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Wie man trotz Autoschäden und ohne Kenntnisse der Landessprachen in Asien zurechtkommt

„So viele Pannen hatten wir noch nie“

Drei Monate lang sind Petra und Jürgen Kruska mit ihrem zum Wohnmobil umgebauten geländegängigen Magirus Deutz unterwegs gewesen: in Russland, am Baikalsee, in der Mongolei bis Ulan-Bator und zurück über Kasachstan und die Ukraine. Die Steinberger kennt man in der Globetrotterszene. Sie waren schon in Afrika, im Iran, Island, Südeuropa, Neuseeland und jüngst im Oman. Sie haben die Seidenstraße befahren und die große Salzwüste und das Pamirgebirge durchquert.

veröffentlicht am 01.08.2015 um 00:00 Uhr

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Diesmal war ihr Ziel die Mongolei. Seit ein paar Tagen sind sie wieder zurück in Steinbergen. 18 000 Kilometer hat der Magirus mehr auf dem Tacho, und Kruska erzählt: „Jeder weiß, dass Russland ein großes Land ist. Wie groß, wie Furcht einflößend, das kann man erst begreifen, wenn man dort tagelang mutterseelenallein unterwegs ist. Am Ende des Tages, nach zehn Stunden am Steuer stellt man fest, du hast gerade mal ein paar Zentimeter auf der Karte geschafft.“ Und anders als in Afrika gebe es keine Orte, an denen sich Globetrotter treffen, wo man wieder zusammen findet. Und noch ein Faktor habe gestresst: „So viele Pannen hatten wir noch nie.“

In der Mongolei war ein Loch im Tank, in Kiew der Reifen platt, dann ist die Stoßdämpferaufhängung gerissen. Dramatisch wurde es in Sibirien. Da verlor der Magirus ein Hinterrad. „Wir kippten um, schauten plötzlich in den Himmel“, schildert Kruska. „Zum Glück ist es an einer Steigung passiert, da bin ich langsam gefahren.“ Auf drei Rädern und der Bremstrommel des abgerissenen Rades habe er rückwärts manövriert, bis er auf eine einigermaßen ebene Fläche gekommen sei. Auf der Suche nach Hilfe entdeckten sie an einem Flussufer einen Geländewagen, in dem ein junges Paar gerade mit den angenehmeren Dingen dieser Welt beschäftigt war.

Als sich das Paar wieder angezogen hatte, holten die beiden Hilfe. Zwar keine Autoschlosser wie erhofft, aber immerhin gelang es mit vereinten Kräften, das Hinterrad provisorisch wieder zu befestigen. Im Schritttempo ging es fast zwei Stunden zu einem Bauernhof: „Die waren dort gerade dabei, Schafe zu scheren. Von einer Lastwagenreparatur hatte niemand Ahnung. Verständigung war unmöglich.“ Schnell sei klar geworden, Hilfe war hier nicht zu erwarten. Doch die Kruskas saßen wie auf heißen Kohlen, die Visa liefen ab. Und da verstehen die Russen keinen Spaß.

Schließlich kamen die Kruskas auf die Idee, den ADAC anzurufen. In München! Die fragten uns, wo sind Sie denn? Wo genau, wussten die Kruskas nicht, kyrillische Schrift konnten sie nicht lesen. So gab Kruska die GPS-Daten durch. Und der ADAC vermittelte einen Kontakt zu Kollegen in Moskau, die eine örtliche Werkstatt informierten.

Die schickte dann tatsächlich einen Tieflader. „Unser Zehn-Tonnen-Wohnmobil hat gerade so draufgepasst, die Räder ragten halb über die Ladefläche. Eine Polizeistreife, der wir begegnet sind, hat nur gelacht.“

Die Werkstatt erwies sich als Schrottplatz ohne Halle, schildert Kruska, dafür erwiesen sich die Monteure glücklicherweise als ausgesprochene Profis. Kruska zieht noch heute den Hut vor dem Improvisationstalent und den Handwerkskünsten dieser Sibirier: „Die ausgeschlagenen Löcher in den Felgen haben sie mit Buchsen ausgefüttert und angeschweißt; das Planetengetriebe an der Achse auseinandergenommen, repariert und wieder zusammengebaut. Solide Arbeit. Sie hat bis zurück nach Steinbergen gehalten. Wir haben keinen Tropfen Öl verloren.“ Dafür haben sie neue Freunde gewonnen. Der Chef, Juri, sprach Englisch, und sie lernten Hilde kennen, eine resolute Russin, die sogar Deutsch sprach, mit schwäbischem Dialekt: „Wir haben zusammen gegrillt, sie uns mit Lebensmitteln versorgt, in die Sauna gefahren.“

Die Kruskas sagen, bei dieser großen Reise haben wir einige Bilder korrigieren müssen, die jeder vom Baikalsee, von der Mongolei im Kopf hat aus Filmen, Fernsehsendungen und Büchern. Der berühmte Baikalsee? Ein „Wow-Erlebnis“ sei das nicht mehr, schildert Kruska. Eben ein großer See, und an den Ufern wenige schmucke, viele verwahrloste Dörfer. Das Wow-Erlebnis einer grandiosen Landschaft hätten sie erst im russischen Altaigebirge gehabt.

