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Seit dem Mittelalter für die öffentliche Sicherheit zuständig / Einst wurde in Steinbrüchen geübt

Schützen beschützten einst Dörfer und Städte

Die heutigen Schützenvereine und Bruderschaften können ihre Entstehung bis weit ins Spätmittelalter zurückführen. Der Bedeutung des Wortes „Schütze“ folgend, hatten die Schützen einst eine „beschützende“ Rolle und waren im Laufe ihrer Geschichte sogar für die Verteidigung der mittelalterlichen Städte und die öffentliche Sicherheit zuständig.

veröffentlicht am 14.08.2009 um 23:00 Uhr

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Seit dem Auftreten der Pest in Europa 1347 hatten die Schützen auch religiöse und karitative Aufgaben. Sie waren es, die die Pesttoten begruben und Ordnung in den entvölkerten Städten und Dörfern schaffen mussten.

Seit 1300 finden wir erste Schützenvereinigungen in den Städten Flanderns, Frankreichs und Belgiens belegt. Im 14. Jahrhundert bildeten sich in Hannover und 1381 in Hildesheim erste Schützen-Gesellschaften. Seit 1392 ist die „Bürger-Schützengesellschaft“ in Göttingen belegt.

Ein gutes Beispiel für die Entstehung dieser Vereinigungen findet sich in der Stadt Lügde. 1255 erstmals als Stadt urkundlich erwähnt, lag die Verteidigung zunächst ganz in den Händen von Rittern und Gefolgsleuten der in der Stadt ansässigen Grafen von Pyrmont. Diese Gefolgsleute und Ritter hatten an den jeweiligen Stadttoren Burgsitze, wo sie sich zur Verteidigung der Tore und Stadt immer mit einer Anzahl bewaffneter Ritter und Knappen aufzuhalten hatten. Da die Ritter sich nach und nach auch mit weiteren Burgsitzen und Gütern in der Umgebung belehnen ließen, waren sich nicht mehr immer präsent, so dass die Verteidigung der Städte mehr und mehr in die Verantwortung der Bürger überging. Aus dem Jahre 1360 ist eine Urkunde überliefert, die davon berichtet, dass sich das Kloster Marienfeld, bei Harsewinkel im Münsterland, sein Stadthaus in Lügde (Mittlere Straße 26) von den Kosten für den Nachtwächter befreien lässt. Die Stadt unter Leitung des Bürgermeisters Ladewig von Dodenbrock und den Ratsherren bestand allerdings darauf, dass das Kloster sich, wie alle neu ansässigen Bürger, an den Kosten für das „Borgwerk“, d. h. die Stadtbefestigung/Mauer, Wall und Graben und „Wapen“, d. h. Waffen, zu beteiligen habe. Diese Abgabe für die Waffen wurde von der Stadt für die Bewaffnung und Ausrüstung der Bürgerwehr, d. h. der Schützenvereinigung, verwandt, die es 1360 also schon gab. Um für den Ernstfall eines Angriffs gewappnet zu sein, trafen sich die Schützen regelmäßig zum Schießen.

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Lügdes Beschützer 1234: Graf Gottschalk vor der Stadt.

Nach der Entwicklung der Feuerwaffen im 14. Jahrhundert mussten diese Schießübungen, wegen der Explosions- und Brandgefahr, außerhalb der Städte, zumeist in Steinbrüchen, abgehalten werden. Aus dem anfänglichen Übungsschießen entwickelte sich nach und nach ein Wettbewerb. Zumeist wurde auf bunt bemalte Vögel geschossen, die den seit den Kreuzzügen bekannten Papageien nachempfunden waren. Im 14. und 15. Jahrhundert war dieser Brauch in ganz Deutschland und den benachbarten Ländern heimisch. 1272 ist er in Aix in Frankreich am Königshof, 1392 in Göttingen, 1506 in Hildesheim und in vielen anderen Orten belegt.

Über das Vogelschießen in unserem Gebiet berichtet eine alte Sage. Danach soll schon im 13. Jahrhundert jedes Jahr in Lügde ein großes Vogelschießen stattgefunden haben, zu dem auch alle Schützen und Bewohner der umliegenden Ortschaften, ja von der Humme und Weser, herbei- eilten. Der Ort, an dem in Lügde damals das Vogelschießen stattfand, lag bei einem alten Steinbruch am Osterberg. Nach den bunten Vögeln, den Papageien, auf die geschossen wurde, hieß er „Papageienbreite“ und wird 1488 und 1497 urkundlich erwähnt. Der Sieger des Papageien-/Vogelschießens bekam zumeist einen silbernen Vogel als Andenken überreicht, später dann nur noch die Königskette für einen Tag.

Die Errichtung von Schützenhäusern

Aus den Feiern anlässlich des Vogelschießens entwickelte sich das bis heute gepflegte Brauchtum der Schützenfeste, die meistens einige Tage später „auf dem“ jeweiligen Schützenhof gefeiert wurden. In Lügde findet sich ein Schützenhof seit 1598 „vor dem Brückentor“ belegt, auf dem die Schützen 1745 sogar ein eigenes Schützenhaus errichteten.

Die Hannoverschen Schützen hatten bereits 1573 ein eigenes Schützenhaus am Klagesmarkt. Dort feierten sie 1601 ein großes Schützenfest. Reitende Boten hatten Schützen aus Northeim, Einbeck, Göttingen, Hann. Münden, Kassel, Quedlinburg, Magdeburg, Lübeck, Hamburg, Stade, Minden, Lügde, Höxter, Lemgo, Stadthagen und vielen anderen Orten mehr eingeladen. Insgesamt kamen aus 95 Städten Schützen.

Im 30-jährigen Krieg 1618-1648 gewannen die Schützenvereinigungen besondere Bedeutung. Fortwährende Truppendurchzüge, Überfälle und Kampfhandlungen konnten nur, besonders in den nicht befestigten Dörfern, durch bewaffnete Schützen abgewehrt und verhindert werden. 1630 z. B. erhielten 14 Männer in Rischenau vom Amtmann in Schwalenberg eine „Feuerwaffe“. Lügde, das während des 30-jährigen Krieges zu einem Drittel zerstört worden ist, mussten die Schützen oft mit- verteidigen. Nach dem Krieg widmeten sich die Einwohner zunächst dem Wiederaufbau ihrer Stadt, bevor sie 1683 ihre Schützenvereinigung wiederbelebten. 1701 musste diese für den Landesherren, Fürstbischof Franz Anton von Paderborn, mit drei Rotten, wegen Grenzvergehen sogar Pfändungen im benachbarten Eschenbruch durchführen.

Im 18. Jahrhundert wurden die mittelalterlichen Befestigungen der Städte, nachdem sie im 30-jährigen Krieg noch einen gewissen Schutz geboten hatten, größtenteils nutzlos. Dadurch verloren die Schützenvereinigungen ihre eigentliche Aufgabe und widmeten sich nunmehr der Grenzsicherung und polizeilichen Aufgaben. In Lügde begleiteten die Schützen z. B., als Ordnungskräfte 1752 die Karfreitags- und 1781 die Fronleichnamsprozession.

In der französischen Zeit gerieten die Schützenvereinigungen in Bedrängnis. Als 1809 König Jérôme von Westphalen Hildesheim besuchte, wurde er zwar u. a. noch von der Schützengesellschaft begrüßt, hatte den Schützen jedoch jegliche militärischen Handlungen untersagt. Teilweise waren die Schützenvereinigungen sogar verboten und aufgelöst worden. Vielerorts wurden sie erst lange nach Ende der französischen Herrschaft, wie in Lügde 1832, reorganisiert.

Im Vorfeld und nach der Revolution 1848 sowie nach der Reichsgründung 1871 entstanden überall neue Schützenvereine, wie z. B. 1846 in Holzhausen (Bad Pyrmont), 1878 in Neersen, 1879 in Eschenbruch und 1894 in Hagen. Nun stand der sportliche Schießwettbewerb im Mittelpunkt der Schützenvereinigungen, die einmal im Jahr, zugleich als gesellschaftlicher Höhepunkt, Schützenfeste feierten.

Unterbrochen durch den 1. Weltkrieg 1914-1918, gerieten die Schützenvereinigungen im Dritten Reich in den Strudel der Ereignisse und mussten nach dem Ende des 2. Weltkrieges vielfach erneut reorganisiert werden. Die Schützenvereinigung Lügdes z. B. formierte sich als „Schützenbruderschaft St. Kilian“ ganz neu und schloss sich dem Verband der „Deutschen historischen Schützenbruderschaften“ an. 1951 wurde auch der „Deutsche Schützenbund“ wieder gegründet.

Gemeinschaftssinn, Traditions- und Brauchtumspflege sind seitdem das Leitmotiv der meisten Schützenvereinigungen und Bruderschaften. Dieses drückt sich besonders in den jährlichen Schützenfesten aus, einer viele hundert Jahre alten Tradition und Geschichte.



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