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Wie heimische Jugendorganisationen ihre Mitarbeiter auswählen / So können Eltern ihre Kinder vor Übergriffen schützen

Sicherheit vor Missbrauch gibt es nicht

Der Aufruhr in der katholischen Kirche ebbt nicht ab. Auch Wochen nach dem Bekanntwerden zahlreicher Missbrauchsfälle melden sich täglich neue Opfer. Das Bistum Hildesheim hat darauf reagiert und eine Telefonnummer eingerichtet, unter der sich Betroffene melden können. Viele Kirchenmänner nehmen öffentlich zu den Vorwürfen Stellung: „Es handelt sich um einen beschämenden und fürchterlichen Vertrauensbruch von Geistlichen in Bezug auf ihre Aufgabe und ihr Amt und vor allem in Bezug auf die Opfer des Missbrauchs“, sagt etwa Hans-Georg Spangenberger.

veröffentlicht am 08.03.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 09.03.2010 um 16:02 Uhr

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Autor:

Julia Henke

Der Aufruhr in der katholischen Kirche ebbt nicht ab. Auch Wochen nach dem Bekanntwerden zahlreicher Missbrauchsfälle melden sich täglich neue Opfer. Das Bistum Hildesheim hat darauf reagiert und eine Telefonnummer eingerichtet, unter der sich Betroffene melden können. Viele Kirchenmänner nehmen öffentlich zu den Vorwürfen Stellung: „Es handelt sich um einen beschämenden und fürchterlichen Vertrauensbruch von Geistlichen in Bezug auf ihre Aufgabe und ihr Amt und vor allem in Bezug auf die Opfer des Missbrauchs“, sagt etwa Hans-Georg Spangenberger. Der Pastoralreferent im Dekanat Hameln-Holzminden begrüßt es sehr, dass die Kirche das Problem derzeit „sehr konsequent angeht“ und auch die Öffentlichkeit nicht scheut. „Es handelt sich um einen schmerzhaften, aber überaus notwendigen Reinigungsprozess“, erklärt Spangenberger, der selbst schon mehrfach von Mitgliedern der St.-Augustinus-Gemeinde auf das Thema angesprochen wurde. Aus diesen Gesprächen weiß er, dass „viele Gemeindemitglieder bestürzt sind und sich für ihre Kirche schämen“.

Doch nicht alleine Bestürzung macht sich breit. Immer mehr Eltern auch im Weserbergland machen sich Sorgen, wenn ihre Kinder eine Jugendgruppe besuchen – oder sie halten sie von Freizeit- und Ausflugsaktivitäten fern. Immerhin sind Fälle von Kindesmissbrauch nicht alleine auf die katholische Kirche beschränkt. Auch in anderen Einrichtungen könnten sich Betreuer an Kindern und Jugendlichen vergreifen.

So sorgte vor fünf Jahren in Hameln der Fall eines pädophilen Erziehers für Aufsehen. Zwar wurden in der Rattenfängerstadt keine Missbrauchsfälle bekannt. Aber der Mann, der zu sechs Jahren Haft wegen mehrerer Übergriffe in einer hannoverschen Kita verurteilt wurde, war zuvor mehrere Jahre lang Betreuer bei der Hamelner Ferienpassaktion gewesen. Im Nachhinein ließ die Geschäftsführerin des Stadtjugendrings, Kathrin Sievers, ihre Begegnungen mit dem gelernten Erzieher noch einmal Revue passieren. „Aber mir ist auch in der Retrospektive nichts an ihm aufgefallen – solche Menschen können sich einfach so gut verstellen.“ Eine Einschätzung, die auch viele andere Kollegen aus der Jugendarbeit teilen. Spangenberger: „Man kann in keinen hineingucken.“ Die Sicherheit, nicht den falschen Mitarbeiter einzustellen, gibt es in keiner Institution.

Doch es gibt Persönlichkeitsmerkmale, die laut Psychologe Dr. Michael Heilemann viele Pädophile aufweisen: „Männer, die Kinder missbrauchen, haben oft eine gehemmte, ängstliche Versagenspersönlichkeit.“ Diese Personen seien „eher älter“, hätten sexuelle Minderwertigkeitskomplexe und Angst vor Bewertungen. „Aber nicht alle, die dieses Persönlichkeitsprofil aufweisen, haben pädophile Neigungen“, betont Heilemann. Und andersherum sind nicht alle Pädophilen an diesem Profil zu erkennen. Was können Jugendorganisationen also tun, um sich abzusichern? Laut Strafgesetzbuch VIII, Paragraf 72a müssen Hauptamtliche, die in der öffentlichen Jugendhilfe eingesetzt werden, ihrem Arbeitgeber zur Einstellung sowie in regelmäßigen Abständen ihr polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. So auch bei der Stadt Hameln. Die katholischen Kirchen im Dekanat Hameln-Holzminden holen zusätzlich Informationen bei der vorigen Dienststelle des Bewerbers ein. Doch während Hauptamtliche dazu verpflichtet werden können, ihrem Arbeitgeber Auskünfte zu erteilen, ist das bei Ehrenamtlichen schon schwieriger. „Man könnte auch von ihnen ein Führungszeugnis verlangen“, meint Kathrin Sievers, schränkt aber sogleich ein, dass diese Forderung Ehrenamtliche abschrecken könnte. Dabei freue sich jede Einrichtung über die „helfenden Hände“. Und überhaupt: „Was sagt ein Führungszeugnis schon aus“, fragt Sievers und liefert die Antwort mit: „Es hilft zum Beispiel nicht, wenn die betreffende Person noch nie auffällig geworden ist.“

