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Schlüpfrig finden sie den Abend gar nicht

während die Frauen, gemütlich in der Wohnzimmer-Couch zurückgelehnt, den Hand-Test durchführen, flüstern zwei Damen sich ins Ohr, ob „Patchy Paul“ an seinem eigentlichen Einsatzort wohl der „Bringer“ wäre? Oder vielleicht doch einer der anderen Konkurrenten, die Katja Rüschoff zwischen Loveballs, Gels, Ölen und Kerzen auf dem Präsentiertisch aufgestellt hat? Beratung in Sachen „Dildos & Co“ ist nötig, und die will die Frau aus Emmerthal selbstverständlich bieten. Schließlich wurde sie eigens dafür engagiert.

veröffentlicht am 10.09.2010 um 20:47 Uhr

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Katja Rüschoff verkauft die neusten Erotiktrends für Frauen. Tagsüber ist sie Hausfrau und alleinerziehende Mutter – abends bessert sie die Haushaltskasse auf: kaum ein Wochenende, an dem die 41-Jährige nicht zu einer „Pepperparty“ unterwegs ist, die sie bei den Kundinnen vor Ort (im Umkreis von 50 bis 70 Kilometern von Emmerthal) durchführt. Und die nach dem Prinzip der altbekannten Homepartys für Plastikdosen, Putzlappen, Kerzen und Schmuck abläuft. Nur – wie das namensgebende Gewürz es schon ahnen lässt – sie sind eben alles andere als hausbacken, die Objekte, die an die Frau gebracht werden. Mehr als 4000 Artikel hat die Kölner Firma „PepperParties“ im Sortiment, aus dem die Beraterinnen ihre eigene repräsentative Produktpalette zusammenstellen. Alle übrigen Artikel können aus Katalogen und Flyern geordert werden. Gezielt greift Katja Rüschoff zwei weitere Vibratoren aus der Sammlung heraus, erläutert die wichtigsten technischen Daten und gibt einen Zauberstab nach dem anderen in die Runde. Der turbostarke „Big Boss“ und der smarte „Stubby“ – zwischen Sekt, Pils und Schnäpschen, Chips und Flips werden die leise vibrierenden oder lautstark brummenden guten Stücke herumgereicht.

Den Frauen steht Katja Rüschoff Rede und Antwort. Und spätestens, als der „Bubbles“ seinen Auftritt hat, legt die ohnehin von vornherein locker-lustige Partystimmung noch einen Zacken drauf, babbeln die Frauen laut und ungezwungen drauflos: „Der ist ja süß! Klein, pink – sieht richtig freundlich aus!“, ist aus dem Klönen-und-Kichern-Gemisch herauszuhören. Gemeint ist das rosarote 100-Prozent-Silikon-Ding, das wie aneinandergedrückte Seifenblasen aussieht und für einige Frauen einfach zum Anbeißen zu sein scheint.

Wäre da nicht die Variante „Paul & Pauline“. Dieses Doppel, so wissen es zwei Frauen aus Erfahrung zu berichten, würde es bei weitem mehr bringen, sogar noch mehr als der einzelne „Paul“. Wie auch immer: Welche der scharfen Ware die individuell richtige ist, das (in den heimischen vier Wänden) herauszufinden, ist für Frauen jedenfalls kein Tabu.

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Katja Rüschoff erklärt den Partygästen ihre Spezialartikel.

„Frauen haben ein anderes Kaufverhalten als Männer“, sagt PR-Beraterin Petra Kothe von der Delmenhorster Agentur Borgmeier, die die Firma „PepperParties“ betreut. Männer ziehen meist allein los, haben kein Problem, sich im Sexshop mit erotischen Artikeln einzudecken. Der Einkauf sei meist schnell erledigt. Im Gegensatz zum ausgiebigen Einkaufsbummel, den Frauen am liebsten zusammen mit einer Freundin – und im Fall von erotischen Artikeln bevorzugt zu Hause – genießen. Gut drei Stunden dauert die eigentliche Präsentation und Beratung mit Katja Rüschoff – und nachdem sie ihren Koffer gepackt und sich verabschiedet hat, geht die Party weiter…

„Ein besonderes Erlebnisgefühl, das Frauen einfach brauchen“, erklärt Petra Kothe. Weibliche Wünsche, die sich offensichtlich immer mehr Frauen von dem vor fünf Jahren gegründeten Unternehmen „PepperParties“ erfüllen lassen: „Bundesweit finden jährlich mehrere Tausend Partys statt.“ – „Die Tendenz ist steigend“, sagt Petra Kothe weiter. Konkrete Zahlen, auch die Höhe der Umsätze, will „PepperParties“ aber nicht nennen. Doch die Firma, so Kothe weiter, habe sich in Deutschland an die Spitze des Direktvertriebs von Erotikartikeln für Frauen gearbeitet.

