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Schlechte Zeiten für Hauptschüler

Der Run auf die künftigen Auszubildenden geht wieder los. Das Handwerk sucht händeringend nach Bewerbern, und wirbt mit breitem Angebot und guten Einstiegsmöglichkeiten. Ganz so rosig sehen gerade Hauptschüler die Situation aber nicht. Sie sind die Verlierer beim Übergang von der Schule in die Arbeitswelt. Und das liegt nicht immer am mangelnden Willen ...

veröffentlicht am 15.12.2009 um 10:17 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:50 Uhr

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Tomas Krause

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Tomas Krause Onlineredakteur zur Autorenseite

Viele ehemalige Hauptschüler haben etliche Schleifen nach dem Schulabschluss hinter sich. Gern sprechen sie nicht darüber. Weder die Freunde noch die eigenen Eltern wissen oftmals darüber Bescheid. „War nichts für mich“, meint Jens (18). Heizungstechniker hatte er sich anders vorgestellt, jetzt will er sich etwas im kaufmännischen Bereich suchen. Oder was im Handel. Autohandel wäre eigentlich sein Traum, aber seit der Krise traut er der Branche nicht mehr. „Irgendeine Ausbildung, weiß noch nicht.“ Jens ist auf der Suche und wohnt derweil bei seiner Mutter. Der 19-jährige Mehmet teilt ein ähnliches Schicksal. Bäcker wollte er werden, hatte sogar eine Lehrstelle. Als Berufsziel hat ihm das aber nicht gereicht. „Die Bezahlung und die Arbeitszeiten sind unterirdisch“, sagt er kurz und knapp. Er nimmt jetzt an einer Fortbildungsmaßnahme teil, kaufmännischer Zweig, mit dem Ziel Fachhochschulreife. „Mal gucken, ob es dann etwas wird mit dem richtigen Job.“

Deutschland braucht dringend gut qualifizierte Arbeitskräfte. Und diese müssen im Land selbst herangebildet werden, betonen die Handwerksinnungen. Da die Zahl der Schulabgänger in den kommenden Jahren stetig zurückgehen wird, stehen viele Unternehmen vor einem Problem: Wie finden sie geeignete Bewerber? Und die Schüler stehen vor der Frage: Wo fin-

de ich die Lehrstelle, die meinen Wünschen und Fähigkeiten entspricht?

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Bodo Pennartz, Obermeister der Innung der Metallhandwerker.

Besonders schwer haben es die Hauptschüler auf dem Ausbildungsmarkt. Der Pisa-Studie zufolge gilt gut ein Fünftel der Schüler an den 5000 deutschen Hauptschulen als weder ausbildungs- noch arbeitsmarkttauglich. Und nur bei 10 Prozent klappt der Übergang von der Schule in die Ausbildung reibungslos – der Rest wird in Fortbildungskursen, Übergangsjobs oder Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit geparkt. Bis zu sechs Milliarden Euro kostet das den Steuerzahler im Jahr. Vier von zehn Jugendlichen mit Hauptschulabschluss haben auch zweieinhalb Jahre nach Verlassen der Schule noch keinen Ausbildungsplatz. Dieses alarmierende Ergebnis belegt der zweite nationale Bildungsbericht der Kultusministerkonferenz aus dem letzten Jahr. An diesem Trend hat sich nichts geändert. Schwache Jugendliche würden in der Berufsausbildung zunehmend nicht mehr integriert. Dies betreffe immer stärker auch Migrantenkinder und sei insbesondere deshalb bedenklich, da deren Anteil in Schulklassen jährlich steige.

