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Für ihre Leistung in "An ihrer Seite" geht Julie Christie als Favoritin ins Oscar-Rennen

Schmerzvoller Abschied auf Leben und Tod

Vorweg: Julie Christie mit ihren 66 Jahren ist eine der schönsten und eindrucksvollsten Frauen, die man sich nur vorstellen kann. Und diese Schönheit bildet keinen Widerspruch zur traurigen Geschichte des Films "An ihrer Seite", in dem es um die persönlichkeitszerstörende Krankheit Alzheimer geht und wie ein altes Ehepaar versucht, seine Würde, seine Liebe zu retten, im Gegenteil: Alles wird dadurch noch schmerzlicher.

veröffentlicht am 02.02.2008 um 00:00 Uhr

Nach 1965 (für "Darling") darf Julie Christie auf ihren zweiten

Autor:

Cornelia Kurth

Sie müssen voneinander Abschied nehmen, Gordon (Gordon Pinsent) und Fiona (Julie Christie), die 44 Jahre lang ein Paar waren, nach einem bewegten Leben zurückgezogen in der Wildnis leben und so vertraut miteinander sind, dass man nur mit Rührung die Anfangsszenen betrachten kann, in denen die beiden in ihrer Küche stehen, zusammen das Geschirr abwaschen, sich leichthin berühren, beiläufige Worte wechseln. Keinerlei Bedrohung liegt über diesen Bildern - bis zu dem Moment, wo Fiona gedankenverloren die abgetrocknete Bratpfanne nimmt und in das Tiefkühlfach des Kühlschranks stellt. So schleicht sie sich heran, die Krankheit, die nach und nach erst das Kurz- und dann das Langzeitgedächtnis vernichtet, die den Menschen ihre Orientierungsfähigkeit im Alltag nimmt und schließlich zu einem hilflosen, seinen undurchschaubaren Gefühlen überlassenen Wesen macht. Während Gordon kaum wagt, das Geschehen zu thematisieren, sieht Fiona mutig und klar ihrem Schicksal entgegen. Sie ist es, die in ein Pflegeheim gehen will, nachdem sie sich nachts im Schnee verirrte. Sie ist es, die einen Abschied auf Leben und Tod inszeniert. Im Pflegeheim gilt die Regel, dass alle Neuankömmlinge 30 Tage lang weder Besuch, Anruf noch Brief empfangen dürfen, um auf diese Weise ihre alte Umgebung endgültig hinter sich zu lassen. Mit ihren tiefblauen Augen lächelt Fiona ihren Mann im neuen Zimmer an, verführt ihn zu einer letzten Liebesstunde und schickt ihn dann fort. Als er nach 30 Tagen wieder kommt, erkennt sie ihn nicht mehr. Sie hat sich neu verliebt in einen Mitpatienten, den sie rührend umsorgt. Alles was Gordon noch tun kann, ist, seine Liebe dadurch zu beweisen, dass er Fionas Liebe nicht im Weg steht. In eindrücklicher Ruhe schildert der Film, wie Hoffnungen aufflackern und untergehen müssen, wie Augenblicke der Umwölkung abwechseln mit erstaunlicher Gedankenschärfe, er lässt sogar für einen Moment die Möglichkeit zu, dass Fiona ihre Verliebtheit nur spielt, um Gordon für die unzähligen Affären, die er ihr zumutete, zu strafen. Doch gleich kommt die ungebrochen ehrliche Krankenschwester herbei und erklärt, dass solche Beziehungen typisch für den Krankheitsverlauf seien, man müsse alle Hoffnung fahren lassen. Sarah Polleys verfilmte eine Kurzgeschichte von Alice Munro und folgt ihr sowohl in die vielen kleinenüberraschenden Wendungen, als auch in einen für eine "schöne Geschichte" unvermeidbaren Hauch von Sentimentalität dort, wo in der Realität wohl nur blankes Entsetzen stehen würde. Die Zuschauer müssen Fiona nicht bis in den Untergang folgen. In einem letzten Aufleuchten ihres Verstandes begreift sie noch einmal, dass es ihr Mann ist, der die ganze Zeit an ihrer Seite steht. Dann verabschiedet sich die Kamera. Und das darf auch ruhig so sein. Der Film läuft bis zum 6. Februar täglich um 20 Uhr im Metropol-Kino Steinbergen.



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