Das Konzept des direkten Verkaufs an den Endverbraucher scheint allgemein verlockend zu sein: Einer vom Bundesverband Direktvertrieb Deutschland an Prognos in Auftrag gegebenen Studie zufolge haben über die Hälfte (54,6 Prozent) der 1008 befragten Haushalte schon einmal im Direktvertrieb eingekauft. Nach dem Katalogkauf und dem Internet seien Verkaufspartys die meist genutzte Einkaufsform von zu Hause aus. Und: In der Sparte Erotik-Artikel seien die Produkte „dynamische Aufsteiger“. Rund 25 Exemplare des Spielzeugs für erwachsene Frauen (Teilnahme an einer Pepperparty ist ab 18 Jahren möglich) hat Katja Rüschoff an diesem Samstagabend ins Wohnzimmer der Gastgeberin Annabell angeschleppt. So eine feurige Party erlebt die 32-Jährige aus Exten übrigens zum zweiten Mal: „Vor kurzem war ich selber auf einer Pepperparty eingeladen, und weil die Veranstaltung so gut ankam, beschloss ich, selber eine Party zu geben.“

Freundinnen im Alter zwischen 23 und 40 Jahren folgten Annabells Einladung zu dem Abend, den sie ganz und gar nicht schlüpfrig finden: „Sich für Sex-Artikel zu interessieren ist doch nichts Schlimmes“, sagt Sonja und ist, wie ausnahmslos alle Anwesenden auch, froh, dass sie dafür keinen einschlägigen Laden betreten muss. „Die Hemmschwelle ist einfach zu groß“, meint die 25-jährige Mara. Über einen Versandhandel „die Katze im Sack“ zu bestellen, sei auch nicht gerade die optimale Lösung.

Aber sich zu Hause, in aller Ruhe, zu informieren, vor der Bestellung die Ware gründlich unter die Lupe zu nehmen und ohne Scheu einer weiblichen Person Fragen zu stellen, außerdem sich in vertrauter Runde austauschen zu können – keine Frage, das sei eine richtig feine Sache. Eine spaßige dazu. Und mit einem Augenzwinkern gibt sie den plüschigen Gag-String für Männer an ihre Sitznachbarin weiter: ein Bullenkopf, der – wird er an einer bestimmten Stelle gedrückt – angeberisch zu blöken beginnt…

Dennoch: Auch wenn die Frauen Sextoys für eine ganz normale Angelegenheit halten – ihre Einstellung öffentlich preisgeben will letztlich doch keine: „Schreiben Sie bloß nicht den richtigen Namen in der Zeitung“, lautet die Bitte der Frauen. „Was sollen denn meine Schüler dann von mir halten?“, fragt die Referendarin Wiebke. Sonja gibt zu bedenken, dass sie im Öffentlichen Dienst arbeite: „Da kommt es wohl nicht so gut an, wenn ich mit dem Thema Erotikartikel in Verbindung gebracht werde, oder?“ Und die 25-jährige Krankenschwester Johanna glaubt, ihr guter Ruf bei den Patienten würde vielleicht aufs Spiel gesetzt werden. Abgesehen von der Beraterin macht es nur Sina – und die heißt auch tatsächlich so – nichts aus, ihr Gesicht geradewegs in die Kamera zu richten.

Am Ende der Verkaufsveranstaltung ist üblicherweise Diskretion gefragt. „Zum Bestellen geht es in einen separaten Raum“, erklärt Katja Rüschoff den Frauen. Die sind aber auch nach einer Stunde Party noch nicht soweit. Weil die Beraterin außer der „Hardware“ noch jede Menge softer Lust-Mittelchen vorzuführen hat, die gerochen, eingerieben und geschmeckt werden dürfen. Die essbaren Massageöle, die die Frauen auf dem Handrücken auftragen, wärmen sich auf der Haut auf und versprühen ihren Duft im ganzen Wohnzimmer. Kirsche kommt am besten an. Und zwar so gut, dass einer Frau das Sektglas fast aus der Hand flutscht… Pause, dann Runde Nummer zwei. Und schließlich geht es zur Sache, nämlich: nebenan die Bestellung aufzunehmen. Als es dazu in die Küche gehen soll, wimmeln die Partygäste jedoch ab, beschließen kurzum, an Ort und Stelle eine Sammelbestellung aufzugeben. Die Artikel seien doch harmlos, meinen sie. Für die Fetish-Produkte aus der Abteilung „Plüsch & Peitsche“, „Lack & Leder“ interessiert sich sowieso niemand an diesem Abend, und in den dicken Katalogen mit der Spezial-Ware hat auch keine der Frauen blättern wollen. „Ausgefallene Wünsche“, erklärt Katja Rüschoff, „werden meist ausgesprochen, wenn sich die Kundin mit mir einem separaten Raum unterhält. Oft kommen wirklich sehr persönliche Gespräche mit intimen Wünschen zustande.“

Die Kauflust auf der Pepperparty in Exten ist übrigens phänomenal. An diesem Samstagabend haben sich die Freundinnen über die 1000-Euro-Grenze geshoppt. Gut für Katja Rüschoff, denn sie wird einen Gewinn von 25 Prozent des Nettoumsatzes in die eigene Tasche stecken. Beraterin und Gäste sind mehr als zufrieden, und auch die Gastgeberin, die Waren für zehn Prozent des Abendumsatzes umsonst bestellen darf: „Alles ist super gelaufen.“ Neue Erotiktrends gingen weg wie warme Semmeln. Nur der vermeintliche „Bringer“ ist diesmal gar nicht gut gelaufen: Keine der 14 Frauen wollte den „Patchy Paul“ ins Haus bestellen…

14 gut gelaunte Frauen haben die Möglichkeit, den „Patchy Paul“ zu checken. Oberflächenstruktur, Größe, Form, Material, Farbe. Außer Gucken ist auch ungeniertes Anfassen erlaubt. „Und erwünscht!“, sagt Beraterin Katja Rüschoff ausdrücklich. Willkommen bei einer „Pepperparty“.



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