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Oscar-Wilde-Lesung im Brückentorsaalfoyer zugunsten der Rintelner Tafel

Spaß mit Lesefreunden oder wie man ein Gespenst in den Wahnsinn treibt

Rinteln (cok). Ein Kinderschreckgespenst aus Bettlaken im Hintergrund und melodramatische Lichtbilder aus alten Filmen und Theateraufführungen auf der Leinwand, vor diesem Bühnenbild lasen die "Rintelner Lesefreunde" Oskar Wildes tragikomische Geschichte vom "Gespenst von Canterville" im Foyer des Brückentorsaales. Kinder und Erwachsene waren gekommen, um zu erfahren, wie eine neureiche amerikanische Familie im ehrwürdigen England eine Burg samt Burggespenst erwirbt und dann das pflichtbewusst herumgeisternde Gespenst durch Ignoranz und völlige Borniertheit gegenüber den Aufgaben eines Geistes zum Wahnsinn treibt. Dafür hatte Paul-Egon Mense Oskar Wildes Original in eine gekürzte Vorlesefassung gebracht und die einzelnen Sprechrollen auf die insgesamt sieben Lesenden verteilt.

veröffentlicht am 29.01.2007 um 00:00 Uhr

Lesung mit verteilten Rollen - die Zuhörer danken den Lesefreund

Natürlich hatte der Geist vom alten Sir Simon Canterville allerlei Ungeheuerlichkeiten im Laufe seines langen Gespensterlebens angerichtet, ganz zu schweigen vom Mord an seiner Frau, den er aus Ärger über deren mangelnde Kochkünste schon zu Lebzeiten ausgeführte und der auch der Grund für seine ruhelose Existenz wurde. Trotzdem konnte er einem leidtun, wie er vergeblich versucht, die pragmatischen Amerikaner zu erschrecken und dabei hinnehmen muss, dass ihm ungerührt Schmieröl für die rostig klirrenden Ketten oder medizinische Tropfen gegen das grausige Magenknurren angeboten werden. Ganz schlimm treiben es die Zwillinge des neuen Hausherren, die ihn mit Kissen bewerfen, Stolperfäden über die Flure spannen und sich am Ende selbst als Gespenst verkleiden, was den Geist, der noch niemals vorher mit anderen Gespenstern konfrontiert worden war, schließlich vollkommen verzweifeln lässt. Der seit Jahrhunderten immer wiederkehrende Blutfleck des Mordes verschwindet unter dem neumodischen Fleckentferner aus Amerika und schließlich helfen nur noch die Tuschfarben aus dem Farbkasten von Tochter Virginia, um ihn täglich aufzufrischen. Die schöne und sanftmütige Virginia, von Vorleserin Silke Johansson mit einer netten Portion Keckheit versehen, sie ist es am Ende, die das Gespenst erlösen kann, weil sie ihm mit Achtung und Mitleid begegnet. Paul-Egon Mense sprach kraftvoll die Rolle des mutigen Verlobten der jungen Amerikanerin vor und auch Anke Müller, Marianne Sievert, Dr. Ulrich Krause und Helga Frevert von den "Lesefreunden" trugen ihren Teil dazu bei, dass die anderthalbstündige kleine Inszenierung mit Zuhörerapplaus bedacht wurde. Der Erlös aus den Eintrittgeldern kommt der "Rintelner Tafel" zu Gute, damit sie den Verlust aus zwei Einbruchsschäden etwas leichter ertragen kann.

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