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Weihnachtsangebote vor 100 Jahren: Womit Schaumburger Geschäftsleute ihre Kundschaft lockten

Schnurrbartbinden und Kohlenkästen

Fernseher, Computer und Handys gab es noch nicht. Und auch an Navigationsgeräte, Digitalkameras und Wireless LAN dachte vor 100 Jahren noch keiner. Stattdessen kaufte man Nähmaschinen, Schnurrbartbinden und Kohlenkästen – das Weihnachtsgeschäft im Jahre 1909 sah völlig anders als heute aus.

veröffentlicht am 23.12.2009 um 23:00 Uhr

Beilage des Unternehmens Adler-Nähmaschinen. Repros: gp

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Auch beim Einkaufsbummel anno dazumal hätten sich die heutigen Einwohner Schaumburgs verwundert die Augen gerieben. Statt großräumig und einladend gestalteter Shoppingzentren und Fußgängerzonen gab es holprige Gassen. Nachts war es zappenduster. Straßenbeleuchtung hatten nur die Städte. Doch auch hier reichte der Schein der Gaslaternen, die jeden Abend per Hand angesteckt werden mussten, nur für ein paar Schritte. Hell erleuchtete Schaufensterfronten waren unbekannt. Auch im Innern der Kramläden ging es schummerig zu. Einziger Vorteil: Es gab wesentlich mehr Geschäfte als heute. Inhaber und Sortiment waren weit über den Standort hinaus bekannt. Auch um Geschäftszeiten musste sich die Kundschaft nicht kümmern. Das Gros der Betreiber hatte sieben Tage in der Woche geöffnet. Die Weihnachtseinkäufe gingen an den letzten drei Sonntagen vor dem Fest über die Bühne. Nicht umsonst war vom „bronzenen“, silbernen“ und „goldenen“ Advent die Rede.

Genauso schmucklos, schlicht und bieder wie das Outfit war – zumindest aus heutiger Sicht - das im Innern der Geschäfte angebotene Verkaufssortiment. Vielen Familien hierzulande ging es schlecht. In den Monaten zuvor hatten mehrere hundert Bergleute und Glasbläser ihren Job verloren. Auf der Weihnachts-Wunschliste ganz oben an standen vor allem praktische und preiswerte Sachen. Luxus und „Überflüssiges“ waren selten zu sehen. Eine Ausnahme bildeten die Bückeburger Hoflieferanten, deren Angebot auf den Hofstaat ausgerichtet war. Um die Bestellung und Lieferung von Exklusiv-Artikeln in anderen Teilen des Schaumburger Landes kümmerten sich Vertreter und örtliche Verkaufsagenturen. Einzelheiten konnten die Leute in den von den Großhändlern aufgelegten, oft mehrseitig und aufwendig gestalteten Prospekten nachlesen, die – vor allem während der Vorweihnachtszeit – in den heimischen Tageszeitungen lagen.

Revolutionär: „Bums es brennt“

Zu den teuersten Angeboten der heimischen Händler gehörten Öfen, (Petroleum-) Lampen und Nähmaschinen. Erste Adresse dieses Sortiments in Bückeburg war Hermann Altenburg, Lange Straße. Er bot neben irischen Dauerbrandöfen auch „ff. englische Kohlenkästen“, Ofenschirme, Wärm-Steine und andere „Feuergeräthe“ an. Eine ähnlich große Auswahl hielt für die Rintelner und deren Hinterland der Klempnerei- und Installationsbetrieb Friedrich Baake bereit. Darüber hinaus waren in dem Geschäft an der Klosterstraße auch „Volldampf-Waschmaschinen“, Sturmlaternen, Schlittschuhe und Aluminium-Kochgeschirre zu haben. Bekanntester heimischer Nähmaschinen-Spezialist war Mechaniker Wilhelm Spannuth (später Spannuth-Busreisen) in Bückeburg.

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Weihnachtsanzeige der Firma Fritz Jungcurt, Rinteln.

Wesentlich breiter gestreut war das Gemischtwaren-Angebot mit Rasiermessern, Schnurrbartbinden, Petroleumlampenzubehör und Haarmaschinen. Eine revolutionär anmutende Neuentwicklung bot der Bückeburger Installateur Erdelen mit einem Gas-Selbstzünder namens „Bums es brennt“ an.

Weniger spektakulär, aber äußerst vielfältig und umfangreich war das „Confections- und Weisswaaren-Angebot“. Die meisten Geschäftsinhaber waren Juden. Umsatzstärkste Läden in Bückeburg waren Lewkonja, Wertheim und Herzberg. Die führenden Anbieter in Rinteln hießen Steinfeld, Schönfeld und Dühlmeyer. Hemdentuche kosteten 4 bis 6 Mark, Halbleinen war für 60 Pfennig zu haben. Für sechs Meter Stoff - für ein Kleid oder einen Mantel passend – mussten die Kundinnen zwischen 2,10 (Schwarzdruck), 3,90 (Flanell-Barchend) und 6 Mark (Cheviots in blau, grün und mode) auf den Tresentisch legen. Zum Damen-Sortiment gehörten außerdem Kapotten, Pelz-Muffen und Boas zu 1,50 bis 2,25 Mark das Stück, daneben Schürzen, Korsetts, Pompadours, Unterröcke und Überzieher. Für die Herren der Schöpfung lagen „elegante Kravatten je Stück 25 Pfennig bis drei Mark“, Hosenträger, Kragen, Kragenschoner, Manschetten, Gamaschen und dazu Handschuhe jeder Art sowie ein breites Sortiment von weißen und bunten Oberhemden und Taschentüchern bereit. Ladenbesitzer Adolf Schönfeld, Weserstraße 14, versuchte die Weihnachtskundschaft mit einem Hinweis auf seine verlässliche Festpreis-Gestaltung zu beeindrucken. Bei ihm habe es „keiner nötig, abzuhandeln“, stichelte er gegen die Verkaufspraktiken der jüdischen Konkurrenz.

Für die Kinder waren Handschuhe, Strickstrümpfe („24 bis 90 Pfennig pro Paar“), Schürzen, Nachtjacken, Mützchen und Häubchen im Angebot. Beim Spielen musste der Nachwuchs noch ohne die heute übliche Automatik- und Digitaltechnik auskommen. Statt Gameboy und Carrera-Rennbahn boten „Heinemann’s Basar“ in Bückeburg und C. F. Wilcke (Rinteln) eine gut bestückte Auswahl an Laubsäge- und Steinbaukästen, Schaukelpferden und Gesellschaftsspielen an. Daneben waren vor allem Puppen und Puppenzubehör wie Puppenbälge, Puppenköpfe („in Stein und Blech“) oder Puppenwagen zu haben.

Noch mehr als die Frage der passenden Geschenke beschäftigte die hierzulande lebenden Leute vor 100 Jahren allerdings ein ganz anderes Thema - das Wetter. Erstmals seit Menschengedenken kündigte sich eine „grüne Weihnacht“ an. Zwar hatte es in den Wochen vor Weihnachten bereits Frost und heftige Schneefälle gegeben, doch dann waren die Temperaturen Mitte Dezember – für alle überraschend – umgeschlagen. Stattdessen wurden Schneerekordwerte aus Bayern gemeldet. Der Schnee sei „nach München abgewandert“, war in der Zeitung zu lesen.



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