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Mahnmal für Nazi-Opfer: Bürger und Experten wollen persönliche Schicksale im Vordergrund sehen

Stadthäger Denkmal für "Kopf und Herz"

Stadthagen (jl). Egal in welcher Form in Stadthagen an der Opfer des Nazi-Terrors zwischen 1933 und 1945 erinnert werden wird: In der Auftaktveranstaltung am Dienstagabend hatten sowohl am Rednerpult als auch in der randvoll besetzten Aula der Schule Am Schlosspark Stimmen die Mehrheit, die für eine Form des Erinnerns sprachen, die auf "Kopf und Herz" wirken sollen. So hat es beispielsweise Horst Seferens, der Leiter der Gedenkstätte Oranienburg, in seinem Vortrag zugespitzt.

veröffentlicht am 18.10.2007 um 00:00 Uhr

Die 350 Zuhörer sind konzentriert bei der Sache. Foto: rg

Wie in unserer gestrigen Ausgabe berichtet, war die von der "Schaumburger Landschaft" im Auftrag des Stadthäger Rates organisierte Veranstaltung der Auftakt eines öffentlichen Prozesses. Davon sei ein Denkmal nur "ein Teil" betonte Sigmund Graf Adelmann, Geschäftsführer der "Landschaft", in seiner Begrüßung. Das mit dem Denkmal komme später. Die Meinungsbildung um das Wie und Wo soll nach den Darlegungen von Projektleiter Günter Schlusche in der dritten öffentlichen Veranstaltung Anfang kommenden Jahres stattfinden. Dazwischen, am 28. November, geht es um das Thema der Verbindung des Stadthäger Projektes mit anderen Initiativen im Kreis und Umgebung sowie die mögliche Einbeziehung der ehemaligen Synagoge der Kreisstadt. Schlusche stellte die These in den Raum, dass "Erinnerungskultur Streitkultur ist". Das sei nichts Schlimmes, das sei ein Mittel der Verständigung. "Konstruktiver Streit" sei auch der Sinn der Veranstaltungsreihe. Ganz wichtig ist dem Projektleiter, dass die "Botschaft an künftige Generationen" gelangt. Den Begriff "Botschaft" füllte Seferens mit dem Inhalt, dass der Holocaust einen radikalen "Zivilisationsbruch" in einer hochentwickelten Gesellschaft darstellt. Das unterscheide ihn von anderen Völkermorden und Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Dieser Ausbruch in die "Barbarei" sei die "Geschichte der eigenen Eltern und Großeltern". "Die Ungeheuerlichkeit von Auschwitz hat vor der eigenen Haustür begonnen", stellte der Referent fest. Seferens nannte zwei Beispiele von Gedenkstätten, bei denen die Geschichten der Opfer und die lokalen Schauplätze auf unterschiedliche Art und Weise die zentralen Inhalte bilden. Dieser Impuls und eine Anmerkung von Moderator Klaus-Henning Lemme zum Beispiel der Bückeburger Stolpersteine wurde vom Publikum in der Diskussion positiv aufgegriffen. So erhielt der frühere Sparkassenchef Günter Möller starken Beifall, als er forderte, statt einer abstrakten Erinnerungsstätte "die persönlichen Schicksale in den Vordergrund zu stellen". "Wie hätte ich gehandelt -diese Frage muss gestellt werden", schloss der Pädagoge Helge Krzykowski an. Wichtig sei es, junge Menschen zum "Nach-Denken" zu bringen. Der Rintelner Superintendent Andreas Kühne-Glaser möchte den Bogen der Fragen, die eine Gedenkstätte anspricht, noch weiter gespannt sehen. "Was ist Leben, was macht Leben lebenswert?" und "Was müssen wir tun, damit es nicht wieder so kommt?" So könne Erinnern mit der Bewältigung der Gegenwart verknüpft werden. Die Moderatoren Lemme und Landesbischof Jürgen Johannesdotter zeigten sich am Ende sichtlich zufrieden, "dass Sie sich von dieser prozessualen Idee mitreißen lassen haben", wie es der Geistliche ausdrückte. Leicht augenzwinkernd fügte Johannesdotter an, dass viele an diesem Abend sicherlich gekommen seien, um über die in der Zeitung publizierte Mahnmal-Idee an der Amtspforte zu diskutieren. Dazu fiel aber kein direktes Wort aus dem Publikum aus der bereits in unserer gestrigen Ausgabe erwähnten "Kranzabwurfstelle".

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