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Sprechen Politiker eine eigene Sprache?

Sie sprechen vom „Leuchtturmcharakter“ oder sagen gern „Da sind wir gut aufgestellt“. Wer kennt sie nicht – diese stereotypen Ausdrücke einer Sprechweise, die uns von heimischen Politikern ebenso wie von denen auf Bundesebene nur zu gut bekannt ist. Dazu kommen politische Sprachgebilde wie „Null- oder Minuswachstum“, was ein Paradoxon schlechthin ist, oder – aus der Wirtschaft – „Preiskorrekturen“, wenn Preiserhöhungen gemeint sind.

veröffentlicht am 21.02.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 22.02.2010 um 10:34 Uhr

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Sie sprechen vom „Leuchtturmcharakter“ oder sagen gern „Da sind wir gut aufgestellt“. Wer kennt sie nicht – diese stereotypen Ausdrücke einer Sprechweise, die uns von heimischen Politikern ebenso wie von denen auf Bundesebene nur zu gut bekannt ist. Dazu kommen politische Sprachgebilde wie „Null- oder Minuswachstum“, was ein Paradoxon schlechthin ist, oder – aus der Wirtschaft – „Preiskorrekturen“, wenn Preiserhöhungen gemeint sind. Waffen sind im politischen Sprachgebrauch „friedenssichernde Systeme“ in einem „bewaffneten Konflikt“, der nichts anderes als ein Krieg ist, und die Gefahr, die von einem Atomkraftwerk ausgeht, ist nur ein „theoretisches Restrisiko“. Sind beschönigende Bezeichnungen, sogenannte Euphemismen, für Politiker ein Mittel zur Verschleierung der Realität? Warum meinen unsere Volksvertreter, sich in Phrasen und blumige Umschreibungen flüchten zu müssen? Können oder wollen sie Sachverhalte nicht beim Namen nennen?

Es gibt eine schier unübersehbare Flut an Forschungen in der Linguistik, der allgemeinen Sprachwissenschaft, zu Phrasen und „idiomatischen Ausdrücken“. Letztere bezeichnen Redewendungen, die in einem übertragenen Sinne gemeint sind wie zum Beispiel „sich an die eigene Nase fassen“. Doch, obwohl die Fachrichtung Politolinguistik existiert, gibt es laut Sprachwissenschaftler und Autor Helmuth Feilke, der zahlreiche Bücher zum Thema veröffentlich hat, keine spezielle Politikersprache.

Mit Dr. Peter Meyer vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim haben wir versucht, dem vermeintlichen Phänomen „Politikersprache“ auf den Grund zu gehen. Und spätestens bei „auf den Grund gehen“ merken Sie schon, auch wir benutzen bewusst oder unbewusst immer wieder Phrasen. Das, was uns an der Sprache der Politiker auffällt, ist also letztlich die idiomatische Prägung der menschlichen Sprache allgemein.

„Jedes Wort und viele zusammengesetzte Ausdrücke und sprachliche Konstruktionen werden von uns Sprachbenutzern fest mit ganz bestimmten Situationen assoziiert, in denen man diese Ausdrücke üblicherweise verwendet. Aus der unendlichen Vielzahl von sprachlichen Möglichkeiten kristallisieren sich im Sprachgebrauch bestimmte Muster als Konventionen heraus, die sozusagen vorgeben, was in welcher Situation als eine angemessene Ausdrucksweise aufgefasst wird“, erklärt Meyer. „Das betrifft absolut jeden Sprachgebrauch – bei Politikern fällt es uns bloß besonders auf, weil sie besondere mediale Aufmerksamkeit bekommen.“

Weiter führt er aus: „Jede gewöhnliche Konversation ist hochgradig von Schablonen geprägt. Warum ,wäscht‘ man Autos und Ohren, aber ,putzt‘ Fenster und Zähne? Wenn man ,Kaffee trinken geht‘, wird mit der Wortwahl ein bestimmter Situationstyp nahegelegt, wo es auch um sozialen Austausch, Gemütlichkeit und so weiter geht – auch reine Teetrinker können ja zusammen einen Kaffee trinken gehen!“ In vielen Fällen seien solche idiomatischen Fügungen im Laufe der Zeit zum festen Bestandteil des Wortschatzes geworden. „Politiker werden nun besonders gerne Ausdrücke verwenden, die zum Beispiel Tatkraft, Handlungsbereitschaft signalisieren oder Ängste vermeiden sollen oder üblicherweise als Angriff auf den politischen Gegner gewertet werden oder die Aktualität, Zeitgeistnähe des politischen Denkens nahelegen sollen.“ Doch Meyer betont: „Ihre Sprache ist nicht stärker idiomatisch geprägt als irgendein anderer Typ von Sprachverwendungssituationen.“ Es falle uns wegen der medialen Exponiertheit der Politiker nur viel stärker auf als in Alltagssituationen, in denen wir auf die Sprache einfach nicht achten. „Gummisprache wie ,gut aufgestellt sein‘ kenne ich auch selber aus dem Unibereich zur Genüge!“ Offenbar sei dieser Ausdruck derzeit assoziiert mit positiver Selbstdarstellung und mit einem an aktuellen Anforderungen orientierten Bemühen um Konkurrenzfähigkeit.