Aiko besucht die Schule Südstadt. Eine der drei Hauptschulen in Hameln. 30 Prozent der Schüler haben dort einen Migrationshintergrund. Er möchte sich mit der sozialen Stigmatisierung nicht abfinden: „Nur, weil man auf die Hauptschule geht, ist man noch lange nicht doof“, sagt er. Der 15-Jährige weiß genau, was er will. Koch ist sein Traumberuf, er schreibt bereits Bewerbungen. Auch Dennis fühlt sich falsch verstanden: „Es heißt immer, dass Jugendliche nicht wissen, wie wichtig es ist, sich um einen Job zu bemühen.“ Er findet das vorschnell geurteilt. Aber vielleicht ist er auch eine Ausnahme. Dennis geht in die neunte Klasse und hat schon einen Ausbildungsplatz in der Tasche, bei einem Hamelner Konditor.

Gülcan, Anna und Gülan

haben noch keine Zusage, aber immerhin schon einen Plan, was sie mal werden wollen. Anna will Bürokauffrau werden, und wenn das nicht klappt, Köchin. Ihre Cousine ist Bürokauffrau. Deshalb weiß sie, was da auf sie zukommt, auch wenn sie das im einzelnen nicht erklären kann. Wie Aiko und Dennis nehmen sie an einem Projekt ihrer Schule teil. Zwei Tage in der Woche besuchen die fünf Schüler der Klassen 9 und 10 eine berufsbildende Schule. Die drei Hamelner Hauptschulen kooperieren eng mit der Eugen-Reintjes- und der Elisabeth-Selbert-Schule. „Die Schüler sollen dadurch besser auf das Berufsleben vorbereitet werden und sich testen können“, sagt Südschul-Rektor Manfred Wilken. Es sei kein Geheimnis, dass der Zugang zu einer Ausbildung umso schwieriger sei, je geringer der Abschluss ausfalle. Erschwerend kommt hinzu, dass das Bundesinstitut für berufliche Bildung (BIBB) seit Jahren beobachtet, dass es insgesamt wesentlich weniger Ausbildungsplätze gibt. Dem stehe aber ein Überangebot an Bewerbern gegenüber. Wen wundert es da, wenn sich viele Betriebe für Schüler mit höherwertigen Abschlüssen entscheiden? Gülan, Gülcan, Anna, Dennis und Aiko spüren diesen Druck. Sie sprechen von Angst, nicht aber von Resigantion. Nur – wie der Übergang klappen soll, dafür haben sie noch kein Rezept.

Bodo Pennartz hat eine Metallbau-Firma in Bad Pyrmont. Was er zu beklagen hat, ist vor allem die Unentschlossenheit der Schulabgänger – einfach mal nach einem Praktikum zu fragen und mit eigenem Einsatz auf die Betriebe zuzugehen. Es fehlten aber auch elementare Umgangsformen und die Ernsthaftigkeit für das Berufsleben. „Wer zu mir in die Werkstatt kommt, nicht anklopf, und gleich mit der Frage ,Ey, bildest Du aus?’ loslegt, den kann ich nicht auf meine Kunden loslassen“, erklärt der Obermeister des Metallhandwerks. Ganz zu schweigen von der mangelnden Leistungsbereitschaft und Motivation: „Was soll ich mit einem Auszubildenden, der ständig auf die Uhr schaut, damit er um halb vier seinen Bus nach Hause nicht verpasst.“ Pennartz kennt aber auch positive Beispiele: „Ich hatte mal einen Azubi von der Hauptschule. Der hatte wirklich schlechte Noten, aber mir war klar, aus dem Jungen kann etwas werden, der begeistert sich für den Beruf.“ Nach der Lehre war der junge Mann nicht mehr wiederzuerkennen, erzählt Pennartz; der machte seine Prüfung mit Bestnoten und ist nun selber Meister. Das sei übrigens auch ein grundlegendes Missverständnis: „Während Schüler glauben, dass die Note alles entscheidend ist, kommt es den Ausbildern hauptsächlich auf die Person an. Wenn Begeisterung zu spüren ist und der Bewerber ins Team passt, ist das Ding schon im Kasten.“

