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Pestalozzischüler führen Interviews mit Zeitzeugen - und lernen ein fremdes Jahrzehnt kennen

So waren die 50er: Hula-Hoop und Kittelschürze

Rinteln (cok). Wie ungewöhnlich: Im Klassenraum der Zehntklässler aus der Pestalozzischule sitzen genauso viele Erwachsene wie Schüler, Kerzen brennen, Kaffee duftet, Kuchen wurde gebacken und die Jungen und Alten sind in angeregte Gespräche vertieft. Sie feiern die Fertigstellung eines Kalende rs, in dem Rintelner Zeitzeugenüber ihr Leben in den fünfziger Jahren erzählen.

veröffentlicht am 17.12.2007 um 00:00 Uhr

Gruppenbild mit Hula-Hoop: Durch ihre Arbeit an dem Kalenderproj

Dieser Kalender mit den lesenswerten Texten und den vielen Fotos entstand im Rahmen des "Schülerwettbewerbs zur Politischen Bildung", auf den Klassenlehrer Heinz Hering seine Schüler neugierig gemacht hatte. Mit Hilfe unserer Zeitung fanden sie neun auskunftsbereite Rintelner, verabredeten sich in kleinen Gruppen zu den Interviews und entdeckten dabei ein Jahrzehnt, von dem die meisten bis dahin nur vom Hörensagen wussten. "Es war gar nicht so einfach, gleichzeitig die Fragen zu stellen, zuzuhören und auch noch mitzuschreiben", meint einer der Schüler. Auf den vielen Fotos aber, die während der Interviews entstanden, sieht man, wie vertraut die Generationen miteinander umgehen, wie viel Spaß beiden Seiten das Fragen und Antworten machte. Bei der feierlichen Übergabe der fertigen Kalender an die "Zeitzeugen" lasen die Schüler Auszüge aus den entstandenen Texten vor und präsentierten so eine beeindruckende Vielfalt von individuellen Lebensgeschichten, die sich alle auf demselben Zeithintergrund abspielten. Mit dabei war zum Beispiel Rockmusiker Wolfgang Dorka, der damals, wie so viele andere junge Leute, den revolutionären Rock'n'Roll für sich entdeckte und selbstbewusst in Satinjacke und mit Schmalzlockenfrisur auftrat. Gastronom Klaus Kothe, Amateurboxer damals, der als Jugendlicher aus der Ex-DDR floh, berichtete, wie er sich mit Tricks und Fleiß den Boden für seine berufliche Existenz eroberte. Und Hilmar Dressler, Rintelner Schauspieler und Journalist, beschreibt die fünfziger Jahre mit all ihren Nachkriegssorgen als die Zeit seiner "seelischen Befreiung" nach der Niederschlagung des NS-Staates. Die Schüler erfuhren von halb vergessenen Kinderspielen wie Hula-Hoop und Hüpfspiel, sie staunten über eine überwiegend strenge Erziehung, die vor allem den Mädchen oft große Beschränkungen auferlegte, und begriffen, wie hart das Leben für die meisten war in einer Nachkriegszeit, in der die Lebensmittel noch rationiert wurden, die Arbeitslosigkeit erst langsam besiegt werden konnte, viele Familien noch verstört waren über die Kriegserfahrungen, aber auch die Fluchtgeschichten aus dem Osten. Ria Vogt etwa erzählte von den Berliner Demonstrationen am Tag des Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953, wo sie Zeugin wurde, wie ein kleines Kind von einem Panzer überrollt wurde. Irmtraut Exner hatte zum Interview einen ganzen Koffer voller merkwürdiger Gegenstände parat, Wäschestampfer, Milchkanne Kittelschürze oder Stopfpilz, mit deren Hilfe sie den Jungen und Mädchen den ganz normalen Alltag eines Jahrzehnts vorführte, in dem es in den Haushalten weder Fernseher noch Waschmaschine, keine elektronischen Spielzeuge und erst recht kein Internet gab. Ob die Zehntklässler mit ihrem sorgfältig und liebevoll erstellten Kalender einen Preis gewinnen werden, steht noch auf. Dass aber die so engagierte Teilnahme am "Wettbewerb zur Politischen Bildung", die ihnen durch ihren Klassenlehrer ermöglicht wurde, ein großer Gewinn war für alle Beteiligten, das steht außer Frage.



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