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Schöner neuer Sommer – mit Tornados?

Wochenlange Hitze, unterbrochen von schweren Unwettern, in denen es schon mal 20 Liter pro Quadratmeter in einer Stunde regnet und Tornados Schneisen der Verwüstung hinterlassen – das ist inzwischen auch in Deutschland kein ganz seltenes Bild mehr. Sind Tornados die Begleiterscheinung extremen Wetters, an die wir uns auch in unseren Breiten gewöhnen müssen?

veröffentlicht am 16.07.2010 um 19:05 Uhr

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Durch das Tief „Norina“ sind Teile Norddeutschlands sowie Deutschlands Nachbarländer von schweren Unwettern heimgesucht worden. Sie forderten zahlreiche Verletzte, mehrere Menschenleben und hinterließen Sachschäden in Millionenhöhe. Das Schaumburger Land ist von schweren Wetterschäden verschont geblieben. Bislang.

Schon am Vormittag hatten massive Gewitterkomplexe mit heftigen Sturm- und Orkanböen, sintflutartige Regenfälle und Hagel von Frankreich kommend Nordrhein-Westfalen erfasst. Mit Nordostkurs zogen die Unwetter dann ins westliche Niedersachsen zur Deutschen Bucht und nach Schleswig-Holstein. Gegen Abend erreichten die Gewitter- und Regenstürme auch noch das westliche Mecklenburg-Vorpommern, wo sie in der Nacht zu Dienstag zerfielen.

Auslöser dieser für den Hochsommer gar nicht so seltenen Wetterturbulenzen war eine markante Luftmassengrenze über Westeuropa, die Subtropikluft im Osten von kühler Atlantikluft im Westen trennte. Sie schwenkte im Vormittagsverlauf ost-nordostwärts, wodurch es zur Hebung und Kondensation der vorgelagerten feuchtwarmen und damit sehr energiegeladenen Luft kam. Entsprechend konnte sich das eingebettete kleine Tief „Norina“ erheblich verstärken. Gegen Mittag lag es über dem Emsland. Südlich des Tiefkerns hatte sich bereits eine intensive Böen- und Gewitterlinie formiert, sodass es bei ihrem Durchzug im westlichen Niedersachsen verbreitet zu Sturm- und orkanartigen Windböen der Stärke 9 bis 11 kam, was 75 bis 117 Stundenkilometern entspricht. Im nordrhein-westfälischen Geilenkirchen und Bremerhaven wurden sogar Böen mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 122 Stundenkilometern, also voller Orkanstärke, verzeichnet.

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Nicht mit Tornados zu verwechseln: eine Böenwalze oder „Shelfcloud“, deren extremer Fallwind allerdings ebenfalls Gegenstände Hunderte Meter weit durch die Luft wirbeln kann.

Windgeschwindigkeiten dieser Stärke gehen in der Regel auf das Konto sogenannter Downburst. So nennt man extreme Fallwinde, die aus ausgedehnten Gewitterkomplexen herabstürzen und über das Land fegen. Auch sie können schwere Gegenstände anheben und über Hunderte von Metern durch die Luft wirbeln. Häufig werden diese Böenwalzen, die an einer Front tief hängender Wolken zu erkennen sind, mit Tornados verwechselt.

Im Unterschied zu den Downbursts muss bei diesen ein eng begrenzter, bis auf die Erde reichender rotierenden Wolkenrüssel zu erkennen sein, der beispielsweise Bäume nicht nur abknickt, sondern regelrecht abdreht, im Extremfall sogar abschält.

So konnten die Tornadomeldungen vom Montag aus dem nordrhein-westfälischen Neuss, Loxstedt bei Cuxhaven, von der Düneninsel Helgoland sowie Hörnum auf Sylt, wo offenbar ebenfalls ein Campingplatz verwüstet wurde, nicht bestätigt werden. Überflutungen durch anhaltenden Platzregen blieben wegen der großen Zugeschwindigkeit der Gewitterfront die Ausnahme. Dennoch wurden örtlichen 20 bis 30 Liter Regen pro Quadratmeter in kurzer Zeit gemessen.

