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Reifen, Bremsen und Beleuchtung kann jeder selber kontrollieren – Probleme löst der Fachmann

So wird das Fahrrad fit gemacht

Horst Maler fährt täglich mit dem Rad zur Arbeit. „Das sind sechs Kilometer hin und natürlich auch sechs wieder zurück. Das mache ich tagaus, tagein bei jedem Wetter.“ Der 62-Jährige ist Vorstandssprecher des ADFC und kennt sich bestens mit Fahrrädern aus. Als Ganzjahresfahrer kommt er von Januar bis Dezember auf rund 5000 Kilometer Fahrleistung – etwa das 16-Fache, was der Deutsche im Durchschnitt pro Jahr auf einem Drahtesel zurücklegt. Es sind nur wenige, die das ganze Jahr hindurch in die Pedale treten. Bei den meisten anderen landet das Fahrrad fast immer im November in der Garage und wird erst wieder ins Freie geholt, wenn die Sonne ihre wärmenden Strahlen schickt und der kalte Wind nachlässt.

veröffentlicht am 16.04.2013 um 00:00 Uhr

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Vorher allerdings sollte sich Mann oder Frau um den Zustand des Bikes kümmern. Carsten Slabon, seit vielen Jahren Fahrradhändler, empfiehlt als Erstes: „Die Winterreifen müssen runter!“ Winterreifen? „Ganzjahresfahrer fahren nicht selten mit Spikes“, erklärt Slabon, „die sind für Fahrräder nämlich nicht verboten.“ Etwa 80 Spikes habe so ein Reifen in zwei Reihen, aber es gebe auch Reifen mit 300 Spikes in vier Reihen. „Mit denen kann man dann auch eine Eisbahn aufwärts fahren.“ Auch Horst Maler fährt bei Schnee und Glatteis mit spikesbewehrten Reifen. „Aber die habe ich nur auf einem Extra-Rad, das ich bei Glätte benutze. Mit Spikes fährt es sich schwerer, denn die bremsen natürlich etwas.“ Für Maler und Slabon gilt die erste Prüfung in der privaten „Werkstatt“ dem Reifendruck und dem Zustand der Reifen, „denn Reifen können im Winter auch kaputtstehen“. Das sollte genau kontrolliert werden. Symptome dafür seien brüchige und poröse Seitenflanken. „Da muss dann ein neuer Reifen drauf.“ Slabon meint zwar, das Profil eines Reifens dürfe durchaus abgefahren sein, aber der ADFC-Sprecher empfiehlt, dann doch besser einen neuen aufzuziehen. „Vor allem das Gewebe sollte noch nicht sichtbar sein“, betonen die beiden Fachleute übereinstimmend, weil sonst die Pannenhäufigkeit steige.

„Aber Vorsicht bei neuen Reifen auf nassem Asphalt“, warnt Slabon, „auf den ersten 40 bis 50 Kilometern besteht erhöhte Rutschgefahr.“ Achten sollte man auch auf Fremdkörper im Reifen oder Schnitte. Seien sie größer, sollte der Reifen erneuert werden. Insgesamt sei die Pannensicherheit heute aber größer als früher, weil ein guter Reifen eine Kevlareinlage habe. Solche Reifen würden auch als „unplattbar“ bezeichnet, sagt Maler.

Die zweite Prüfung muss den Bremsen gelten. „Bremsbeläge muss man ohnehin immer im Auge behalten“, sagt Maler. Nach 5000 Kilometern habe er seine gerade erneuert. Und bei Regen oder staubigen Wegen sei der Verschleiß noch höher. „Übrigens bremst sich auch die Felge irgendwann durch, darauf muss auch geachtet werden.“ Slabon empfiehlt dem Privatmann als Erstes eine Trockenbremsung, um mit kräftigem Druck gleichzeitig zu prüfen, ob die Baudenzüge nicht reißen. Das komme zwar selten vor, passiere „aber doch hin und wieder.“ Er zieht deshalb nur noch rostfreie Züge aus Edelstahl ein. Der Zustand der Bremsbacken sei allerdings nicht leicht zu beurteilen. „Manche haben eine Verschleißmarkierung. Die sollte nicht überschritten werden.“

Ganz wichtig ist natürlich auch die Lichtanlage. „Die ist auch im Sommer und an langen Abenden von Bedeutung“, betont Maler. „Schließlich kann es in der Kneipe mal ein bisschen später werden.“ Und Slabon ergänzt: „Ohne Lichtanlage ist das Fahren im Straßenverkehr sowieso nicht erlaubt.“

