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Ursula und Adam Reifenberger: 14 Jahre als Aussteiger auf Gomera / Noch heute „Sonderlinge“

Sie sind aus ihrer Zeit herausgefallen

Osterwald. Sie haben drei Häuser gebaut, sieben Bücher geschrieben, 70 000 verkauft, unbekannte, subtropische Pflanzen entdeckt und wissenschaftlich katalogisiert, Kunstgeschichte und Sprachen studiert, waren als Lehrer tätig, als Krankenpfleger in der Intensivmedizin, als Sucht- und Psychiatrietherapeut, haben die Kulturstätten ganz Europas bereist, 200 000 Dias im Schrank und Vorträge über die Ideengeschichte der Kunst gehalten:

veröffentlicht am 25.03.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 28.03.2011 um 12:13 Uhr

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Osterwald. Sie haben drei Häuser gebaut, sieben Bücher geschrieben, 70 000 verkauft, unbekannte, subtropische Pflanzen entdeckt und wissenschaftlich katalogisiert, Kunstgeschichte und Sprachen studiert, waren als Lehrer tätig, als Krankenpfleger in der Intensivmedizin, als Sucht- und Psychiatrietherapeut, haben die Kulturstätten ganz Europas bereist, 200 000 Dias im Schrank und Vorträge über die Ideengeschichte der Kunst gehalten, Hunderte von Wandertouristen die Naturschönheiten der Kanarischen Inseln entdecken lassen: Man kann nicht sagen, dass Ursula und Adam Reifenberger ihre Zeit verplempert hätten. Und dennoch: Zeit, wenn’s die zu kaufen gäbe, sagen sie, „wir würden alles investieren.“ Dabei denken sie nicht in Kategorien von Stunden, Tagen oder Wochen, sondern an Jahre ihres Lebens, aus denen sie aufgrund familiärer Entwicklungen aus ihrer Zeit einfach „herausgefallen“ waren und nicht zurückgefunden hatten. Wie alles passiert sei? Die Rückseite eines Fotos gibt einen Hinweis: „Und so stellten wir unsere Obstversorgung in den ersten beiden Sommern sicher: Sammeln von Feigenkakteen am Rande unserer Wandertouren. Jetzt haben wir die Stachelei nicht mehr nötig (obwohl die Dinger ja verdammt gut schmecken), weil wir unsere eigene Obstproduktion kaum noch aufessen können.“ Die beiden 66-Jährigen lächeln beim Lesen ihrer handschriftlichen Zeilen aus dem Jahr 1985. Es zeigt glückliche Augen und Gesichter unter Sonnenhüten; der Bart unter der Sonne Gomeras ist noch feurig-rot. Heute runzelt sich die Haut unter und über weißen und grauen Haaren; die blauen Augen sind skeptischer geworden, ohne ihre Lebhaftigkeit verloren zu haben.

Es sind nicht nach langer Zeit wieder ausgegrabene Urlaubserinnerungen, wenn sich neben Fotomappen auf dem Tisch ihres Osterwalder Hauses Bildbände und selbst verfasste Reiseführer der Kanaren stapeln; wenn ein: „Ach, das ist ja jetzt auch schon ganz anders!“ dem anderen folgt. Gomera – das waren 14 Jahre. So lange dauert kein Jahresurlaub. Gomera 1984 bis 1998 war für das Ehepaar irgendwie schon „Neue Welt“, vor allem aber Aussteigen aus Zeit und Lebensumständen ihres gesellschaftlichen Umfeldes, in die sie im Laufe der ersten vierzig Lebensjahre, jeder für sich getrennt voneinander, nie wirklich hineingefunden hatten. Kind, Jugendlicher, junger Erwachsener ihrer Zeit waren sie nie gewesen. Weil der elterliche Navi fehlte. Weil den Vätern selbst – beide allzu fest in ihrer Zeit verwurzelt – der Anschluss an den gesellschaftlichen Umbruch bei Kriegsende 1945 nicht gelang. Die Vorbereitung der Kinder auf deren Zukunft in der Gesellschaft war von Beginn an zum Scheitern verurteilt: Der eine, überzeugter und aktiver Nazi, beging Selbstmord, als der Sohn 19 Wochen alt war. „Schon als Kleinkind musste ich die Rolle des Familienoberhauptes übernehmen“, sagt Adam Reifenberger heute. Der andere, zeitlebens leidenschaftlicher naturnaher, aber gesellschaftsferner „Wandervogel“ in Knickerbockern, wurde von der Mutter bisweilen als „peinlich“ empfunden. Die Tochter sah ihn durchaus als „tollen Typen“, der ihr zwar eine schöne Kindheit bescherte, sie aber keinerlei Zugang zur Gesellschaft finden ließ. „Irgendwie bin ich damals schon während der Kindheit aus der Zeit herausgefallen, oder besser gesagt: Ich habe nie hineingefunden“, meint die zierliche Frau. „Einkaufen im überquellenden Supermarkt, angeschrien von abertausend Angeboten – der reine Horror für mich.“

