum Teufel schicken wollte. Der rächte sich, wie uns die Sage zu erzählen weiß. Wohl deshalb erfüllten zwei von mir sehr geschätzte ehemalige Rattenfängerhallenwärter an jenem Abend, als die Grundfesten der hässlichen Turnhalle, auf die die Stadtoberen bis heute auch noch stolz sind, von Gitarrenriffs zu erschüttern drohten, den Wunsch von Francis Rossi und Rick Parfitt. Sie stellten also ein rotes Sofa in den Backstagebereich und ließen zwei Damen aus der Alhambra-Bar herankarren. Die Wirkung der Tat verpuffte nicht: Es wurde ein toller Rock’n’Roll-Abend.

veröffentlicht am 28.05.2011 um 04:08 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:15 Uhr

Jens Meyer

Autor

Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Wo das rote Sofa heute steht? Keine Ahnung. Was die Damen mittlerweile tun? Woher soll ich das wissen? Ob die Geschichte wahr ist? Wer weiß… Ich weiß nur, dass Herr Rossi und Rick Parfitt immer noch rocken, so als wenn’s kein Morgen gäbe. „Und wenn morgen die Welt unterginge, würde ich noch heute… noch heute… noch heute sechs neue Saiten auf meine E-Klampfe ziehen.“ Schade, das haben die beiden Köpfe von Status Quo so nie gesagt. Ist aber ’n Traumzitat!

Was soll’s, quatschen ist ohnehin nicht deren Sache. Status Quo ist eine Band, die nie irgendeine Welt verbessern wollte, selbst die nicht, in der wir leben. Das ist echt lobenswert, sehr sogar, weil die U2-Bono’sche, Grönemeyersche, Dylan’sche Gutmenschenart mir immer auf den Sack gegangen ist. Rossi und Parfitt haben stets darauf verzichtet, Zeugs zu faseln, was sie ohnehin nicht einhalten können. Nächster Song, weiter geht’s.

„Rockin‘ All Over The World“ ist die einzige Message, die Status Quo seit den sechziger Jahren uns vermitteln wollen. Die Welt rocken, das tut man am besten mit Songs wie „Whatever You Want“, dem treibenden „Down Down“ und dem geilen, Neuneinhalb-Minutenstück „Fourty-Five Hundred Times“, dessen öffnendes Gitarrenintro nach 46 Sekunden den kreidig-singenden Parfitt ans Mikro lässt, der sich die Gesangsparts mit Rossi ebenso teilt wie das Songwriting.

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Der Erfolg hatte lange auf sich warten lassen. Die sechziger Jahre waren nicht besonders toll für die Band, die damals noch gar nicht Status Quo hieß. Francis Rossi hatte 1962 zunächst The Scorpions gegründet. Als 13-Jähriger! Catford, ein Stadtteil im Süden Londons, stand nicht gerade Kopf, aber man ließ den Jungen gewähren. „Wird schon klappen“, mag er sich gedacht haben – und sollte Jahre später Recht behalten.

Aus The Scorpions wurde Traffic Jam und aus dem Misserfolg der nächste. Nein, irgendwie funktionierte das nicht so toll. Traffic Jam war sowieso kein besonders guter Name, denn ein gewisser Steve Winwood feierte mit der Gruppe Traffic schon große Erfolge. Irgendetwas musste jetzt geschehen. Irgendwann, nehmen wir mal an, es war an einem tristen, regnerischen Montagnachmittag mit schlechtem Kaffee und saurer Sahne, lief dem Glück suchenden Herrn Rossi Rick Parfitt über den Weg. Vielleicht rauchten sie einen Joint, vielleicht tranken sie ein paar britischwarme Bitterbiere als junge Draufgänger. Was auch immer an jenem Tag geschah, es war die Geburtsstunde von Status Quo!

Der Bann der Erfolglosigkeit war gebrochen. Parfitt, Jahrgang 1948 und heute sowohl Träger des Verdienstordens Order Of British Empire als auch von vier Bypässen (Rock, Suff, Drogen sind der Gesundheit nicht förderlich), wurde neben Rossi zum Hauptsongschreiber. 1968, kurz nach Gründung der „neuen“ Band, folgte der erste Hit: „Pictures Of Matchstick Men“. Aus heutiger Sicht eine müde Nummer, aber es war der Anfang einer grandiosen Erfolgsgeschichte.

Nur wenige herausragende Rockgruppen wie etwa Deep Purple oder Queen erreichten die Erfolge von Status Quo. „Quo, Quo“ ist nicht nur ein niemals müde werdender Fangesang einer eingeschworenen Gemeinschaft auf Livekonzerten, sondern steht für mittlerweile weit über 130 Millionen verkaufte Tonträger weltweit! Über 50 Singles schossen teils bis in die vorderen Ränge in die UK-Charts, rund 100 waren es insgesamt, die veröffentlicht und aus 28 Studioalben ausgekoppelt wurden.

Überhaupt: Großbritannien. Die Band hat nie vergessen, wo sie herkommt, und während die Stones oder Led Zeppelin aus steuerlichen Gründen und Größenwahn in Richtung Festland-Europa und Vereinigte Staaten von Amerika schielten, war Status Quo mit good old England fest verwurzelt. Auch in Deutschland ist die Fangemeinde groß. Turnschuhe, Bluejeans, T-Shirt und ’n frisch gezapftes Pils: So sieht die „Wild Side Of Life“ der Quo-Fans aus. Eine eingeschworene Gemeinschaft. Konzerte sind wie ein Familientreffen, ob mit oder ohne rotem Sofa im Backstagebereich.

