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Anonymer Brief löst bei F1-Jugend des ETSV Schock aus / Junger Torwart - nur wenige Wochen zu alt - muss gehen

Schwerbehinderter Lukas (9) darf nicht mehr mitspielen

Haste (tes). Der Jugendtrainer des ETSV, Matthias Tatge, ist nach eigenen Worten "sehr betroffen". Seine F1-Jugend hat einen beliebten Spieler verloren: Lukas Büschel (9). Seit drei Jahren spielt der schwerbehinderte Junge in der Mannschaft der meist Achtjährigen mit. "Ein anonymes Schreiben hat uns angeschwärzt", erklärte Tatge den Auslöser des großen Schocks für seine Mannschaft. Die Folge des Briefes: Lukas darf nicht mehr für sein Team antreten.

veröffentlicht am 30.01.2007 um 00:00 Uhr

Mit Torwart Lukas hat die F1 des ETSV Haste viele erste Plätze e

"Ein tränenreicher Zwangsabschied, der den jungen Spielern kaum zu vermitteln war", kann der Trainer seine Enttäuschung über die harte Entscheidung auf Kreisebene kaum verbergen. "Wir haben die Verantwortung für diesen behinderten Jungen übernommen, und ich habe ihn bewusst eingesetzt. Mit Sicherheitnicht, um der Mannschaft einen Vorteil zu verschaffen." Seit Beginn ihrer Fußballkarriere vor drei bis vier Jahren habe sich die F1-Jugend gut eingespielt, so Tatge. Die meist Achtjährigen wollten ihren Mitspieler aus menschlichen Gründen und trotz möglicher Nachteile bei der Platzierung nicht verlieren. Das ist endgültig vorbei. Mehr noch: "Der Junge will seitdem keinen Fußball mehr spielen", bedauerte der Trainer. Ein Vorgang, der im Verein und auf Kreisebene hohe Wellen geschlagen hat. Nach Gesprächen mit dem Kreisvorstand wurde die Entscheidung jetzt zwar nicht zurückgenommen, aber Tatge habe sein "Minimalziel" erreicht: "Der Vorsitzende hat sich für die unsanfte Vorgehensweise entschuldigt, konnte aber nicht anders handeln, weil der Spieler zu alt war." Wäre dieser gesund, müsste er in der E-Jugend spielen. Rechtlich sei dies in Ordnung. "Menschlich" sei die Entscheidung des Trainers, gegen die Regel zu verstoßen, allerdings auf Verständnis gestoßen, berichtete Tatge von den Diskussionen. Bei dem Trainer bleibt ein Nachgeschmack: "Aufgrund seiner Behinderung hätte Lukas in der höheren Altersklasse keine Chance, und er ist sehr traurig, sein langjähriges Team verlassen zu müssen." Für den schwerbehinderten Lukas Büschel ist es damit vorbei mit "Wilde Kerle"-Schrei und Siegesserien mit seinem ETSV-Team. Seine F1-Mannschaft habe ihn sein Handicap nie spüren lassen, der Kreissportbund hat das jetzt unsanft nachgeholt und Lukas mitten im Punktspiel von seinen Fußballträumen befreit. "Ich höre auf", war die erste Reaktion von Torwart Lukas. Der Neunjährige schäme sich, "weil er plötzlich schuld sein soll, dass seine Mannschaft alle Punkte verliert", sagte seine Mutter. "Dieser Tag war bitter",ärgerte sich Diana Büschel über das letzte Punktspiel ihres Sohnes. Nach der ersten Halbzeit sei Staffelleiter Peter Krebs auf den Platz gekommen und habe der Mannschaft gesagt: "Ihr habt einen Spieler, der nicht spielen darf: Lukas Büschel." Ein Schock für den Neunjährigen und sein Team, derbei der Mutter "sauer aufgestoßen" sei. "Die Spielberichtsbögen werden doch kontrolliert, warum ist Lukas dann nicht schon am Anfang der Saison gesperrt worden?", kritisierte sie das Vorgehen. Zudem hätten die anderen Mannschaften vorher von der Kontrolle gewusst. Hintergrund: Offiziell ist der Neunjährige zu alt für die F1-Jugend. Lukas ist im Dezember 1997 geboren und somit ein "grenzwertiger Jahrgang". Alle anderen in der Mannschaft seien von 1998. Wäre sein Geburtstag nur wenige Wochen später, gebe es keine Probleme, so Büschel. Zudem ist Lukas schmal gebaut, gehörte in seinem Team nie zu den Größten. Aufgrund seiner Behinderung in den Beinen könne er zwar laufen, auf längeren Strecken könne es allerdings passieren, dass er hinfällt. Von körperlichen Vorteilen also keine Spur. Und: Lukas hat eine Ausnahmespielgenehmigung. Mit dieser dürfe er aber nur in der niedrigeren Mannschaft (hier F2) einer Klasse spielen, habe Büschel erfahren. "Das wussten wir nicht und das ist der Mannschaft zum Verhängnis geworden" Sicher habe die Mutter schon darüber nachgedacht, dass ihr Sohn irgendwann aufgrund seines Handicaps die Fußballkarriere beenden müsse. "Darauf hätten wir ihn vorbereitet", sagte Büschel: "Ich wollte mein Kind nie ins offene Messer laufen lassen." Durch sein Handicap plötzlich von Außenstehenden so ausgegrenzt zu werden, sei für ihren Sohn eine schlimme Erfahrung: "Fußball soll doch Spaß für Kinder sein. Und dann haut es ihm einer so um die Ohren." Lukas sei von klein auf immer auf Bälle fixiert gewesen, erinnert sich seine Mutter, "Fußballspielen war für ihn immer das Größte." Die Familie hat lange nach einem Verein gesucht. In seinem Wohnort Wunstorf sei man nicht so aufgeschlossen gewesen wie beim ETSV Haste, so Büschel weiter: "Hier war und ist Lukas willkommen." Trainer Matthias Tatge rechne sie sehr hoch an, dass er dieses Risiko auf sich genommen hat. "Was mein Sohn unter seiner Anleitung geschafft hat, ist beeindruckend. Man kann froh und dankbar sein, Trainer zu haben, die sich so für die Kinder einsetzen. Da zieh ich den Hut vor." Die uneingeschränkt gelungene Integration von Lukas in sein Team bestätigt auch Trainer Tatge: "Er war voll akzeptiert und ist beim Training immer willkommen." So einfach gehen lassen will ihn keiner in "seiner" Mannschaft, weiß Tatge: "Zumindest wollen wir ihn noch feierlich verabschieden."



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