Abgesehen vom Führungszeugnis, verfährt Hameln laut Stadtjugendpfleger Wilfried Schwarck mit Ehrenamtlichen genauso wie mit Hauptberuflichen. „Wir konfrontieren sie mit dem Thema Missbrauch und sensibilisieren sie dafür.“ Bei der Jugendleiterausbildung nehme das Thema eine besondere Stellung ein. Durchgenommen wird dabei auch der Paragraf 8a des Strafgesetzbuches VIII. Die Jugendbetreuer werden darüber aufgeklärt, was eine Gefährdung des Kindeswohls bedeutet und wie sie sich in solchen Fällen zu verhalten haben.

„Wenn jemand etwas Verdächtiges beobachtet, sollte er sich zunächst mit anderen Kollegen oder seinen Vorgesetzten darüber austauschen“, rät Schwarck. Bestätigen diese den Verdacht, müsse der Kinderschutzbund eingeschaltet werden. „Wir gehen jedem kleinsten Hinweis nach, um auf der sicheren Seite zu sein“, betont der Stadtjugendpfleger.

In vielen Einrichtungen, so auch im evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Hameln-Pyrmont, müssen ehrenamtliche Jugendbetreuer eine Erklärung unterschreiben. Darin verpflichten sie sich, bei Anzeichen einer Kindeswohlgefährdung einzugreifen. Außerdem verweisen viele Hamelner Stellen der Jugendhilfe darauf, dass ihre Ehrenamtlichen zumeist selbst Jugendliche seien. Der Großteil von ihnen sei schon lange Zeit bekannt, bevor sie sich zu einer Jugendleiterausbildung entschieden. Die Jugendwartin des Kirchenkreises, Silvia Büthe, erklärt, dass diejenigen, die eine Gruppe leiten, „mindestens schon zweieinhalb Jahre bei uns aktiv sind“. Mit einer guten Menschenkenntnis könne sie ihre Helfer „gut einschätzen“. Die Jugendwartin pflegt nach eigenen Angaben aber „ein gesundes Misstrauen“ gegenüber Unbekannten, die 35 Jahre und älter sind und sich in der Kinderbetreuung ehrenamtlich betätigen wollen. „Die muss ich mir schon sehr genau ansehen“, sagt Büthe.

Auch die städtischen Einrichtungen unternehmen laut Jugendpfleger Schwarck „alles, aber auch wirklich alles, Missbrauchsfälle nicht auftreten zu lassen“. Deshalb gingen alle Mitarbeiter „sehr ernsthaft ihrer Aufsichtspflicht nach“ und ermutigten auch Eltern, „Hinweise zu geben“, falls ihnen etwas auffallen sollte, erklärt Schwarck. Auch wenn der Jugendpfleger sich einen Missbrauchsfall bei der Stadt Hameln nicht vorstellen kann, weiß er: „Man kann es nicht hundertprozentig ausschließen.“ Deshalb sei das Wichtigste, Mitarbeiter, Eltern und Kinder für das Thema zu sensibilisieren.

Wie das funktionieren kann, beschreibt Sabine von Blanckenburg, Diplom-Pädagogin der Beratungsstelle für sexuellen Missbrauch und Gewalt des Hamelner Kinderschutzbundes: „Eltern müssen ihre Kinder altersentsprechend aufklären. Kinder müssen ihren Körper benennen und klar sagen können, wie ihre Geschlechtsteile heißen.“ Zudem sei es wichtig, dass Kinder lernten, „Nein“ zu sagen. Auch die Gefühle des Kindes ernst zu nehmen und ihnen den Unterschied zwischen „guten und schlechten Geheimnissen“ klarzumachen, sei wichtig in der Erziehung. „Ein gutes Geheimnis ist eines, bei dem man ein Kribbeln im Bauch hat und sich freut – ein schlechtes verursacht Bauchschmerzen“, erläutert die Pädagogin. Die Kinder müssten wissen, dass es jemanden gibt, dem sie ein „schlechtes Geheimnis“ anvertrauen könnten. „Am wichtigsten ist aber, dass Kinder gestärkt und selbstbewusst sind, dann sind sie geschützter vor Überfällen“, sagt von Blanckenburg. Und wenn doch einmal etwas passiere, hätten diese Kinder eher den Mut, sich anderen anzuvertrauen. Auch Psychologe Michael Heilemann sagt, dass Kinder ermuntert werden sollten, „frech, dreist und offen zu sein und nichts in sich hineinzuschlucken“. Denn dieses Auftreten wirke abschreckend auf einen Pädophilen, der mit dem Kind „eher ein Geheimnis haben möchte“.

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