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Silvester – ein Tag, an dem das neue Jahr in Gesellschaft von Familie und Freunden begrüßt und gefeiert wird. Doch es gibt auch Menschen, die alleine sind und niemanden haben, mit dem sie das Fest verbringen können. Einige von ihnen greifen dann zum Telefonhörer und wählen die Nummer der Telefonseelsorge. Um Probleme und Ängste verarbeiten zu können, um Rat zu bekommen, oder einfach nur, um nicht alleine zu sein. „Überraschenderweise gibt es an Weihnachten und Silvester aber nicht mehr Anrufe als sonst auch“, schildert Petra Henning, Leiterin der Telefonseelsorge Ostwestfalen mit Sitz in Bad Oeynhausen.

veröffentlicht am 27.12.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 04.01.2010 um 16:24 Uhr

Die Telefonseelsorge Ostwestfalen arbeitet von einer Wohnung in

Autor:

Jessica Janson

Silvester – ein Tag, an dem das neue Jahr in Gesellschaft von Familie und Freunden begrüßt und gefeiert wird. Doch es gibt auch Menschen, die alleine sind und niemanden haben, mit dem sie das Fest verbringen können. Einige von ihnen greifen dann zum Telefonhörer und wählen die Nummer der Telefonseelsorge. Um Probleme und Ängste verarbeiten zu können, um Rat zu bekommen, oder einfach nur, um nicht alleine zu sein. „Überraschenderweise gibt es an Weihnachten und Silvester aber nicht mehr Anrufe als sonst auch“, schildert Petra Henning, Leiterin der Telefonseelsorge Ostwestfalen mit Sitz in Bad Oeynhausen. „Die Feiertage kommen nicht überraschend, und so haben die Menschen viel Zeit, sich darauf vorzubereiten.“ Durchschnittlich nehmen die ehrenamtlichen Mitarbeiter, von denen die jüngsten noch Studenten und die ältesten schon Rentner sind, 40 Gespräche am Tag entgegen. Bundesweit liefen im vorigen Jahr 1 577 068 Gespräche bei den Telefonseelsorgestellen auf.

Um den Betrieb 24 Stunden am Tag aufrechterhalten zu können, werden viele zuhörende Ohren benötigt. „Im Moment haben wir 74 ehrenamtliche Mitarbeiter, 10 weitere sind aktuell in der Ausbildung“, erklärt Henning für ihren Bereich. Denn bei der Telefonseelsorge sitzt nicht irgendjemand am Telefon. Alle Mitarbeiter haben eine 15-monatige Ausbildung absolviert. Darin müssen sie sich vor allem mit sich selbst auseinandersetzen. „Wenn man hier arbeitet, muss man bereit sein, mit sich selbst unterwegs zu sein“, erklärt Henning. Was sich kompliziert anhört, beinhaltet eigentlich nur eine notwendige Voraussetzung: Man darf nicht starr in seiner Haltung und Einstellung sein, muss vielmehr bereit sein, stets Neues zu erfahren, auch über sich selbst. „Als Telefonseelsorger habe ich mit so vielen verschiedenen Menschen zu tun, da muss ich über meinen eigenen Horizont blicken können.“ Jeder Mitarbeiter müsse sich dabei von vornherein klar machen: „Es gibt viele Arten zu leben, meine ist nur eine davon.“ Zusätzlich werden auch Hintergründe zu Themen wie Depressionen und Selbstmord sowie Übungen in Gesprächsführung vom Ausbildungsplan abgedeckt. Die Telefonseelsorge besteht in Deutschland in dieser Form seit 53 Jahren. Träger in Ostwestfalen, wo es diese Hilfseinrichtung seit 25 Jahren gibt, sind die evangelisch-lutherische Landeskirche Schaumburg sowie die evangelischen Kirchenkreise Herford, Minden, Lübbecke und Vlotho. Im Raum Hannover gibt es dieses Angebot seit 1961; hier ist der Träger der evangelisch-lutherische Stadtkirchenverband. Auch wenn es sich um ein kirchliches Angebot handelt, sind alle Anrufer unabhängig von ihrem Glauben stets willkommen. „Wir üben weder religiösen noch moralischen oder ideologischen Druck auf die Anrufer aus“, versichert Henning, die selbst Pfarrerin ist. Bei der Telefonseelsorge entscheidet der Anrufende, worüber er sprechen möchte, die Mitarbeiter richten sich nach diesen Wünschen. „Die Gründe für die Anrufe sind völlig unterschiedlich“, erzählt die Leiterin. Für viele Themenbereiche sind die Mitarbeiter speziell geschult.

Das neueste Angebot ist die telefonische Begleitung in schwierigen Pflegesituationen. Rund um das Thema häusliche Pflege stehen die Mitarbeiter Betroffenen zur Seite, nachdem sie Fortbildungen zu diesem Bereich besucht haben. „Es ruft zum Beispiel die Tochter an, die sich nie besonders gut mit ihrer Mutter verstanden hat, sie aber jetzt zu Hause pflegen soll“, sagt Henning. Doch auch Pflegende, die sich mit der Situation grundsätzlich überfordert fühlen, und Pflegebedürftige, die ihren Angehörigen nicht zur Last fallen wollen, gehören zu den Ratsuchenden.

