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Gebetszettel auf dem Holzkreuz in der Nikolaikirche erzählen von Nöten und Ängsten

Schutz für "Mumpitz", Eltern und Freunde

Rinteln (cok). Immer ist es vollgehängt mit lauter kleinen Gebetszetteln, das extra dafür aufgestellte Holzkreuz in der Rintelner Nikolaikirche. Kinder, Eltern und Großeltern, Deutsche, Russlanddeutsche und Touristen, hinterlassen hier Spuren ihrer Wünsche, Ängste und Sehnsüchte. Dass die Zeiten nicht ganz leicht sind, lässt sich nach einer Lektüre unschwer erkennen.

veröffentlicht am 15.09.2006 um 00:00 Uhr

"Lieber Gott, hilf uns......!" Zettel am Holzkreuz. Foto: cok

Findet sich nämlich meistens eine bunte Mischung aus Dankes- und Bittgebeten an diesem Kreuz, dazu auch Fürbitten für notleidende Menschen in anderen Teilen der Welt, so könnte in diesem Spätsommer die Überschrift über die etwa 30 einzelnen Gebete lauten: "Bitte hilf uns!" Diese Worte, nichts weiter, stehen auf einem der Zettel, eilig hingekritzelt, wie ein atemloser Hilferuf, bevor jemand weiterrennt wie auf der Flucht. Vier, fünf andere bitten um Schutz für die ganze Familie, als drohe eine dunkle, nicht recht zu fassende Gefahr. Manchmal klingt das auch einfach richtig rührend, wie bei dem Kind, das alle zu beschützenden Wesen aufzählt, die ihm einfallen können, und nach dem Hund (oder Hamster?) "Mumpitz" (steht an erster Stelle!), nach den Eltern, Freunden und Bekannten folgt klein und ganz zum Schluss auch noch die Bittstellerin selbst in der langen Liste. Oder man sieht ein Mütterlein vor sich, das mit zittrigen altdeutschen Buchstaben bittet: "Behüt meine Kinder, Enkel u. mich." Warum wohl hat sie das aufgeschrieben, statt einfach still für sich zu beten? Kein einziges Dankgebet ist diesmal dabei. Einer schreibt davon, dass er vor langer Zeit in dieser Kirche getauft wurde. "Ich wollte immer hierher zurückkehren. Nun ist es soweit!" Ein anderer bittet um Segen für den Sohn, der eingeschult wurde, ein dritter darum, dass ihm die Heimkehr nach einem Besuch in Rinteln gut gelingen möge. Ansonsten soll Gott im schweren Alltag weiterhelfen, also den "Papa" oder "meine Eltern" wieder gesund machen, bei der Arbeitssuche beistehen oder Kraft geben, sich bei jemandem endlich zu entschuldigen. Auch traurig-unmögliche Bitten sind dabei: "Mach meinen Onkel zu leben. Deine J.". In der Mitte des Kreuzes hängt ein Gebet, das man nicht so bald vergisst: "Lieber Gott, helfe mir, ich bin krank und habe Angst (zweimal unterstrichen). Bitte helfe mir!" Ein so kleiner Zettel für ein so schweres Gebet. Sich einfach abzuwenden, ist schwer. Vielleicht schreiben Menschen ihre Gebete auf nicht so sehr für Gott, sondern für ihre Mitmenschen. Damit jemand an sie denkt. Und sie in ein Gebet einschließt.

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