Die Mongolei: Vor den Jurten stehen nicht mehr Pferde und Kamele, sondern Motorräder und Pick-ups, dazu Fotovoltaik fürs TV. Die Hauptstadt Ulan-Bator: eine Riesenbaustelle, eine Millionenstadt, in der die Infrastruktur dem Wachstum hinterherhinkt. Regeln im Straßenverkehr, erlebte Kruska, gibt es nicht. Hier gilt das Recht des Stärkeren. Vorfahrt hat das größere Fahrzeug mit der lautesten Hupe.

In der Mongolei überstanden sie einen gewaltigen Sandsturm: „Wir haben das Wohnmobil mit dem Heck gegen den Sturm gedreht. Nach fünfzehn Minuten war alles vorbei. Im Auto war alles mit einer zentimeterdicken Sand- und Staubschicht bedeckt.“

Die Straßen erlebten die Kruskas zwischen superausgebaut und abenteuerlich. Im Inneren der Mongolei sollte man schon Erfahrung im Offroad-Fahren haben, erzählt Kruska. Gefährlich seien vor allem mit Wasser gefüllte Schlaglöcher, deren Tiefe man nicht abschätzen könne: „Man fährt durch und lauscht dann, ob sich am Fahrzeug etwas anders anhört als vorher.“ An einer Furt stand ein junger Mann mit Motorradkleidung triefend nass am Ufer: „Wir haben ihm geholfen sein Motorrad wieder aus dem Fluss zu ziehen.“

Und die Kruskas erlebten, wie schon oft auf den anderen Reisen: Die Welt ist ein Dorf. In Ulan-Bator stellte sich ein Mann vor, der in Hannover studiert hatte, sein Studium unter anderem als Aushilfsfahrer finanziert. Dabei war er auch nach Rinteln und Steinbergen gekommen.

Mitten im Nirgendwo in der Mongolei trafen sie einen jungen Mann aus Paderborn, der mit einem Liegefahrrad unterwegs war. Der ließ sich wie ein Strandsegler von einem Segel ziehen. Was kein Problem war, denn in der Steppe bläst immer der Wind, ungebremst von Bäumen und Sträuchern. Kruska sagt: „Tagsüber kletterte die Temperatur auf 35 bis 40 Grad, das fühlt sich an, als stände man vor einem Föhn.“ In Kasachstan half ihnen ein Mann bei einer Reifenpanne, der bei der Sowjet-Armee in der ehemaligen DDR in Stendal gedient hatte.

Zurück fuhren die Kruskas über die Ukraine. An der Grenze stoppten sie Soldaten mit Maschinenpistolen, in den Büros hingen Stahlhelme. „Wir wurden herzlich begrüßt, weil sich kaum mehr Touristen ins Land trauen. Dabei merkt man in Kiew nichts vom Krieg“.

Letzte Frage: Wie verständigt man sich, wenn man sich nicht verständigen kann, wo Leute oft Analphabeten sind: Mit einen „Ohne-Wörter-Buch“, das gibt es bei Langenscheid, sagt Kruska. Dort werden Situationen aus dem Alltag, vom Abendessen bis zum Zahnarztbesuch in Bildern dargestellt.

Als Fazit dieser Reise zieht Kruska: Der Osten ist im Umbruch. In Kasachstan ist eine supermoderne Hauptstadt mit Wolkenkratzern mitten in der Steppe hochgezogen worden: Astana. Wer noch einmal die ursprüngliche Mongolei erleben möchte, muss jetzt hinfahren. Immer wieder aufs Neue überrascht habe sie: „Wir Deutschen werden überall herzlich empfangen mit hochgerecktem Daumen: ,Germany good!‘“ Was ihn am meisten verblüfft habe: Zum ersten Mal bei einer so großen Reise habe er weder an der Grenze noch bei Polizeikontrollen „under table money“, also Schmiergeld zahlen müssen, um weiterzukommen oder die notwendigen Papiere zu erhalten.

Und noch etwas hat die Kruskas erstaunt: Sie sind im Mai losgefahren, eigentlich viel zu früh für diese Tour. Man habe sie vor Permafrost, Schnee und Eis gewarnt. Nichts davon. Sibirien war grün. Eine Laune der Natur oder doch schon der Klimawandel?

Stationen der Reise: nach Helsinki mit der Fähre, dann St. Petersburg, Moskau, Kasan an der Wolga, Omsk, Nowosibirsk, Krasnojarsk, Irkutsk am Baikalsee, Ulan-Bator, Astana in Kasachstan, dann durch Russland, die Ukraine und Polen zurück.

Einmal in die Mongolei und zurück. Das sind 18 000 Kilometer. Die Globetrotter Petra und Jürgen Kruska aus Steinbergen haben sie auf sich genommen und dabei Land und Leute kennengelernt. Auf ihrer abenteuerlichen Reise haben sie einige Bilder, die sie aus Fernsehen und Büchern im Kopf hatten, korrigieren müssen.

Petra und Jürgen Kruska in der Hauptstadt der Mongolei: Ulan-Bator.



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