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Goethe Freilichtbühne Porta spielt George Bernhard Shaws "Pygmalion"

Sprachlehrer mutiert zum Dompteur, und sein Opfer emanzipiert sich

Porta Westfalica. "Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen ..." Wer erinnert sich nicht gerne an die hinreißende Audrey Hepburn, als sie in "My fair lady" unter den gestrengen Augen von Rex Harrison ihre Sprachübungen absolvierte. Mit der literarischen Vorlage "Pygmalion" hat sich die Goethe Freilichtbühne Porta erstmals seit über 40 Jahren wieder eines Stoffes von George Bernhard Shaw angenommen, des Dichters, der als einziger der Welt sowohl mit dem Literatur-Nobelpreis als auch mit dem Oscar ausgezeichnet wurde.

veröffentlicht am 13.06.2007 um 00:00 Uhr

Bei "Pygmalion"überwiegen die leiseren, humoresken Töne und die

Autor:

Johannes Pietsch

Unter den nicht einfachen Vorzeichen einer Spielplanänderung (ursprünglich sollte 2007 die "Feuerzangenbowle" gegeben werden) und eines kurzfristigen Regisseurwechsels ist den Goethe-Spielern erneut eine höchst unterhaltsame, witzige sowie durch und durch sympathische Inszenierung geglückt. Im Gegensatz zum prall-volkstümlichen, teilweise derb-komischen "Don Camillo" im Vorjahr überwiegen bei "Pygmalion" die leiseren, humoresken Töne und die Spannungsbögen, die sich während des Stückes zwischen den handelnden Personen entwickeln. Getragen wird "Pygmalion" eindeutig vom Dreigestirn seiner Hauptdarsteller. Allen voran weiß Astrid Liebscher, die im vergangenen Jahr noch als punkige Don-Camillo-Nichte auf die schrillen Töne abonniert war, als selbstbewusste, verletzliche und menschlich doch so starke Persönlichkeit Eliza Doolittle zu überzeugen. Famos vermag Friedhelm Schlötel - als Detektiv und als Lokomotivführer in den Kinderstücken "Herr der Diebe" und "Jim Knopf" zwar nett, aber doch etwas farblos - den Part ihres Gegenübers auszufüllen. Als Sprachforscher Henry Higgins ist er ein brillantes Ekel, ein Zyniker, Spötter und Besserwisser vor dem Herrn, wie man ihn sich unsympathischer kaum wünschenkann, dem Empathie, Mitgefühl und Einfühlungsvermögen so fremd sind wie ein erdferner Planetoid. Walter Rommelmann, 84-jähriger Grandseigneur des Porta-Ensembles, ist als Oberst Pickering die Seele des Stückes und das menschliche Bindeglied zwischen Eliza und Higgins, für die es im Gegensatz zum Loewe-Musical auf der Bühne kein Happyend gibt. Stattdessen lässt Shaw seinen Sprachprofessor fachlich gewinnen, aber menschlich scheitern: Eliza emanzipiert sich gegen ihren Dompteur, das vermeintliche Dressurpferd erweist sich als fühlender, starker und überlegener Charakter und gewinnt Freiheit und Würde zurück. In einer Zeit, in der Sigmund Freud gerade den Narziss definierte, führte George Bernhard Shaw mit dem Professor Higgins den Coach ein, den Bildungsallrounder und überheblichen, scheinbar allwissenden, in Wahrheit aber doch umso lebensferneren Berater für diejenigen, die glauben, sich durch sein Training in höhere Gesellschaftsschichten und Erfolgssphären katapultieren zu können. Wie brennend aktuell Shaws fast 100 Jahre altes Stück noch ist, bewies der Deutschlandfunk: Nur einen Tag nach der Premiere auf der Freilichtbühne brachte er unter dem Titel "Berater - Souffleure der hilflosen Gesellschaft" eine Sendung über Karriere-Coaching und Lebensberatung in der heutigen Zeit, über Erfolgsmanagement, Motivations-Seminareund Freiluft-Trainingscamps für Top-Manager. Fazit des Deutschlandfunks: Noch nie gab es ein so großes Beratungsangebot, und noch nie zeigten sich die Beratungssuchenden gegenüber den Anforderungen der Realität derart hilflos. Hätten sie sich doch ein Beispiel an Eliza Doolittle genommen. "Pygmalion" wird bis zum 7. Juli jeweils sonnabends um 20.30 Uhr und - nach der Sommerpause - vom 4. August bis zum 8. September immer freitags und sonnabends um 20.30 Uhr auf der Freilichtbühne Porta aufgeführt.

Eliza Doolittle (Astrid Liebscher) und ihr Widerpart Henry Higgi
  • Eliza Doolittle (Astrid Liebscher) und ihr Widerpart Henry Higgins, dargestellt von Friedhelm Schlötel.


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