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Menschen vor Ort

Schwieriges Jerusalem: emotional, religiös, geschichtlich

Jerusalem (dpa) - Der Muezzin der Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg ruft gegen Mittag zum Gebet. Sein Gesang erschallt über den Platz vor der Klagemauer am Fuße des Hügels in der Jerusalemer Altstadt.

veröffentlicht am 07.12.2017 um 16:34 Uhr
aktualisiert am 11.12.2017 um 15:20 Uhr

Gläubige Juden an der Klagemauer in der Altstadt von Jerusalem. Foto: Stefanie Järkel

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Stefanie Järkel, dpa

Gläubige Juden beten vor den massiven Steinen, singen und stecken Zettel mit Wünschen in die Ritzen des Mauerwerks. Der Tempelberg, für die Muslime Al-Haram Al-Scharif (das edle Heiligtum), ist beiden Religionen heilig - und damit der perfekte Zankapfel zwischen Israelis und Palästinensern.

Die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch die USA befeuert den Streit auf ein Neues - mit nicht absehbaren Folgen.

«Ich denke, das ist keine gute Sache, das zu tun», schimpft Osama Scheich, Palästinenser aus Jerusalem, über die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump. Der 19 Jahre alte Scheich ist einer der wenigen, die an diesem Tag arbeiten - in der Wechselstube seiner Familie am Jaffa-Tor zur Altstadt.

«In Jerusalem befindet sich die Al-Aksa-Moschee und die gehört zu uns und nicht zu ihm», sagt der junge Mann mit den kurzen braunen Haaren. Trump habe kein Recht, hier etwas zu verteilen, was nicht ihm gehöre. «Al-Aksa ist für alle Muslime wichtig, nicht nur für die Palästinenser.»

In der Jerusalemer Altstadt herrscht am Donnerstagmittag weitgehend gespenstisches Stille. Ein Hund kläfft, ein Radio plärrt irgendwo, doch die Läden der Palästinenser bleiben fast alle geschlossen. Die Palästinenser streiken aus Protest gegen die Entscheidung Trumps. Der Chef der radikal-islamischen Hamas, Ismail Hanija, ruft währenddessen zu einem neuen Palästinenseraufstand auf. Es gibt die Sorge, dass es nach den Freitagsgebeten zu einer neuen Explosion der Gewalt kommen könnte.

Schon am Donnerstagabend versammeln sich Dutzende junge Palästinenser am Damaskus-Tor, einem der Eingänge zur Altstadt von Jerusalem. Sie pfeifen und machen ihrer Empörung mit Sprechchören Luft. Schwer bewaffnete israelische Sicherheitskräfte, darunter auch berittene Polizei, vertreiben die Palästinenser. Die Anspannung, die schon an normalen Tagen in der Heilighen Stadt zu spüren ist, wächst.

Jerusalem ist Juden, Christen und Muslimen heilig. In der Altstadt liegt der Tempelberg. Nach islamischem Glauben ritt der Prophet Mohammed von dort aus in den Himmel. An dieser Stelle steht heute der Felsendom mit seiner goldenen Kuppel. Daneben befindet sich die Al-Aksa-Moschee. Die Stätten bilden das drittwichtigste islamische Heiligtum.

Für die Juden ist der Ort ebenfalls von höchster Bedeutung, weil dort zwei jüdische Tempel standen. Die Klagemauer am Fuß des Tempelbergs ist der Überrest der ehemaligen westlichen Stützmauer des zweiten Tempels, der von den Römern im Jahr 70 zerstört wurde.

An der Klagemauer sind an diesem Tag viele Menschen und feiern fröhlich. Männer singen bei der Bar Mizwa ihrer Söhne, Frauen werfen dazu Süßigkeiten. Gläubige beten an der Mauer. Touristen fotografieren sich zur Erinnerung gegenseitig.

«Es ist die richtige Zeit dafür», sagt Jonathan Charasch, groß, breit, schwarze Kippa auf dem Kopf, über die Entscheidung Trumps. «Für alle Leute anderswo ist das jetzt irgendwie «Wow», aber es ist nicht neu, für die Juden war Jerusalem seit Tausenden von Jahren die Hauptstadt von Israel.» Der Familienvater arbeitet nahe der Altstadt in einem Falafelladen.

Auch Lior Baraschi findet Trumps Entscheidung gut. Aber: «Das gibt wieder Krieg, ganz sicher», sagt die 20-jährige Israelin mit den langen blonden Haaren. Aus Angst vor palästinensischen Attacken gehe sie schon seit längerem nicht mehr in die Altstadt - «aber jetzt wirklich nicht mehr». Nach der Anerkennung durch die USA sei die sensible Situation noch angespannter.

