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Bewährungsstrafe für Stiefvater

Sexuelle Nötigung "keinÜbergriff - ein Verbrechen"

Stadthagen (menz). Das Jugendschöffengericht Stadthagen hat einen 46-jährigen Mann wegen sexueller Nötigung seiner Stieftochter zu einem Jahr und sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

veröffentlicht am 05.11.2007 um 00:00 Uhr

Lediglich juristisch wurden die zwei angeklagten Taten aus dem Zeitraum zwischen Ende 2005 und Mitte 2006 als minderschwerer Fall eingestuft, "nicht in den Folgen" für die heute 17-Jährige, betonte die Vorsitzende Richterin, Gudrun van Lessen, in der Urteilsbegründung. Der Mann habe lange nichts dazu getan, um das Leid des Mädchens zu lindern, im Gegenteil. Er habe seine Stieftochter "nach der Tat noch einmal zum Opfer gemacht", urteilten die Richter. Der heute 46-Jährige hatte die Jugendliche als Lügnerin hingestellt und in ihrem sozialen Umfeld völlig isoliert, auch auf die Mutter hatte er negativ eingewirkt. Der Prozess hat das Mädchen rehabilitiert. "Ich glaube der Zeugin", sagte Staatsanwalt Malte Rabe-von Kühlewein nach der nichtöffentlichen Vernehmung schlicht. Von keiner Seite kam Widerspruch. Der Stiefvater hatte zu Beginn die Vorwürfe aus der Anklageschrift zum erstenmal zugegeben, aber auch nur in abgeschwächter Form. Er versuchte den sexuellen Charakter seiner Handlungen zu bestreiten und wollte die körperlichen Annäherungen, gegen die sich die damals 15-Jährige mit Gewalt hatte wehren müssen, als Übergriff im Rahmen familienüblicher Spaßrangeleien bagatellisieren. Mit hartnäckigem Nachhaken mussten ihm Zugeständnisse Punkt für Punkt abgerungen werden. Die Richterin mutmaßte, der Angeklagte habe sich im Nachhinein "zur eigenen Verarbeitung" zurechtgelegt, es sei "nicht so schlimm" gewesen. Schnörkellos formulierte der Staatsanwalt an die Adresse des Mannes, die Vorfälle seien "kein Übergriff" gewesen, "sondern ein Verbrechen". Für den Angeklagten war es nicht einfach, sich dem zu stellen, was er angerichtet hatte. Seine Stimme wurde brüchig, Tränen rollten, ein Würgen im Hals war spürbar. Er trauert um die Vergangenheit und blickt auf einen Scherbenhaufen. Mit seinem Verhalten hat er die Familie, die er als Mittelpunkt seiner Welt beschrieb, gesprengt. Die Ehe ist kaputt, er lebt allein, es geht ihm nicht gut. Die Situation habe er sich selber zuzuschreiben, sahen Gericht und Ankläger kein Platz für Selbstmitleid. Staatsanwalt Rabe-von Kühlewein erinnerte in seinem Plädoyer an die "große Belastungsituation" des Mädchens und resümierte, für das Opfer seien "die Auswirkungen besonders krass gewesen". Zur Unterstützung der heute 17-Jährigen hatte der Ankläger schon im Ermittlungsverfahren den Kontakt zur Opferhilfe angeregt. Deren Leiterin Dagmar Behrens betreute und begleitete seither die Jugendliche. "Ich weiß nicht, ich weiß ehrlich nicht warum", blieb der Angeklagte jede Erklärung für sein Verhalten schuldig. Der Staatsanwalt sah deutlich einen "problematischen Hang zu jungen Mädchen" und bezog sich auch auf die Aussage einer 15-Jährigen, die im Haus der Familie verkehrte. Das Mädchen hatte bezeugt, dass der Stiefvater einmal versucht habe, sie zu küssen. Die Teilnahme des Angeklagten an einer Therapie war für den Ankläger unabdingbare Voraussetzung für eine Bewährung. Das Gericht folgte dem Antrag, die Richter haben den regelmäßigen Besuch von Therapiesitzungen für den 46-Jährigen zur Pflicht gemacht. Außerdem wurde ihm der Kontakt zu seiner Stieftochter verboten.



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