Während des Gespräches hat der Mitarbeiter der Telefonseelsorge per Computer Zugriff auf eine Helferkartei. Darin sind weitergehende Beratungs- und Hilfestellen verzeichnet, welche an den Anrufer weitergegeben werden können. Für jedes Thema findet sich das passende Angebot. „Der Anrufer muss natürlich selbst entscheiden, ob er auch außerhalb der Anonymität des Telefons Hilfe in Anspruch nehmen möchte“, sagt Henning.

Die häufigsten Themen sind seit Jahren dieselben: Einsamkeit, die Frage nach dem Sinn des Lebens und Probleme in Partnerschaft und Familie. „Wir haben zum Beispiel Anrufe von einer besorgten Mutter, die gerade Drogen im Zimmer ihres Sohnes gefunden hat, oder von der Ehefrau, die glaubt, dass ihr Mann sie betrügt“, veranschaulicht Henning. Die Gespräche werden dabei vonseiten der Telefonseelsorge aus anonym geführt. Der Anrufende entscheidet selbst, wie viel er von sich preis geben möchte. Selbst die Rufnummernanzeige ist ausgeschaltet. „Daher können die von uns erstellten Statistiken nur eine Leitlinie sein“, erklärt die Leiterin. Im Jahr 2008 waren etwa 63 Prozent der Anrufer weiblich. Fast 50 Prozent der Hilfesuchenden waren zwischen 40 und 60 Jahre alt. Doch egal welches Geschlecht, welches Alter und welcher soziale Hintergrund – die Mitarbeiter müssen sich auf jeden einzelnen Menschen einlassen und einstellen.

Ein großes Problem sind dabei Scherzanrufe, die vor allem von Jugendlichen getätigt werden. 2008 waren von 14 865 Anrufen bei der ostwestfälischen Telefonseelsorge gut ein Drittel Scherzanrufe, was für die Telefonseelsorge aus zwei Gründen ärgerlich ist: Zum einen ist während dieser Zeit die Leitung blockiert, Menschen in wahren seelischen Nöten können nicht verbunden werden. Zum anderen sinkt aber auch die Motivation der Mitarbeiter. „Stellen sie sich vor, sie hatten zehn Scherzanrufe hintereinander. Da ist es schwer, sich auf den elften, der ernst gemeint ist, wieder so einzulassen, wie es sein muss“, verdeutlicht Henning. Zu den schwierigsten Aufgaben gehören dabei Anrufe Suizidgefährdeter. „Wir können einen Menschen ja nicht zwingen, uns zu sagen, wo er sich befindet“, erklärt Henning. „Auch dann nicht, wenn er sagt, dass er eine Überdosis Tabletten geschluckt hat“, fügt sie hinzu. „In diesen Fällen bleibt uns nichts anderes übrig, als Sterbebegleitung zu leisten“, sagt die Expertin. Eine schwierige Aufgabe. Die Mitarbeiter bleiben dann so lange am Telefon, bis von der anderen Seite keine Rückmeldung mehr kommt. „In dieser Situation ist man sehr hilflos“, sagt Henning, die solch einen Fall selbst schon erlebt hat. „Aber es ist der Wunsch des Sterbenden, und den müssen wir respektieren“, erklärt sie. Es gibt jedoch auch Fälle, die anders ausgehen. „Erst kürzlich konnten wir einen Anrufenden dazu bewegen, uns zu erzählen, wo er zu finden ist“, berichtet Henning. Die Telefonseelsorge alarmierte daraufhin Polizei und Feuerwehr, der Lebensmüde konnte gerettet werden. „Das sind dann die schönen Momente“, betont Henning.

Um mit solchen Erlebnissen fertig zu werden, treffen sich die Mitglieder der Telefonseelsorge zweimal im Monat in festen Reflexionsgruppen. Dort können sie über Erlebtes sprechen und geführte Telefongespräche verarbeiten „Viele unserer Mitarbeiter beschreiben auch die räumliche Trennung als hilfreich“, erklärt Henning. Denn alle Gespräche werden aus einer Wohnung in Bad Oeynhausen geführt. Niemand telefoniert von zu Hause aus. Das bedeutet zwar, dass die Mitarbeiter, die teilweise bei Stadthagen wohnen, unter Umständen recht weite Anfahrtswege haben, aber sie können nach ihrer Schicht das Erlebte besser hinter sich lassen.

Kontakt: Die Telefonseelsorge ist unter den Nummern 0800/1110111 und 0800/ 1110222 zu erreichen. Der Anruf ist kostenlos, auch vom Handy aus. Alle anfallenden Gebühren übernimmt die Deutsche Telekom. Es kann Wartezeiten geben; wer auf den Anrufbeantworter trifft, sollte es einfach immer wieder probieren, raten die Organisatoren. Vor kurzem wurde das Angebot um eine Chat-Beratung erweitert; Interessierte können sich hierzu unter der Internetadresse www.telefonseelsorge.de einen Termin besorgen.



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