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Dirk Reimann und Eike Dempewolf erleben beim 100-Kilometer-Lauf den Mythos Biel in der Schweiz

So weit die Füße tragen

Osterwald/Biel. Seit 1959 sind die Bieler Lauftage Anfang Juni ein Treffpunkt für Tausende Langstreckenläufer aus aller Welt, die den Nachtmarathon oder Halbmarathon aufsuchen. Berühmter Hauptlauf ist der legendäre 100-Kilometer-Lauf, zu dem in diesem Jahr knapp 1200 Läufer antraten. Gespannte Ruhe herrschte bei bestem Wetter am Startabend im Bieler Stadtzentrum, die Aufregung vor dem Startschuss hatte alle erfasst. Auch die beiden heimischen Läufer Dirk Reimann (LAV Alfeld) und Eike Dempewolf von den Fastflitzern aus Osterwald haben Respekt und Achtung vor den vielen Kilometern, immerhin wollen sie die zweieinhalbfache Marathon-Distanz überwinden. In der Abenddämmerung spornt ein Sprecher die Läufer an, die Stimmung ist grandios in diesem Mekka der Läuferszene. Ein letztes Mal werden die Laufschuhe und die Ausrüstung überprüft. Als um 22 Uhr der Startschuss ertönt, bewegt sich das Teilnehmerfeld unter tosendem Beifall durch die Innenstadt von Biel. Bloß nicht zu schnell beginnen, lautet die Devise bei den meisten Läufern, das wird sich sonst im späteren Verlauf der ultralangen Strecke rächen. Nach den ersten fünf Kilometern erreichen die Läufer die Schleuse des Nidau-Büren-Kanals. Nun zieht sich der Weg steil hinauf durch Port, einen Vorort von Biel. Von oben hat man einem herrlichen Blick auf den erleuchteten Talkessel, danach geht es in die Ungewissheit der Nacht. Jetzt kommen die Stirnlampen zum Zug, der lange Tross der Läufer mit ihren Lichtkegeln bietet ein imposantes Bild.

veröffentlicht am 20.06.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 08:41 Uhr

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In Aarberg folgt der erste Höhepunkt, bei Kilometer 20 überqueren alle die uralte Holzbrücke, auf der jubelnde Zuschauer dicht gedrängt stehen und die Läufer lautstark empfangen. Weiter geht es unter sternenklarem Himmel Richtung Lyss und dann über unzählige Hügel bis zur flachen Ebene des Limpachtales. Bei Oberramsern ist Kilometer 40 erreicht. Für die Teilnehmer des Nachtmarathons ist nun Schluss, die beiden Ultramara-thonis beneiden sie ein wenig, laufen jedoch nach einem kurzen Verpflegungshalt weiter. Das Läuferfeld zieht sich immer mehr auseinander. Still und dunkel ist es auf der Strecke, viele Läufer sind wie bei einer Prozession gleich in sich gekehrt. Dieses sind die nächtlichen Momente, die den Lauf zu einem Mythos haben werden lassen. Kleine Ansiedlungen wie Ammerzwil, Etzelkofen oder Grossaffoltern, sonst eher ein beschaulich-ländliches Dasein fristend, entwickeln in dieser Bieler Nacht eine ungeahnte Partyatmosphäre. Von überall schallt den Läufern ein lautes „Hopp, hopp, hopp“ entgegen. Reimann lässt sich durch die ausdauerndern Zuschauer, die bis tief in die Nacht an der Strecke verweilen, mehrfach zu einem augenzwinkerndem „Haltet durch“ hinreißen.

Bald erreichen sie Kirchberg bei Kilometer 56. Hier wird die große Verpflegungsstation mit Brot und Bouillon genutzt, denn nun kommt der Emmendamm, ein unwegsamer zehn Kilometer langer Abschnitt. Baumwurzeln und glatte Steine auf dem schmalen Pfad erschweren das Vorankommen. Die Beine werden müde und es ist immer noch stockdunkel.

Endlich, hinter der Utzendorfer Brücke kurz vor 5 Uhr in der Früh, erwacht der Tag. Die beiden genießen die Vegetation und die morgendliche Stille, alle Alltagssorgen scheinen weit weg. Bald schon aber sind sie zurück in der Zivilisation, sie erreichen in Gerlafingen bei Solothurn bebautes Gebiet. Auf asphaltierten Wegen geht es nun Richtung Westen. Die Siedlung Bibern bei Kilometer 76 ist einer der Schlüsselstellen des Laufes, denn nun kommt die gefürchtete Steigung hinauf auf den Kamm des Bucheggberges und später lang anhaltend hinunter nach Arch. Den beiden heimischen Läufern schmerzen die Oberschenkel und sie finden keine Ruhe, das grandiose Panorama auf das Schweizer Juragebirge zu genießen. Aber aufgeben wollen sie nicht. Schließlich sind es nur noch 20 Kilometer bis zum Ziel – entlang der Aare, die Hochwasser führt. Die morgendliche Sonne scheint unaufhörlich auf Reimann und Dempewolf, die sich nun immer wieder gegenseitig anfeuern. Trotzdem werden die letzten Verpflegungsstationen nur im Vorbeilaufen angesteuert, zu schwer ist mittlerweile das Wiederanlaufen.

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Bei Brügg, einem Vorort von Biel, verkündet ein Schild nur noch fünf Kilometer. Jetzt wird jeder Meter gezählt. Ein letztes Mal beißen die Läufer die Zähne zusammen, die Knie schmerzen, noch eine Kurve, dann ist die Innenstadt erreicht. Man kann den Trubel vor dem Bieler Kongresszentrum und den Zielsprecher hören. Endlich öffnet sich der Zielkanal, laustarker Jubel brandet auf, zuerst geht es stimmungsvoll durch ein gefülltes Festzelt, dann folgt der ersehnte Zieleinlauf. Mit einem Jubelschrei überqueren die beiden Freunde gemeinsam nach elf Stunden und 39 Minuten die Ziellinie. Sie umarmen sich und verharren erschöpft einige Minuten im Zielbereich. Die Gedanken gehen zu ihren Familien, denen während des intensiven Trainings der vergangenen Monate Geduld abverlangt wurde.

Glücklich wird die Nachricht über den Erfolg und Wohlergehen nach Hause übermittelt. Am Ende sind sich beide einig: „Das Laufen unterm Sternenhimmel und in den Sonnenaufgang hinein war fantastisch. Wir sind stolz, das Abenteuer gemeistert zu haben.“

Den Ultralauf von Biel haben Dirk Reimann und Eike Dempewolf durchgehalten. Wie bei einer Prozession sind die Läufer in der Nacht in sich gekehrt, sie atmen auf beim Sonnenaufgang und sind megastolz beim Erreichen des Ziels.



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