Ein wichtiges Antriebselement am Fahrrad ist die Kette. „Es ist schon erschreckend, wenn vor mir jemand mit einer rostroten Kette unterwegs ist und sich schon allein deshalb schwer beim Treten tut“, erzählt Maler. Kollege Slabon empfiehlt, die Kette schon beim Einlagern im späten Herbst zu reinigen und zu ölen. Dringend raten die beiden davon ab, eine Kette mit Benzin oder Spiritus zu reinigen. „Das entfettet die Kette total und das Öl gelangt nachher nicht mehr an die Stellen zwischen den Kettenlaschen.“ Petroleum ohne Duftzusätze wirke dagegen reinigend und fettend zugleich. „Und im Fachhandel gibt es auch Kettenreiniger“, sagt Maler. Einen Kettenwechsel nehme am besten ein Fachmann vor. Denn zum Öffnen der Kette wird ein Kettennietwerkzeug benötigt und das Schließen einer Kette sei auch nicht einfach, betonen beide übereinstimmend. 5000 Kilometer sollte eine Kette schon halten, Vielfahrer wechselten sie aber auch schon nach rund 3000 Kilometern, weiß Maler. Bei einer Nabenschaltung, bei der die Kette nur über jeweils ein Ritzel vorne und hinten laufe, sei die Lebensdauer einer Kette aber ungleich höher – rund 10 000 Kilometer schätzt der Mann vom ADFC. Die Verschleißkontrolle bei der Kette gehöre in die Hand des Fachmanns. „Das kann der Laie selbst mit einer Kettenlehre in der Hand nicht wirklich gut beurteilen“, sagt Maler. „Schließlich ist der Zweiradmechaniker ein richtiger Ausbildungsberuf, der mit dem Gesellen oder dem Meister abgeschlossen wird.“ Und wenn die Kette abgenutzt sei, gelte das immer auch für die Ritzel vorne und hinten. „Das sind nämlich Partner, die miteinander arbeiten.“ Und um ein Ritzelpaket auszuwechseln, werde ein Spezialwerkzeug benötigt, das vermutlich kaum jemand in der Privatgarage habe.

Schwierig sei auch das Zentrieren einer verformten Felge mit dem Speichenschlüssel. Als Erstes sollte geprüft werden, ob eine Speiche gebrochen ist oder eventuell klappert, empfiehlt der Ganzjahresfahrer. „Sonst wird es heikel.“ Höher belastet seien vor allem die Speichen am Hinterrad auf der Seite der Kettenschaltung, vorne sei das nur selten der Fall. „Wenn die Erste gebrochen ist, ist meistens bald der ganze Speichensatz fällig. Aber die Zentrierung sollte in einer Fahrradwerkstatt durchgeführt werden“, empfehlen Slabon und Maler. „Eine Umdrehung zu viel mit dem Speichenschlüssel kann sich nämlich verheerend auf die Felge auswirken. Dann geht der Schuss nach hinten los.“

Problematisch sind auch alle Einstellungen der verschiedenen Lager. Bei den Radlagern kann der Laie zwar feststellen, ob sie eventuell zu viel Spiel haben. Aber beim Festziehen von Mutter und Konusmutter sei Vorsicht geboten. „Da stellt man schnell die Sache zu stramm ein“, warnt Maler. Auch die Wartung des Tretlagers sei nichts für den Laien. Mit klaren Worten warnen Maler und Slabon auch vor der Nutzung eines Hochdruckreinigers zum Säubern verschmutzter Räder. „Da drückt man Dreck eher in die Lager hinein und beeinträchtigt ihre Funktionsfähigkeit“, meint Maler. Was der Laie selber könne, sei das Prüfen aller Schrauben und Muttern auf festen Sitz, auch wenn in der Werkstatt dafür ein Drehmomentschlüssel verwendet werde.

Wer sicher gehen will, dass das Fahrrad fachmännisch auf das Frühjahr vorbereitet wird, gibt sein gutes Stück rechtzeitig in eine der Werkstätten, die praktisch alle Fahrradhändler haben. Sie bieten Inspektionen zu unterschiedlichen Preisen und mit unterschiedlichen Umfängen an. Bei Bunny Hop in Hameln kostet eine 30-minütige Inspektion 19,50 Euro, bei der die Schaltung eingestellt wird, die Kette und die Schaltung geölt werden, die Bremsen und der Steuersatz sowie alle Verschraubungen überprüft werden und die Reifen aufgepumpt werden. Eine große Inspektion mit einer Rundumkontrolle kommt dagegen auf 39 Euro. Da kommen zur kleinen Inspektion nochmals sechs Punkte wie die Erneuerung und das Anschleifen der Bremsbeläge, das Richten der Bremsscheibe, ein Wechsel von Schlauch und Reifen sowie die Erneuerung der Schalt- und Bremszüge samt neuer Außenhülle hinzu. Für eine Speichenzentrierung würden noch mal 12,50 Euro extra berechnet, sagt Werkstattleiter Daniel Nowak. Die sei bei Fahrrad-Bauherr in Hameln im Preis von 30 Euro inbegriffen, erklärt Manuela Bauherr auf Anfrage. Besonderes Augenmerk wird bei Bauherr auf den Zustand der Baudenzüge gelegt. Rund 40 Euro nimmt auch Fahrrad-Troche für das Fitmachen der Räder. Am teuersten kommen die Inspektionen bei Fahrradies. 98 Euro kostet eine große Inspektion mit 28 Punkten, bei der das Rad komplett zerlegt und wieder zusammengesetzt wird. 68 Euro nimmt Carsten Slabon für die kleine Inspektion mit allen sicherheitsrelevanten Prüfungen. Dazu liefert Slabon eine Dokumentation der Serviceleistungen und listet auch auf, ob er nicht korrigierbare Mängel festgestellt hat oder Mängel, die durch die Inspektionsliste nicht abgedeckt sind. Was Bunny-Hop-Werkstattleiter Daniel Nowak bedauert: „Im Winter haben wir pro Woche vielleicht sechs bis acht Räder zur Inspektion in unserer Werkstatt. Im Sommer kommen sie dann dafür haufenweise, wenn Pannen aufgetreten und die Mängel offensichtlich sind.“

Die Sonne lässt sich wieder regelmäßig blicken und es wird langsam wärmer – klare Signale, bald wieder mit dem Rad zu fahren. Was aber ist zu tun, wenn der Drahtesel monatelang in der Garage gestanden hat? Wir haben mit Experten darüber gesprochen, was der Laie kann und was der Fachmann richten sollte.



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