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Die Schaumburger AfD blickt auf die Kommunalwahl / Rintelner Stadtverband steht vor Gründung

Stammtisch-Parolen bleiben aus

Rinteln. Was stellt man sich unter einem politischen Stammtisch vor? Beschwingte Reden frei von der Leber weg, gern auch mal etwas derbere Sprüche, es darf auch abseits der Political Correctness sein.

veröffentlicht am 07.02.2016 um 19:28 Uhr
aktualisiert am 15.08.2016 um 15:07 Uhr

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Autor:

von hans weimann

Der „Stammtisch“ der Alternative für Deutschland (AfD) am Freitagabend im Schaumburger Ritter im Konferenzraum 3 war genau das Gegenteil davon. Laut waren nur die „Ritter“ zwei Säle weiter. Sogar die Biertrinker waren bei der AfD in der Minderzahl. Die Frauen allerdings auch. Sieben an der Zahl, 28 Männer der Generation fünfzig plus. „Es waren überraschend viele da“, wird Vorsitzender Daniel Carl aus dem Auetal später sagen. Es waren überraschend wenig, wenn man die Klickzahlen für den Stammtisch im Internet sieht: 237 Aufrufe.

Irreführend könnte man auch die Vokabel „Stammtisch“ nennen. „Kommunalpolitisches Seminar“ wäre wohl die treffende Ankündigung für den Abend gewesen. Dann hätten auch die fünf Antifa-Aktivisten vor dem heimischen TV sitzen bleiben können, die sich stattdessen vor dem Fenster des Konferenzsaals fröstelnd herumdrückten und der Dinge harrten, die nicht kamen. So wurde Wilhelm von Gottberg, der drinnen referierte, nur von immer neuen Ankömmlingen unterbrochen für die neue Stühle heran geschafft werden mussten.

Von Gottberg erklärt

das kleine Einmaleins der Kommunalpolitik

Von Gottberg, Bürgermeister von Schnega im Landkreis Lüchow-Dannenberg, eilt ein gewisser Ruf voraus. Wertkonservativ. 40 Jahre CDU-Mitglied, dann ausgetreten.

Die AfD-Mitglieder, Sympathisanten oder einfach neugierige Bürger im Saal, sahen einen 75-jährigen hageren Mann, erstaunlich fit für sein Alter, der entspannt am Rednerpult stand. Gottberg erklärte quasi aus dem Stehgreif den Versammelten das kleine Einmaleins der Kommunalpolitik. Es waren eher die Nebensätze in denen von Gottberg an diesem Abend seinen politischen Standpunkt klar machte. Er stehe rechts außen, müsse er gelegentlich in der Presse lesen, war so ein Halbsatz. Gottberg sieht es vermutlich anders. Nicht er hat sich bewegt. Sondern seine CDU, die nach links geschwenkt ist. Eine Kursänderung, die er wohl nicht mitmachen wollte.

Wo er sich positioniert, erhellt auch seine Vita: Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen, bis zur Pensionierung Lehrer für Staats- und Verfassungsrecht an der Polizeifachschule des Bundesgrenzschutzes. Die Journalisten bei ihm zu Hause führten ihn immer noch als „parteilos“, erzählt er. Das sei zumindest so weit korrekt, als er bei den letzten Kommunalwahlen als Parteiloser kandidiert habe. Und auch private Einblicke gewährt der Landadelige: sechs Kinder, 16 Enkelkinder, der jüngste Sohn studiert im Ausland.

Dann folgen Sätze über ausgeglichene kommunale Haushalte und Binsenweisheiten für Kommunalpolitiker wie: Tilgungsraten und Zinsen schränken den Handlungsspielraum einer Kommune ein. Dinge, die er ebenso gut vor der CDU, der SPD oder der Wählergemeinschaft hätte kundtun können. Niemand hätte ihm widersprochen.

Das Wahlprogramm

müsse sich jeder Kandidat selber schreiben

Dann noch ein paar Tipps für den Wahlkampf, denn die AfD meint es ernst, sie will in die Rathäuser und Kreistage: keine Köpfe plakatieren, die gehören in einen Flyer. Und Gottberg macht klar, dazu braucht man Geld. Und dafür müsse ein Kandidat auch schon selbst mal in die Tasche greifen. Es gebe bei der AfD kein einheitliches Kommunalprogramm, weil die Probleme in jeder Kommune anders lägen, das müsse sich jeder selber schreiben. Doch ein paar Eckpunkte nennt Gottberg schon: für ein dreigliedriges Schulsystem, mehr Polizei in der Fläche: „Schützen statt blitzen!“

Man nimmt ihm ab, dass er ein gewiefter mit allen Wassern gewaschener Kommunalpolitiker ist, dem es nicht an Selbstbewusstsein mangelt: In seinen besten Zeiten hätte man einfach ein Plakat von ihm aufstellen müssen, er wäre gewählt worden. Und von Gottberg gießt eigene Erfahrung in Lehrsätze für sein Publikum. „Sie müssen sich engagieren im Sportverein, in der Feuerwehr, im Schützenverein“. 1985 sei er selbst Schützenkönig gewesen. Und Gottberg appelliert: Stellen sie gute Leute an die Spitze der Liste, „die charakterlich in Ordnung sind“.

„Charakterlich in Ordnung“ darf man wohl als Absage an wirre Querköpfe interpretieren. Von Gottberg weiß, dass Journalisten im Saal sind und diesen Satz mit notieren werden. Auch sein nächster ist wohl mehr für die Presse als die Parteimitglieder gedacht: „Wir werden mehr Stimmen bekommen als wir Kandidaten haben.“ Eine Prognose über Prozente gibt er allerdings nicht ab.

Von Gottbergs Rede unterbricht am Ende nicht das Häuflein Demonstranten vor der Tür, das ohnehin längst von der Polizei weggebeamt worden ist, sondern die Kellnerinnen mit den bestellten Salaten, Currywurst mit Pommes, Käseplatte. Von Gottberg und Carl wählen einen strammen Max. Dr. Jens Wilharm, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes, hat sich für einen Burger entschieden.

Ans Rednerpult geht er nicht (zumindest nicht, solange Journalisten im Raum sind). Er hätte Sätze sagen können wie am 13. Januar in Erfurt: „Eine Willkommenskultur gibt es in Deutschland in Wahrheit nicht. Sie wird von den Leit-Medien herbeigeschrieben. Es gibt überall Mitbürger, übrigens auch AfD-Mitglieder, die einfach nur helfen wollen und sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie diese Masseneinwanderung befürworten“.

In Rinteln gibt

es im Moment zehn Mitglieder der AfD

Pause, ein Gespräch im Flur. Daniel Carl gibt die nächsten Schritte der AfD bekannt: In Rinteln soll ein Stadtverband gegründet werden, neun Mitglieder seien es schon und ein neues Mitglied habe gerade im Saal unterschrieben. Macht unterm Strich zehn. Genug für die Gründung eines Stadtverbandes als Untergliederung des Kreisverbandes.

Rinteln ist nicht Dresden. Schaumburg schon gar nicht. Doch ein gewisses Unbehagen ist auch an diesem Abend spürbar. Da erwarten Antifaleute vor der Tür wohl Parolen, die nicht kommen, die sie nicht hören, die niemand erzählt. Umgekehrt sorgen sich die AfD-Stammtischbesucher um den Lack ihrer Autos, man hört: „So ein Kratzer ist schnell gemacht.“ Und: „Wir fahren zu Hause einmal um den Block, um zu sehen, ob uns keiner folgt.“



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