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Austausch unter den Betroffenen: "Zurückgeworfen auf seine kleine Welt"

Sieben Wochen leben mit Hartz IV: Es ist nicht mehr dasselbe Leben

Rinteln (cok). Sieben Wochen mit Hartz IV leben - das ist eine der diesjährigen Fastenzeit-Aktionen, die die evangelische Landeskirche organisiert hat. In Rinteln nehmen 16 Personen daran teil und probieren aus, ob und wie man mit 345 Euro pro Monat auskommen kann. Inzwischen haben sie im Haus der Diakonie ihre ersten Erfahrungen ausgetauscht.

veröffentlicht am 14.03.2007 um 00:00 Uhr

In einer Kladde wird penibel Kassenbuch geführt. Foto: cok

"Man kann damit leben", sagen alle Beteiligten. Aber: Es ist nur nicht mehr dasselbe Leben wie zuvor. 345 Euro im Monat für Essen und Trinken, für Kleidung und Zugfahrten, für Haushaltsbedarf, Kino, Zigaretten und ein gemütliches Bier, das bedeutet, wieder auf eine Art Studenten- oder Azubi-Standard zurückzufallen. Von der Hand in den Mund kommt man einigermaßen klar. Bereits nach zwei Wochen aber zeigt sich allen: Der Alltag fordert mehr. Besuch bei Freunden in einer entfernten Stadt, der Elternstammtisch in der Kneipe, die Bekleidungswünsche von rasant heranwachsenden Jugendlichen (Kinder bis zu 13 Jahren erhalten 60 Prozent, danach 80 Prozent des Regelsatzes) oder das gewohnte Zeitungsabonnement, hier fangen die ersten Schwierigkeiten an. Etwa 50 Euro sollen Erwachsene pro Monat für größere Ausgaben ansparen. "Unmöglich!" so das allgemeine Echo. Die meisten Teilnehmer wohnen auf dem Dorf und können sich nicht vorstellen, wie man die Benzinkosten in den Griff bekommen soll, ganz abgesehen davon, dass es für Hartz-IV-Empfänger kaum möglich ist, ein Auto zu unterhalten. Ratlosigkeit herrscht auch darüber, wie aus dem Regelsatz die Schulkosten der Kinder bestritten werden könnten: 22 Euro innerhalb eines einzigen Monats gingen bei einer alleinerziehenden Mutter für Klassenausflüge ihres Kindes drauf. Und die neue Gleitsichtbrille, die ein Mann brauchte, wurde gleich auf die Liste derjenigen Ausgaben gesetzt, die sich die Teilnehmer leisten, obwohl sie sich diese im Ernstfall gar nicht leisten könnten. Wie sehr diese Aktion letztlich ein bloßes (lehrreiches) Spiel bleibt, wurde in aller Krassheit deutlich, als einige "echte" Hartz-IV-Empfänger ihre Situation schilderten. Eine Tierärztin mit halbwüchsigen Kindern und ein ehemaliger Unternehmer wussten nur zu gut, was es bedeutet, nicht sieben Wochen, sondern über Jahre hinweg ohne große Hoffnung auf Änderung vom Regelsatz existieren zu müssen. "Über Reparaturen von Waschmaschine oder Staubsauger muss man sich bald keine Sorgen mehr machen", sagte der Ex-Unternehmer. "Man besitzt sowas einfach nach und nach nicht mehr!" Für ihn und auch die Tierärztin ist aber das Schlimmste etwas, bei dem die Hartz-IV-Empfänger auf Probe kaum mitreden können: Es ist das Drumherum, sagen sie. Die Demütigungen im Job-Center, wo man als hoffnungsloser Fall gilt. Das Bewusstsein, aus der Welt der Konsumenten, ja überhaupt aus einem freien sozialen Umgang mit anderen Menschen ausgeschlossen zu sein. Die Angst, Medikamente zu benötigen. Die Wut darüber, dass der Begriff "Hartz-IV-Empfänger" in den Medien oft nicht viel anderes meint als "Asozialer" oder "Schmarotzer". "Man wird sozusagen auf sich selbst zurückgeworfen, auf seine kleine Welt", so fasste Martin Barwich , der das Rintelner Projekt im Haus der Diakonie betreut, die Erkenntnisse der Beteiligten zusammen. "Man wird Privatier, kann an gesellschaftlichen Veranstaltungen nicht mehr teilnehmen, und auch ein ehrenamtliches Engagement wird durch die entstehenden Fahrtkosten erschwert." Als Fasten-Aktion ist die vorübergehende Beschränkung auf den verordneten Mindestsatz zum Überleben ein durchaus bereicherndes Selbsterfahrungs-Projekt. Mit der Realität der Betroffenen hat es aber nur sehr begrenzt zu tun.



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