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Alle Bergmannsfamilien waren Selbstversorger, da der Verdienst eines Bergmannes sehr niedrig ausfiel

Schutz der heiligen Barbara dringend benötigt

Die rührige Tätigkeit des Vereins zur Förderung des Bergmannswesens in Osterwald ist ein schönes Beispiel dafür, wie vieles durch privaten Einsatz bewegt werden kann. Dieser Verein hat sich zum Ziel gesetzt, die jahrhundertealte Tradition des Steinkohlebergbaus im Osterwald lebendig zu erhalten. Bis zu 472 Bergleute aus dem Dorf und der Umgebung standen hier zeitweise in Arbeit und Brot!

veröffentlicht am 22.05.2009 um 23:00 Uhr

Stollenmundloch des Hüttenstollens am oberen Dorfrand von Osterw

Autor:

Annemarie Rein-Piepho

Der Hüttenstollen, am oberen Dorfrand, ist als Besucherbergwerk noch heute erhalten. Der Verein hat hier unendlich viele Arbeitsstunden investiert. Neben dem Eingang hat man eine alte Lore aufgestellt, mit der einmal Kohle aus dem Berg abgefahren wurde. In älterer Zeit war sie aus Holz gezimmert. Auf dem Foto schieben zwei Bergleute eine solche hölzerne Lore (Hunt) aus dem Mundloch ins Freie. Die Kohlenvorkommen in Osterwald sind etwa 140 bis 145 Millionen Jahre alt und bestehen aus pflanzlichen Ablagerungen. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts werden sie mittels (waagerechter) Stollen oder (senkrechter) Schächte abgebaut. Der 360 Meter lange Hüttenstollen, früher auch Tagestollen genannt, weil hier die Kohle zutage gefördert wurde, wurde ab 1842 aufgefahren. Über dem Mundloch des Hüttenstollens stand bis 1894 ein Fachwerkhaus mit Büros und Magazinen für die Bergleute.

Glashütten auf örtlichen Kohlevorrat angewiesen

So wie hier wurde an vielen Stellen im Osterwald Kohle abgebaut. Die heimische Kohle fand vorwiegend Verwendung als Hausbrand in der näheren Umgebung und in der heimischen Industrie. Auch die Glashütten waren auf die örtlichen Kohlevorräte angewiesen. 1926 kam der Abbau zum Erliegen durch die Konkurrenz der hochwertigeren und billigeren Ruhrkohle. Die fünf abgebauten Kohleflöze waren nur 50 bis 70 Zentimeter stark und daher nur mit viel Aufwand zu gewinnen. Im Ruhrgebiet waren sie meterdick. Eines der fünf Flöze, das sogenannte Bergflöz, war stark mit Abraum (Berge) verunreinigt.

Die Förderung in den niedrigen Flözen war ungemein hart. Die Hauer lagen den ganzen Tag vor dem Flöz und hackten mit ihrer Kohlenhacke parallel zum Liegenden einen Schlitz in das Kohleflöz. Diesen Schlitz nannten sie Schram. Nun sollte der obere Teil des Flözes herunter brechen. Kam die Kohle nicht von allein, hebelten sie das Flöz herunter. Sie lagen dann, um nicht durchnässt zu werden, auf der gewonnenen Kohle. Wenn genügend Kohle hereingewonnen war, begann der Transport. Der Hauer zog ein Gefäß (ein Holztrog mit Kufen darunter, der etwa einen Zentner Kohle fasste) mit einer Kette in den Streb und kratzte die Kohle in den Trog. Der Schlepper, der in der Förderstrecke stand, zog sie heraus. Lag der Kohlestreb zu weit von der Förderstrecke entfernt, musste auch der Schlepper in die Abbaustrecke kriechen. Dort kratzte er die Steinkohle in den Trog, hing sich die Kette mit einem Haken in seinen Leibgurt oder band sie sich an seinem Unterschenkel fest und kroch nun, den Trog hinter sich herziehend, auf allen Vieren aus dem Streb.

2 Bilder
1946 am Barbara-Stollen.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden die Bohrlöcher für die Sprengungen von Hand mit Bohrmeißel und Schlägel geschlagen. Dann kamen Handbohrmaschinen und ab 1906 Abbauhämmer mit Pressluft auf. In Osterwald wurde Pressluft erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt. Immer wieder gab es Unfälle. In den Jahren von 1698 bis 1910 kamen 40 Bergleute ums Leben. In den Notzeiten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Förderung wieder aufgenommen. Der Ertrag lag bei mageren 250 Kilo Kohle pro Bergmann in einer Schicht. In England waren es stolze 1750 Kilogramm.

