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Reisen und Reisebeschreibungen anno dazumal

„Sie essen außerordentlich viel“

Per Flieger nach Tahiti, auf dem Kreuzfahrtschiff ins arktische Polarmeer und mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok – die Zeiten, als Reisen noch ein abenteuerliches Unterfangen war, sind längst vorbei. Dank ausgefeilter Angebote der Touristikbranche wird selbst ein Trip zu fernen Kontinenten und Kulturen zum Komforterlebnis. Prospekte, Werbebroschüren und Internetportale zeigen bereits während der Startvorbereitungen an, welche Sehenswürdigkeiten man keinesfalls verpassen sollte.

veröffentlicht am 08.06.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

An solche Möglichkeiten hätten unsere Altvorderen bis vor 50 Jahren noch nicht einmal im Traum zu denken gewagt. Erlebnisreisen waren bis ins 18. Jahrhundert allenfalls den besseren Kreisen vorbehalten. Was sich außerhalb des eigenen Lebensraums abspielte, interessierte nur Landesherren, Kirchenfürsten, Pilger, Forscher und Abenteurer. Den wenigen, die lesen konnten, standen ab Anfang des 17. Jahrhunderts – meist mit viel Phantasie angereicherte – erste Tourenbeschreibungen zur Verfügung.

Die bedeutsamsten und umfangreichsten Sammlungen früher Reiseliteratur haben die heimischen Herrscher- und Adelsdynastien derer zu Schaumburg-Lippe und von Münchhausen zusammengetragen, alles in allem weit mehr als 600 Buchausgaben, Landkarten und Bilder. Die ältesten Drucke wurden Anfang des 17. Jahrhunderts hergestellt. Viele Stücke stellen kunst- und kulturhistorische Kostbarkeiten dar.

Eine bei den damaligen Zeitgenossen besonders angesehene Veröffentlichung war die „Allgemeine Historie der Reisen zu Wasser und Lande“. In dem mehrbändigen, 1748 herausgegebenen Werk stand laut Untertitel alles, was „bis itzo in verschiedenen Sprachen von allen Völkern herausgegeben worden und einen vollständigen Begriff von der neuern Erdbeschreibung und Geschichte macht“. Die meisten Einzelbeiträge hatten englische Autoren beigesteuert. Angehörige und Abgesandte der See- und Kolonialmacht waren damals auf allen Kontinenten unterwegs.

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  • „Kleine indianische Fahrzeuge“, Kupferstich (Allg. Historie Bd. I, S. 53, Tafel 5).
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Die Palette der in der Historien-Sammlung behandelten Themen ist außergewöhnlich vielfältig und umfangreich. Das Gros sind Beschreibungen von Regionen und Landschaften wie die vom „See von Kolzum, welcher gemeiniglich der arabische Meerbusen oder das rothe Meer genannt wird“ oder die vom „Land gegen Norden von Sanaga, wo der Gummi gesammelt wird“. Daneben findet sich eine Fülle von Einzelreiseberichten, darunter die Tagebuchaufzeichnungen von der „ungluecklichen Reise des Hauptmanns Benjamin Wood nach Ostindien im Jahre 1596“, von der „Reise des Portugiesischen Hauptmanns Piedro de Cintranach Sierra Leona“ und „des Lootsmanns Weilhelm Adams Reise nach Japan, nebst seinen Begebenheiten und seiner Erhebung daselbst“.

Viel Raum nimmt auch die Schilderung von Land, Leuten, Sitten, Brauchtum sowie Pflanzen- und Tierwelt ein. So erfährt der Leser eine Menge ungewöhnlicher Dinge über die „Einwohner von Bulmberre oder Sierra de los Leonos, gemeiniglich Sierra Leona genannt“, „von den Raeumen, Feldfruechten, Kornen, Wurzeln, Pflanzen und anderen Gewaechsen von Africa“, von den „Thieren, welche zugleich im Wasser und auf dem Lande leben“ sowie von „einigen Theilen von Guinea und dem Sklavenhandel im Jahre 1730“. Zur Veranschaulichung der Textbeiträge ist jeder Band mit bis zu 30 „Karten und Kupfer“ (Kupferstichen) illustriert.

Zu den aus heutiger Sicht interessantesten Darstellungen gehört ein Kapitel über die Kanaren, also jener spanischen Inselgruppe, die heute zu den beliebtesten Zielen sonnenhungriger Urlauber gehört. Angeblich schweben jedes Jahr allein knapp drei Millionen Deutsche auf Fuerteventura, Lanzarote, Gran Canaria, La Gomera, Teneriffa, La Palma oder El Hierro ein. Als Autor der 1731 abgefassten Kanaren-Studie mit dem Titel „Beschreibung der canarischen Eylande und Madera, nebst ihren merkwürdigen Früchten und Waaren“ ist ein gewisser Thomas Nicols ausgewiesen. Der Engländer wusste, wovon er sprach. Er hatte nach eigenem Bekunden „über sieben Jahre hintereinander in den sonst auch Glücksinseln genannten Canarien gewohnet“. In den seit Abfassung dieser Beobachtungen vergangenen 280 Jahren muss sich einiges geändert haben.

„Die Landesbewohner waren in Ziegenfelle, die wie ein weiter Priesterrock gemacht waren, bekleidet, und wohnten in Höhlen zwischen den Felsen in großer Liebe und Freundschaft zusammen“, hatte Nicols seinerzeit aufgeschrieben. Auch in puncto Volkscharakter und Essgewohnheiten war ihm manches Ungewohnte aufgefallen. „Sie sind ein frisches und starkes Volk, schlank und hager, von schwarz-gelber Farbe, mit breiten flachen Nasen, von einer lebhaften und behenden Gemüthsart, herzhaft und kriegerisch. Sie machen nicht viel Worte und sprechen sehr leise, essen aber außerordentlich viel, so, dass einer von ihnen 20 Kaninchen und eine ganze Ziege auf einer Mahlzeit verzehren kann“

Die auf der Insel Teneriffa übrig gebliebenen Ureinwohner werden laut Nicols von den Spaniern Unschotenoder Guanchos genannt. „Sie sind ein graues ungesittetes Volk. Jeder nimmt viel Weiber, als ihm beliebt“. Es sei üblich, die Kinder zum Säugen den Ziegen zu übergeben. „Sie hatten nichts eigenes und bauten das Land mit Ochsenhörnern“.

„Karte von den Canarischen Eylanden nach den Tagebüchern der Schiffahrer entworfen“.

„Bavian (Pavian) aus Angola, welcher dem Prinzen von Oranien Friedrich Heinrich geschenket worden“, Kupferstich (Allg. Historie Bd. IV, S. 262, Tafel 18).



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