Auch wenn es also keine reine Politikersprache gibt, Sprache ist das wichtigste Mittel in der Politik. Wenn Entscheidungen anstehen, sollen die Ideen Einzelner zur Meinung vieler werden, und dafür sind die rhetorischen Künste von Politikern beziehungsweise ihren Redenschreibern und Personality Coaches gefordert. Oftmals ist es ein sehr existenzielles Bedürfnis unserer Volksvertreter, Sachverhalte positiv darzustellen. Politiker müssen Wähler von ihren Ideen überzeugen und sich mit Lobbyisten arrangieren, um an die Macht zu gelangen oder sie zu behalten und um in ihrem politischen Umfeld handlungsfähig zu sein. Somit ist Sprache schon immer das wichtigste Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele und zum persönlichen Machtbesitz und Machterhalt.

Aber wie funktioniert Sprache? Dr. Peter Meyer erklärt es an einem praktischen Beispiel. „Stellen Sie sich vor, Sie werden von einem Kollegen im Auto mitgenommen. Gerade stehen Sie an der Ampel. Nun sagen Sie zu ihrem – fahrenden – Kollegen: ,Es ist grün.‘ “ Natürlich wird damit zunächst ein Sachverhalt sprachlich fest- und dargestellt. „Aber Ihr Kollege wird Ihre Äußerung mindestens noch auf zwei anderen Ebenen interpretieren und dabei möglicherweise auch fehlinterpretieren: Dadurch nämlich, dass Sie genau diesen Satz in genau dieser Situation benutzt haben anstatt zu schweigen, ein anderes Thema oder eine andere Formulierung zu wählen, haben Sie etwas über sich selbst verraten oder legen es nah (Ungeduld? Zweifel an der Aufmerksamkeit des Fahrers?). Und Sie positionieren den Angesprochenen, bringen ihn zu einer Reaktion auf Ihre Sprechhandlung. Der Satz wird vermutlich als Aufforderung interpretiert.“

Die Idee, dass jede sprachliche Äußerung die drei Funktionen Darstellung (eines Sachverhalts), Ausdruck (von Sprecherintentionen) und Appell (an den Hörer, Leser), mit sich bringt, ist alt, und es gibt längst viel raffiniertere Theorien. Laut Peter Meyer ist sie für eine kurze Darstellung aber bestens geeignet.

Wenden wir das simple Modell aus dem Beispiel von Dr. Meyer an der aktuellen Äußerung von Hessens Justiz- und Integrationsminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) an. Dieser sagte: „Ich halte es nicht für gerecht, dass jemand staatliche Unterstützung erhält, ohne etwas dafür zu leisten.“ Man stelle sich vor, diesen Satz sagt ein ArbeitsamtsAngestellter zu einem Arbeitslosen, der vielleicht schon seit langer Zeit verzweifelt versucht, eine Arbeit zu finden. Der erzielte Ausdruck wäre: „Ich halte Sie für faul, neide Ihnen Ihr vermeintlich bequemes Leben, habe keine Lust, etwas für Sie zu tun.“ Sein Appell wäre wohl in der Art von: „Strengen Sie sich mehr an, kommen Sie nicht wieder, schämen Sie sich …“ Für Jörg-Uwe Hahn war es „nur“ eine gezielte Feststellung, die eine bestimmte Klientel erreichen sollte.

Laut Dr. Peter Meyer haben Politiker keine Wahl. Sie können sich der Interpretation von allem, was sie sagen, nicht nur auf der Sach-, sondern auch auf der Ausdrucks- und Appellebene nicht entziehen. Da sie ständig in der Öffentlichkeit agieren, müssen sie sehr aufpassen, dass die Interpretation in ihrem Sinne verläuft und dass die gewünschten Hörerkreise sich angezogen, angesprochen und bestätigt fühlen. Dafür dass dies funktioniert, gibt es seit der Antike die Disziplin der Rhetorik, deren Aufgabe es ist, Menschen beizubringen, wie sie sich sprachlich nach Wunsch erfolgreich gegenüber anderen positionieren.

Und das scheint ihnen zu gelingen. Zumindest nehmen wir den Sprachgebrauch der Politiker besonders wahr, wenn auch nicht immer positiv. Denn gerade durch sich immer wiederholende Phrasen und Euphemismen könnten sie ein Stück weit auch für die zunehmende Politikverdrossenheit mitverantwortlich sein.

„Minuswachstum“ statt Rezession, „bewaffneter Konflikt“ statt Krieg: Mancher Satz unserer Volksvertreter verschleiert mehr als er verrät. Wissenschaftler haben die Sprache von Politikern unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Im Grunde sind sie auch nur Menschen …



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