Um ein zweites Standbein zu haben, baute man im Hüttenstollen Ton ab, der auch zur Keramikherstellung nach Holland geliefert wurde. 1954 kam dann das endgültige Aus. Die Anlage wurde geflutet und für die Trinkwasserversorgung des Bergortes Osterwald genutzt.

Der Hüttenstollen wurde schon seit 1980 durch den Verein zur Förderung des Bergmannswesens ausgebaut, um ihn für Besucher begehbar zu machen. Der Besucher kann dort drei Flöze (kohlehaltige Schichten) und zwei Bremsberge sehen. Sie wurden 1919 und 1950 angelegt und dienten zur Förderung der abgebauten Kohle. Mit Hilfe von Bremsbergen baute der Bergmann Kohleflöze ab, die höher oder tiefer lagen als die Grundstrecke. Dabei wurde das Gewicht einer abwärts laufenden, mit Kohle gefüllten Lore benutzt, um eine leere Lore heraufzuziehen.

Lag das Abbaufeld aber tiefer als die Förderstrecke, so füllte man Wasser in ein gleichgroßes Gefäß, ließ dieses herunter und konnte so die Kohle nach oben transportieren, da Wasser schwerer als Kohle ist. Das Wasser wurde durch den 1400 Meter langen tiefen Wasserstollen aus dem Grubenfeld zur Aue abgeleitet. Der Hüttenstollen wird in kurzen Abständen durch Stempel aus Holz oder Stahl abgesichert. Das Geschäft mit Grubenhölzern war für die Forsten sehr lohnend. Interessant ist ein im Hüttenstollen zu sehender versteinerter Baumstamm.

Eine Figur der heiligen Barbara, der Schutzheiligen der Bergleute, steht in einer Felsnische. Der Beruf des Bergmanns war so schwer und gefährlich, dass er den Schutz der Heiligen dringend benötigte. Noch bis nach dem Ersten Weltkrieg sprachen die Kumpel vor der Einfahrt ein stilles Gebet. Im Süntel gab es dazu einen Gebetsstollen!

In der ersten östlichen Grundstrecke des Hüttenstollens liegt in einem Streb eine „Puppe“ als Bergmannsfigur mit Kohlenhacke und Trog für die Förderung der Kohle. Eine weitere Puppe sitzt als Steiger in der Steigerstube, einer Nische. Die Steiger beaufsichtigten den Betrieb im Stollen und registrierten die Menge der ausgebrachten Kohle. Danach wurde der Bergmann dann entlohnt.

Der Verdienst eines Bergmanns betrug 1875 etwa 648 Mark (ca. 330 Euro) jährlich und war vom Kohlepreis abhängig. Das war auch in der Zeit der niedrigen Lebenshaltungskosten nicht viel. Alle Bergmannsfamilien waren damals Selbstversorger, bewirtschafteten einen Garten und hielten Kleinvieh. Die allgegenwärtige Ziege hieß zu Recht „Bergmannskuh“.

Die Kohle aus dem Osterwalder Bergwerk war für die im Ort ansässigen Glashütten ungemein wichtig. Mit Steinkohlen befeuerte Glashütten arbeiteten wesentlich rationeller als die sonst weitverbreiteten Wanderglashütten, die in den Forsten standen und denen ganze Wälder zum Opfer fielen. Schon 1701 wurde in Osterwald die englische Steinkohlenbefeuerung eingeführt.

Besonders begehrt war bis Anfang des 19. Jahrhunderts das anspruchsvolle Kunstglas der „Lauensteiner Glashütte“. Später wurde dann nur noch Gebrauchsglas hergestellt. Nach verschiedenen weiteren Produktionsversuchen kam im Jahre 1926 das endgültige Aus auch für die Glashütten. Den traditionellen Bergmannsgruß „Glück auf“ hört man heute nur noch im Besucherbergwerk.

Anmeldungen durch Fax/ Telefon unter 05153/964846. Weitere Informationen im Internet unter www.bergwerk-osterwald.de zu finden.



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