weather-image
Gedenkveranstaltung für Opfer der Zwangsarbeit in Schaumburg am Mahnmal im "steinzeichen" Steinbergen

Starker Gegenpol gegen das Vergessen macht Hoffnung

Eilsen/Steinbergen (mig). Am Mahnmal für die Opfer durch Zwangsarbeit in Schaumburg auf dem "steinzeichen"-Gelände bei Steinbergen beobachten "Antirassismus-Scouts" die gerade stattfindende Gedenkveranstaltung: "Wir sind vorsichtig," sagen sie, "wir wissen, dass örtliche Rechts-Gruppen angekündigt haben, derartige Aktionen ,begleiten' zu wollen." Vorsicht ist auch der Grund, warum die beiden ihre Namen nicht nennen wollen.

veröffentlicht am 19.06.2006 um 00:00 Uhr

Jugendliche aus Bad Eilsen, Luhden und Steinbergen erinnern an e

Die Verbrechen der Vergangenheit wurden auf der zentralen Gedenkveranstaltung für die Schaumburger Opfer durch Zwangsarbeit überdeutlich. Die Untaten der Nationalsozialisten fanden nicht nur an weit entfernten Orten statt, sondern auch vor unserer Haustür: in Rehren, im KZ-Außenlager Porta Westfalica oder im Steinbruch Steinbergen. Dort, wo früher Zwangsarbeiter schuftenmussten und starben, ist heute das Expo-Projekts "steinzeichen" beheimatet. Ein Mahnmal aus Sandstein erinnert an die Leiden der Gefangenen. Dieser Steinblock war der zentrale Erinnerungs-Ort der Veranstaltung, an der Mitglieder des Heimat- und Kulturvereins Eilsen, der evangelischen Jugend aus Bad Eilsen, Luhden und der Kirchengemeinde Steinbergen mitwirkten. Ziel war, darauf aufmerksam zu machen, dass die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt. Deshalb stand das Gedenken unter dem Motto: "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft." Mit einer besonders eindrucksvollen Inszenierung machten die Mitglieder der evangelischen Jugend dieses Motto lebendig. Die beiden Jugendgruppen arbeiten schon seit knapp zwei Jahren an dem Geschichts-Projekt. Sie haben Zeitzeugen befragt, aber auch mit Leuten auf der Straße gesprochen. Mit einem trommelnden Pastor Lutz Gräber an der Spitze, marschierten sie mit Plakaten - "Lernt aus der Vergangenheit" - an den Gästen vorbei. Anschließend wurde ein Dialog entwickelt. Rede und Gegenrede wechselten sich dabei ab. In einer Montage wurden die immer gleichen "dummen Sprüche" aufgenommen - und dann entkräftet. Sätze, die so oder ähnlich immer mal wieder auf Schaumburgs Straßen fallen: "Aber was hat das denn alles mit Schaumburg zu tun? Hier waren die doch gar nicht." Oder: "Die hatten es hier gar nicht so schlecht." Nachdem den Gästen dergestalt ein Spiegel vorgehalten worden war, stellten die Akteure den tatsächlichen Alltag der Zwangsarbeiter dar. So ist in Erlebnisberichten ehemaliger Zwangsarbeiter von schweren Bestrafungen und willkürlichen Erschießungen die Rede. Insgesamt litten in Schaumburg über 1600 Zwangsarbeiter. Dass trotz Geschichtsunterrichts an Schulen und eines breiten gesellschaftlichen Konsenses gegen Rechts immer noch "braunes" Gedankengut kursiert, zeigte eine von den Jugendlichen verlesene Umfrage. Dem Satz "Ausländer sind selbst schuld, wenn man etwas gegen sie hat" pflichteten noch 2004 fast die Hälfte der Befragten bei. Das Erstarken rechter Ideologien und Gruppen diagnostizierte auch Landrat Heinz-Gerhard Schöttelndreier. Hoffnungsvoll schloss er: "Dies alles hier zeigt mir, dass es auch einen starken Gegenpol gibt." Er forderte die Gäste auf, aufmerksam zu bleiben. Am Eingang zur Ausstellungüber ehemalige Lager und Zwangsarbeiter in Schaumburg hatten sich die Mitglieder des "Alternativen Aktionsbündnisses Bückeburg" postiert. Sie berichteten von Anfeindungen durch Schaumburger Neonazis. Sorgen bereitet ihnen ein Erstarken der hiesigen rechten Szene. Die Berichte über das Gefängnis der britischen Armee in Bad Nenndorf, die Fußballweltmeisterschaft - all das sorgt dafür, dass nationale Gefühle überkochen. Ein Bündnismitglied: "Wir haben neulich sogar eine Reichskriegsflagge in Engern gesehen." Als Gegenveranstaltung ist am 24. Juni in Bückeburg ein "Street-Soccer-Cup geplant". Außerdem will die Initiative Jugendliche zu "Antirassismus-Scouts" ausbilden. Diese sollen dann in ihrem Freundeskreis oder in der Schule als Multiplikatoren wirken. Im September soll ein "Anti-Ra"-Workshop stattfinden.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2017
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare