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Schüler im Zwangsarbeiterdrillich barfuß am Mahnmal – Symbol für erlittenes Unrecht

Ein Lehrstück ganz besonderer Art ist die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der Schaumburger Geschichte. Das offizielle Gedenken an die Opfer des Steinbruchs stieß im Landkreis bis in die neunziger Jahre auf eine Mauer der Ablehnung.

veröffentlicht am 03.04.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 20.04.2009 um 11:33 Uhr

Feier am Mahnmal mit den ehemaligen Zwangsarbeiterinnen aus Bela

Bereits 1983 stellte eine Schülergruppe unter der Leitung von Friedrich Winkelhake einen Antrag an den Landkreis Schaumburg, Gedenktafeln an den Orten des Terrors in Schaumburg aufzustellen. Diese Forderung wurde in den folgenden Jahren von der Geschichtswerkstatt der Herderschule Bückeburg erneuert.

Der Durchbruch gelang erst, als der damalige niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder im August 1996 den Grundstein für das dezentrale EXPO-Projekt „Erlebniswelt Steinzeichen Steinbergen“ legte. Eine Schülergruppe der Geschichtswerkstatt bat Schröder, sie bei ihrem Bemühen um Aufstellung von Gedenktafeln im Steinbruch und auf dem Bückeburger Friedhof zu unterstützen. So konnte zunächst 1997, 14 Jahre nach dem ersten Antrag, eine Gedenktafel auf dem Friedhof der reformierten Gemeinde Bückeburg aufgestellt werden.

Im November 2000 wurde die Gedenkstätte für die Zwangsarbeiter im Steinbruch Steinbergen im Beisein von diplomatischen Vertretern aus sieben Ländern, die damals im Steinbruch Zwangsarbeit leisten mussten, eingeweiht. Obwohl allen Beteiligten klar sein musste, dass es diese Gedenkstätte ohne die intensiven Forschungsarbeiten der Schülergruppen wahrscheinlich gar nicht gegeben hätte, waren die entsprechenden Schulen von der offiziellen Feier nahezu ausgeschlossen. Lediglich dem Bildhauer des Mahnmals, Hasso Neumann, ist es zu verdanken, dass Schüler der Geschichtswerkstatt mit einer pantomimischen Darbietung an der Feier teilnehmen konnten.

Bei der Enthüllung standen vier Schüler im Zwangsarbeiterdrillich barfuß am Mahnmal und symbolisierten das erlittene Unrecht. Friedrich Winkelhake nutzte die Gelegenheit, um den erstaunten Gästen die Vorgeschichte dieses Mahnmals zu erläutern und rief zu Spenden für überlebende Zwangsarbeiter auf. Auf diese Weise kamen, gefolgt durch weitere Aktionen der Geschichtswerkstatt wie „Läufe gegen das Vergessen“, inzwischen mehrere tausend Euro für ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zusammen. Bundeskanzler Gerhard Schröder schrieb am 30.11.2000 der Geschichtswerkstatt: „Es freut mich, dass das Schülerprojekt nach so langer Zeit endlich erfolgreich zum Abschluss gekommen ist und es nun im Steinbruch Steinbergen eine Gedenkstätte gibt. Dies ist nicht zuletzt Ihrem unermüdlichen Engagement zu verdanken.“

Positiv festzuhalten bleibt jedoch auch, dass sich die Betreiber des Steinbruchs vorbildlich ihrer Verantwortung stellten. Sie zahlten 500 000 DM in den Entschädigungsfonds ein und bildeten damit eine erfreuliche Ausnahme gegenüber den meisten Schaumburger Betrieben, die Zahlungen ablehnten. In den Folgejahren kam es zu mehreren Gedenkfeiern am Mahnmal im Steinbruch, die allesamt vom Geschäftsführer der Erlebniswelt „Steinzeichen Steinbergen“, Josef Wärmer, vorbildlich unterstützt worden sind. Eine Feier im Mai 2002 fand im Beisein zweier ehemaliger Zwangsarbeiterinnen aus Belarus, die auf Einladung der Geschichtswerkstatt in Schaumburg weilten, statt. Am 17. Juni 2006 konnte an diesem Ort eine „Gedenkveranstaltung für die Opfer der NS-Zeit in unserer Heimat“ unter der Schirmherrschaft von Landrat Heinz-Gerhard Schöttelndreier stattfinden. Die Organisation dafür hatten die Geschichtswerkstatt, die Evangelische Jugend Eilsen/Luhden und der Heimat- und Kulturverein Bad Eilsen übernommen. Die letzte Veranstaltung am Mahnmal fand im April 2008 statt, als Schülergruppen der Herderschule Bückeburg, der Realschule Lahde und der Evangelischen Jugend Eilsen/Luhden einen Gedenkmarsch vom reformierten Friedhof in Bückeburg in den Steinbruch durchführten, wo als Abschlussveranstaltung eine öffentliche Gedenkfeier am Mahnmal stattfand. Die Schirmherrschaft lag in den Händen der Landtagsabgeordneten Ursula Helmhold.

Das aktuelle Schaumburger Erinnerungsprojekt sollte die Möglichkeit eröffnen, das Mahnmal im Steinbruch Steinbergen als dezentralen Ort zur Erinnerung an die Kriegsgefangenen und die industrielle Ausbeutung der Zwangsarbeiter zu nutzen. Dazu wären Räumlichkeiten am Denkmal erstrebenswert, die Dokumente zur weiteren Auseinandersetzung mit dieser Thematik am authentischen Ort zur Verfügung stellen.



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