Brennpunkte von Schwergewittern in Deutschland sind das Alpenvorland, der Mittelgebirgsraum, eine Zone vom Rheinland über das nordwestliche Niedersachsen bis nach Schleswig-Holstein sowie die Metropolen Hamburg und Berlin mit ihren aufgeheizten Häusermeeren und erhöhten thermischen Luftturbulenzen. Im Schaumburger Land geht es hingegen mit etwa 22 Gewittertagen im Jahr, schwerpunktweise im Juli, vergleichsweise friedlich zu.

Ein Horror für alle Menschen sind vor allem die Tornados, die sich durch rotierend und aufsteigende Luftbewegungen an der Unterseite von Gewittern bilden können. Sie scheinen in den letzten Jahren zahlreicher geworden zu sein. Doch belastbare Statistiken zu Häufigkeitstrends dieser kleinräumigen, zumeist kurzlebigen Wetterphänomene, gibt es nicht. Naheliegend ist, dass die Bildungsbedingungen für Tornados in einer sich aufheizenden Atmosphäre, tendenziell günstiger werden.

Untersuchungen gehen derzeit bundesweit von mehreren Dutzend Tornados oder Wasserhosen – Tornados über Wasser – pro Jahr aus, allerdings mit einer hohen Dunkelziffer. Nach der Fujita-Skala werden die Wirbelwinde entsprechend der angerichteten Schäden in sechs Intensitätsklassen von F 0 (64 bis 116 Stundenkilometer) bis F 5 (419 bis 512 Stundenkilometer) Windgeschwindigkeit eingeteilt. Die weitaus meisten deutschen Tornados gehören den Kategorien F 0 bis F 2 (117 bis 180 beziehungsweise 181 bis 253 Stundenkilometer) an.

Durchschnittlich alle zwei bis drei Jahre ist auch mal ein F 3-Tornado dabei mit Geschwindigkeiten von bis zu 332 Stundenkilometern. So zuletzt am Pfingstmontag, dem 24. Mai, im brandenburgischen Großenhain. Eine Ausnahmeerscheinung ist ein F 4 mit Geschwindigkeiten zwischen 333 und 418 Stundenkilometern. Ein solches Monster wütet im statistischen Mittel nur alle 20 bis 30 Jahre.

Der legendäre Tornado von Pforzheim, der wohl stärkste jemals in Deutschland beobachtete, hatte diese Kaliber. Am Abend des 10. Juli 1968 zog er von West nach Ost quer durch die Stadt eine Schneise absoluter Verwüstung.

Die Schaumburger müssen durchschnittlich alle zwei bis drei Jahre mit einem Tornadoereignis rechnen, die Schwerpunkt-Saison dafür ist Juli. Zuletzt traf es die Schaumburger Region am 4. August 2008, als im Raum Westendorf und Deckbergen ein vergleichsweise schwacher Wirbelwind Dutzende von Bäumen fällte, einige Häuser beschädigte und das Dach des Umspannwerks in Westendorf zerlegte. Ein regionaler Hotspot scheint Hameln zu sein, das seit 2004 möglicherweise gleich dreimal, am 23. Juni 2004, am 20. Mai 2006 und am 7. Mai 2007 – unter den apokalyptischen Himmelsreitern zu leiden hatte.

In diesem Jahr ging es bislang glimpflich ab. Gewittertief „Norina“ verfehlte das Weserbergland völlig und die intensive Gewitterfront von Tief „Olivia“ am Mittwochabend schwächte sich bei ihrer Ostverlagerung rechtzeitig vor der westlichen Kreisgrenze ab. Starke Windböen um 50 Stundenkilometer und Platzregen zwischen zwölf und 15 Liter pro Quadratmeter waren alles, was vom drohenden Unheil übrig blieb.

Auch in der kommenden Woche kann sich der Hochsommer und damit auch das Unwetterpotenzial halten.

Ursache ist die sich immer wieder regenerierende Strömungsanordnung mit südlichen bis südwestlichen Winden, die subtropische Warmluft heranführt. Kurze Pausen zum Durchatmen werden meist durch Gewitter eingeleitet, sodass regional immer wieder kräftiger Regen herunterkommen kann.



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