Galid Dschabari hat ähnliche Sorgen - auch wenn er als muslimischer Palästinenser Trumps Entscheidung nicht lobt. «Die Anerkennung macht die Situation noch komplizierter und noch gefährlicher», sagt der 57 Jahre alte Sicherheitsmann aus Ost-Jerusalem. Wenn die US-Botschaft umziehen werde, werde es zudem weiteren Ärger geben.

Israel eroberte 1967 im Sechs-Tage-Krieg unter anderem Ost-Jerusalem von Jordanien und annektierte den Stadtteil später. Die internationale Gemeinschaft erkennt diesen Schritt nicht an. Die Palästinenser wollen Ost-Jerusalem als Hauptstadt für einen künftigen unabhängigen Staat Palästina. Israel beansprucht die ganze Stadt für sich. Die Altstadt mit der Klagemauer und dem Tempelberg liegt in Ost-Jerusalem.

Für den palästinensischen Analysten Muhannad Abdulhamid zerstört die Entscheidung Trumps die Chance auf einen Friedensprozess. «Jerusalem war und ist historisch gesehen das religiöse, kulturelle und politische Zentrum für die Palästinenser», sagt Abdulhamid. «Ohne das gibt es kein Palästina.»

Wenn man diesen Teil ausklammere, bleibe nichts mehr übrig, worüber man verhandeln könne. Den Palästinensern werde nichts anderes übrig bleiben, als alle Kontakte zu den USA abzubrechen und aus jeglichen Friedensgesprächen auszusteigen.

«Jerusalem ist die Wiege der jüdischen Kultur und Zivilisation», sagt dagegen Gerald Steinberg, Politikprofessor an der Bar-Ilan-Universität, über die Bedeutung der Stadt für Israel und die Juden in aller Welt. «Die biblische Geschichte geht zurück auf König David, König Salomon und die Tempel.»

Die Aussage von Palästinensern, dass es keine jüdischen Wurzeln in Jerusalem gebe, mache die Anerkennung als Hauptstadt Israels umso wichtiger. «Die politische Anerkennung ist eine Art der Kompensation, um den Schmerz zu lindern, den die Geschichte erzeugt hat», sagt Steinberg. 70 Jahre lang habe die internationale Gemeinschaft Jerusalem als «Corpus Separatum» (deutsch: abgesonderter Körper) angesehen, als ein Gebiet mit Sonderstatus.

Einige Touristengruppen lassen sich am Donnerstag auch nicht von Berichten über mögliche Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften abschrecken. Evelyn Gregel und Leonhard Gebhardt aus Berlin bereisen eine Woche das Heilige Land und erkunden an diesem Tag die Altstadt. Angst vor Angriffen haben sie keine. «Bedenken hätte ich eher, nach Bethlehem oder Ramallah zu fahren», sagt der 27-Jährige. Seine Freundin sagt zu der Situation: «Wir wollen einen Tag die Stadt auf uns wirken lassen, und da gehört das eben auch dazu.» Am Freitag wollen sie weiter nach Eilat im Süden Israels fahren.

Nur acht Minuten zu Fuß vom Tempelberg liegt das wichtigste Heiligtum der Christen: die Grabeskirche. Sie soll sich der Überlieferung nach an der Stelle befinden, wo Christus nach seinem Tod am Kreuz beerdigt wurde und wieder auferstand. Traditionell feiern Gläubige dort das Osterereignis.

Der deutsche Benediktinermönch Nikodemus Schnabel lebt seit 14 Jahren in der Heiligen Stadt. «Jerusalem ist einfach eine Stadt, die viereinhalbtausend Jahre auf dem Buckel hat und eine Geschichte, die teilweise erinnert und teilweise verdrängt wird», sagt der Leiter der Dormitio-Abtei am Rande der Altstadt. «Wenn die Israelis sagen, Jerusalem ist 3000 Jahre alt und die ewige Hauptstadt Israels, muss man sagen: Nein, Jerusalem ist 4500 Jahre alt, eine kanaanäische Stadt, in der ein Götterhimmel verehrt wurde mit Wettergottheiten und Muttergottheiten.»

Die Palästinenser wiederum würden verdrängen, dass es die jüdischen Tempel gab, weil das nicht in ihr Geschichtsbild passe, sagt Pater Nikodemus. «Die Stadt ist geschichtlich und religiös sehr aufgeladen.» In jeder Religion gebe es zudem Strömungen, die Jerusalem für sich allein haben wollten.

Die Christen würden allerdings in der Stadt kaum eine Rolle spielen, sagt der Mönch. Immerhin machten sie nur zwei Prozent der Bevölkerung aus.

«Jerusalem ist wie ein feines Spinngewebe», sagt er. «Da kann man sich nicht elefantös darin bewegen, das tut den Menschen nicht gut.»

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