Worin begründet sich dieser faszinierende Erfolg? Im Vorhersehbaren, nicht Experimentellen, vielleicht. Immerhin haben sich Rick Parfitt und Francis Rossi mehr als vier Jahrzehnte lang nicht um Trends in der Popmusik gekümmert, ja sogar sehr erfolgreich dagegen aufgelehnt mit drei Akkorden und basta. Sie haben ihr Ding gemacht, und ob sie nicht mehr als das konnten oder wollten, ist wurscht. So wie es Rossi und Parfitt mit ihren Mitstreitern getan haben, war’s gut. „Break Every Rules“.

Ohne Quo wäre die Welt des Rock um eine Attraktion ärmer. Diese Erkenntnis erschließt sich nicht über ihre fast 30 Studioalben (inklusive „Best Of’s“). Das aktuelle – immerhin kann die Band im Gegensatz zu vielen anderen, die schon lange im Geschäft sind, noch damit dienen – schwebt im bedeutungslosen Halbschwangerzustand. Im Grunde genommen ist seit „In The Army Now“ Mitte der achtziger Jahre nicht mehr viel geschehen. Wer sich Status Quo erschließen will, muss sie live sehen und hören, da gehen sie ins Blut über, ein intravenöses Erlebnis sozusagen. Nicht zufällig gehört das 1977er Album mit dem schlichten Titel „Live“ zu den ausdrucksvollsten Platten der Band. Studioarbeit ist nicht so die Sache von Parfitt, Rossi und Konsorten, eher ein notwendiges Übel. Erst wenn die Fans grölend zu Tausenden vor der Bühne stehen und aufs „Whatever“-Intro einen heben, geht auch für Status Quo die Post ab.

Urplötzlich habe ich die Langweilervisage von Eros Ramazzotti vor Augen. Es muss im Sommer 1995 beim „Rock Over Germany“-Festival auf dem Flugplatz Lüneburg, gleich an der B4, gewesen sein. Ramazzotti hatte ohne Zweifel keinen Bock auf Mucke, saß mit einer lächerlichen Wollkappe zeitweise mit dem Rücken zum Publikum hinten auf dem Podest, wo sein Schlagzeuger einzupennen drohte (klar, der hatte ja nichts zu tun). Seitdem trinke ich höchstens mal einen Ramazzotti, aber hören, nein danke. Die Veranstalter waren gut beraten, danach Status Quo auf die Bühne zu schicken.

Plötzlich waren 80 000 Menschen wach. Keine Kaspermucke, sondern volles Rohr ins Ohr. Eben aus jenem Grunde war die Band schon am 13. Juli 1985 gebeten worden, das große Live-Aid-Spektakel um Punkt 12.01 Uhr Mitteleuropäischer Zeit im Londoner Wembley-Stadion zu eröffnen. Mit „Rockin‘ All Over The World“ natürlich. Das ist nicht der beste Song der Band, aber keiner hätte besser dafür gepasst.

Welch Ironie, dass der Song mit dem Titel „Down Down“ top war: 1974 Nummer 1 in den UK-Charts. Die Single „In The Army Now“ schaffte es 1986 sogar in Deutschland auf Platz 1. Die Liste der Erfolge ließe sich auf diese Weise fröhlich weiterführen. Verbunden ist sie stets mit Rossi und Parfitt. Sie sind das Herzstück der Band, sind von Anfang an dabei. Bassist Alan Lancaster verließ die Gruppe 1985, Drummer John Coughlan bereits 1981. Zur aktuellen Besetzung gehören Andy Bown (Gitarre, Harmonica), John „Rhino“ Edwards (Bass) und Matt Letley (Schlagzeug). Egal, wer mitmischt: Frei nach Dichterin Mascha Kalèko würde ich sagen: „Die andern sind das weite Meer, Rossi und Parfitt aber sind der Hafen.“

Im Frühling 1976 landete Status Quo mit dem Album „Blue For You“ übrigens nicht nur einen Hit, sondern selbst auch für einige Stunden im Knast. Rossi, Parfitt und Lancaster wurden auf dem Wiener Airport festgenommen, weil Lancaster angeblich einem Beamten eine reingehauen haben soll. Auf Kaution kamen die drei schnell wieder frei, die Ösis brauchten wohl Geld. Nur dieses winzig-kleine Skandälchen haben die Boogie-Bluesrocker im Laufe ihrer langen Band-Geschichte schlagzeilenträchtig hinbekommen. Das ist echt enttäuschend.

Erscheint in Kürze im Hannibal-Verlag: Die Autobiographie von Francis Rossi und Rick Parfitt (oben). Bild links: „Best Of“ mit einem Foto aus alten Tagen: Andy Bown, Alan Lancaster, Francis Rossi, Rick Parfitt (v.l.) und John Coghlan (vorne).

I want all the world to see To see you’re laughing

And you’re laughing

at me I can take it all from you

Again again again again

again again again Deeper and down

Down down

deeper and down Down down

deeper and down.



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