Es folgten Ausbildungszeiten: Er wird nach vielen Fehlversuchen, Abbrüchen und Flucht in den Alkohol schließlich Intensivkrankenpfleger an der Medizinischen Hochschule in Hannover. Sie absolviert ein Lehramtsstudium mit Schwerpunkt Latein und Französisch. Beide scheitern in erster Ehe – bis sie sich mit ihren Problemen in der Gestalttherapie fanden, gegenseitig stützten, verliebten, heirateten und gemeinsam den Einstiegsversuch in das Leben und die Zeit in vier Hände nahmen.

„Das Erleben und Leben in der rückständigen Kultur Gomeras ab 1984 war unsere Chance zum Aussteigen und dadurch Einsteigen in die Gesellschaft, in die wir bis dahin nie hineingefunden hatten“, hofften sie damals. „Für mich die Chance, meine ganze versäumte Pubertät und das frühe Erwachsensein nachzuholen“, sagt er. Für sie, über das einfache, ursprünglich primitive Leben mit der Natur den Anschluss an die gesellschaftliche Entwicklung zu finden. „Wo ein Zollstock ,Einmeterfünfzig, mehr oder weniger’ misst (wie man ihm in Gomera sagte), wo man sprichwörtlich Freunde bis in die Hölle haben muss und aus aufrichtigem Interesse, nicht Neugier, miteinander kommuniziert, sahen wir unsere Chance!“

40 Lebensjahre ohne Zeitbezug zu sich selbst und der Umwelt. Dann 14 Jahre leben in der historischen Rückständigkeit eines nahezu kreisrunden, buckligen Inselwinzlings der Kanaren: Gomera. Leben von Kaktusfrüchten und Bananen – dem, was man gesammelt oder gepflanzt, nicht etwa gekauft hat. Wanderführungen für Touristen über längst vergessene Hirtenwege, Entdeckung bis dahin unbekannter Pflanzen – Glücklichsein. Die Insel nicht Zwischenstation, sondern ganz persönliche zweite Chance für die eigene Lebenszeit?

Seit zwölf Jahren leben sie wieder in Deutschland in ihrem dritten Lebensabschnitt. Ob das Aussteigen aus dem misslungenen Einstieg in den 1940er bis 1980er Jahren den erhofften Erfolg in den Einstieg ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Lebenszeit hatte? Ja und nein. Die persönliche Identifikation sei gelungen. „Der Nichteinstieg in diese Gesellschaft blieb, wurde vielmehr sogar bestätigt“, sagen sie heute. „Mit dieser Subkultur wollen wir uns heute wie auch damals nicht arrangieren“, sagen sie.

„Daher sind wir auch 2011 noch die ‚Sonderlinge‘ im Ort“, sagt er. „Wir leben zwar in einem energetisch aktuellen ‚Schuhkarton mit mittig geknicktem Deckel‘ und Bücherwänden von Ecke zu Ecke und Boden bis Decke. Fernsehen und Internet gibt und gab es bis heute nie in unserer Ehe. Außerhalb des Hauses sind wir fast nur bei tagtäglichen und stundenlangen Wanderungen, Vorträgen oder Arztbesuchen unterwegs. Und wir sind glücklich so.“ Lebenszeit- und alterstypisch sei in ihrer nach-gomerischen Zeit allerdings ihr Terminplan: Arztbesuche haben oberste Priorität in ihrer Zeitplanung; das Alter bietet nicht mehr die Alternative Ausstieg oder Einstieg.

Wenn es Zeit zu kaufen gäbe – egal, ob die der frühen 40 Lebensjahre oder die „intensivste“ Zeit ihres Lebens auf Gomera: Sie würden „um die Kostbarkeit jeder Minute, jeden Fetzen Zeit buhlen.“

Wenn es Zeit zu kaufen gäbe – sie wären dabei: Ursula und Adam Reifenberger vor 25 Jahren beim Feigen sammeln auf Gomera (li.) und heute vor ihren Bücherwänden in Osterwald.

Fotos: pr/ist



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