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Betriebsrat fassungslosüber neuen Arbeitsplatz-Abbau bei Ardagh / Obernkirchen Verlierer der Europastrategie des Konzerns

Schock: "Mitarbeiter zwischen kreidebleich und Tränen"

Obernkirchen. In einer Hinsicht scheint die Kontinuität in der ehemaligen Heye-Glashütte (Ardagh Glass) ungebrochen: Kaum ist der letzte Stellenabbau abgewickelt, beginnt der nächste. Diesmal in einer Dimension, die selbst Pessimisten überrascht: Ende 2009 will die irische Ardagh-Gruppe die größte der drei Schmelzwannen und mit ihr fast die Hälfte der Produktionskapazität des Werkes stilllegen. Mindestens 100 Arbeitsplätze werden gestrichen. Der neunte Stellenabbau bei "Heye" in neun Jahren.

veröffentlicht am 19.01.2008 um 00:00 Uhr

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Autor:

Frank Werner

Der Betriebsrat erhielt die Hiobsbotschaft gestern Morgen, selbst der Werkleiter soll erst am Donnerstagabend informiert worden sein. Von den Ereignissenüberrumpelt, hat der Betriebsrat noch für gestern Nachmittag eine Belegschaftsversammlung anberaumt, auf der Geschäftsführer Dr. Uwe Braun (Ardagh Deutschland) und Brendan Gorey (Ardagh Europa) die Entscheidung aus Dublin verkündeten. Unternehmenssprecher Patric Edel spricht von 100 bis 120 Arbeitsplätzen, die im nächsten Jahr wegfallen sollen. Ende 2009 soll die Weißglaswanne (Wanne C), die mit 450 Tonnen pro Tag beinahe die Hälfte der Werksleistung ausmacht, vom Netz genommen werden. Andernfalls hätte die energieintensive Wanne saniert werden müssen - wohl einer der Gründe, warum Obernkirchen im Wettbewerb zu anderen Ardagh-Standorten den Kürzeren zieht. Immerhin soll eine der beiden verbleibenden Wannen mit einer zusätzlichen Maschine ausgerüstet werden, was nach Angaben des Betriebsrates etwa 25 Arbeitsplätze sichert. Wäre dies nicht der Fall, so rechnet Betriebsrats-Chef Stephan Seiffert vor, würden sogar 130 Arbeitsplätze wegfallen. Jetzt geht Seiffert von 100 bis 105 verlorenen Jobs aus. "Die Mitarbeiter waren sehr bestürzt", beschreibt Betriebsrat Heinz Bruns die Reaktionen der Belegschaft. "Zwischen kreidebleich und Tränen", ergänzt Seiffert. Auch Unmut sei laut geworden, darüber, dass Obernkirchen bei Entscheidungen der irischen Konzernzentrale regelmäßig auf der Verliererseite steht. Der Konzern beschränkte sich auf ein dürres Statement im Internet, in dem von "Umstrukturierung" unter den europäischen Standorten die Rede ist, Obernkirchen aber nicht erwähnt wird. Eine etwas konkretere Nachricht habe man am schwarzen Brett ausgehängt, sagt Edel. Die Betriebsversammlung sei für Anfang nächster Woche geplant gewesen - der Betriebsrat hat die Pläne durchkreuzt. Konzern-Chef Niall Wall hatte gestern auf einer Ardagh-Aufsichtsratssitzung in Hannover den Investitionsplan für die nächsten drei Jahre vorgestellt. Insgesamt will der Konzern 450 Millionen Euro zur Effizienzsteigerung und Verbesserung der Marktnähe ausgeben. Unter den 22 europäischen (davon neun deutschen) Standorten soll es zu erheblichen Kapazitätsverschiebungen kommen. Dabei gehören zwei Standorte in der Region zu den Verlierern in Deutschland: Obernkirchen und Bad Münder, wo 2010 ebenfalls eine Wanne stillgelegt wird und 70 Arbeitsplätze wegfallen. Außerdem werden 107 Arbeitsplätze im Werk Schleiden gestrichen. Zu den Gewinnern gehören unter anderem zwei alte Heye-Standorte: In Germersheim soll eine bereits stillgelegte Wanne wieder in Betrieb genommen werden, und auch in Moerdijk (Niederlande) wird die Produktion gesteigert. Ein gewaltiger Verschiebebahnhof von Sorten und Farben kommt in Gang: Obernkirchen gibt Weißglas-Anteile an das Nachbarwerk in Bad Münder ab, das wiederum im Grünglas-Bereich an Germersheim verliert. Unterm Strich soll die Produktionsmenge konstant bleiben. Für die Obernkirchener Belegschaft ändert das nichts: Bis ins nächste Jahr wird die bange Frage, wer in die Sozialauswahl fällt, im Raum stehen. Nach den letzten Runden des Stellenabbaus, vor allem dem noch nicht endgültig abgewickelten Umzug von 45 Verwaltungs-Arbeitsplätzen nach Nienburg, ist die Belegschaft auf 360 Mitarbeiter geschrumpft. Ende 2009 dürften es nur noch 260 sein. Im Jahr 1999, vor der Insolvenz, zählte die Glashütte über 700 Beschäftigte. Ein Sterben auf Raten für den Standort? Immerhin hatte Ardagh erst im vorigen Jahr in den Neubau der Wanne B investiert, die seit Dezember in Betrieb ist. Bei Wanne A, die durch eine neue Produktionslinie verstärkt werden soll, steht 2011 eine Reparatur an - im Investitionsplan ist sie noch nicht enthalten.



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