Ein anderes Problem beobachtet Carsten Freise. Der Lehrlingswart der Sanitär-Innung sieht eine Jugend ohne Rückhalt – die dringend Hilfe bei der Orientierung brauche. Verantwortlich dafür seien die Eltern. „Das Handwerk hat nicht die Mittel und nicht die Zeit, um in die Schulen zu gehen. Es ist an den Eltern, die Jugendlichen an die Hand zu nehmen und bei der Berufsfindung zu begleiten.“ Dabei gehe es um praktische Dinge: Adressen raussuchen, Hilfe bei der Bewerbung und Gespräche über Vorstellungen und Wünsche. „Umso plastischer die Anschauung ist, umso eher können sich Jugendliche etwas unter einer Berufsbezeichnung vorstellen.“ Denn daran mangele es häufig. Bei Bewerbungsgespräche stoße er oft auf Schweigen, wenn er die Bewerber frage, was sie von der Arbeit als Klimatechniker erwarten.

Dass auch die Jugendlichen sich wünschen, von ihren Eltern unterstützt zu werden, zeigt eine Studie der Bertelsmannstiftung (2005) mit dem Titel „Jugend und Beruf“: „Die Berufswahl ist einer der wenigen Bereiche, in dem Jugendliche ihre Eltern noch um Rat fragen, in dem sie ihnen noch Kompetenz einräumen.“ Das klingt positiv, aber vage. Deutlicher wird da eine andere Studie „Berufswahl in Hamburg 2004“, nach der rund drei Viertel aller Jugendlichen bei der Berufswahl auf den Rat ihrer Eltern bauen. Den Eltern sei ihr Einfluss allerdings unklar: Eltern wüssten meist nicht, welch großen Einfluss sie auf die Berufswahl ihrer Kinder hätten. Außerdem seien Eltern auf die Last der großen Verantwortung eher schlecht vorbereitet.

Wen es besonders hart trifft, verrät eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Mit Blick auf das Scheitern von Jugendlichen am Ausbildungsmarkt sind es gerade Jugendliche mit Migrationshintergrund, die vom Elternhaus keine ausreichende Unterstützung erhalten könnten. Das liege daran, dass ihre Eltern sich selber kaum oder gar nicht im Bildungs- und Ausbildungssystem in Deutschland auskennen würden. Gerade diese Jugendlichen seien stärker als andere Jugendliche auf sich selbst gestellt und daher seltener beim Übergang von der Schule in eine Ausbildung erfolgreich. Abermals sind damit die Hauptschulen stärker von diesem Problem betroffen als alle anderen Schulformen.

Und wo früher noch viele klassische Berufszweige den Hauptschulabsolventen offenstanden, sind heute keine mehr, sagt Harald Straubel. Er ist Bezirksobermeister der Innung des Kraftfahrzeughandwerks, hat eine eigene Werkstatt in Hameln. „Bei den einfachen Männerberufen – Schmied, Schneider, Schuster, Polsterer – hat es in den letzten Jahren einen massiven Verlust an Ausbildungsplätzen gegeben.“ Ganze Heerscharen von Berufen seien einfach weggestorben, für die sonst Hauptschüler prädestiniert waren.

Andererseits aber, erklärt Straubel, „sind die Arbeiten viel komplexer und technischer geworden“. „Wer heute Mechatroniker wird, hält kaum noch einen Schraubenschlüssel in der Hand, sondern arbeitet zu 90 Prozent mit dem Computer.“ Denn ein Auto bestehe heute zum überwiegenden Teil aus Elektronik. Und da würde es knifflig für die Hauptschüler. Die schulischen Leistungen würden oftmals nicht ausreichen. Wer allerdings bereit ist, viel zu lernen und sich ständig fortzubilden, dem attestiert Straubel gute Chancen. Auch wenn es Hauptschüler ungleich schwerer hätten.

Grundsätzlich fordert er aber mehr Beschäftigungsangebote in einfacheren Tätigkeitsfeldern. Experten raten zu zweijährigen Ausbildungsberufen mit weniger komplexen Anforderungen. Im Handel sei dies üblich. Die Ausbildung zum Verkäufer dauert zwei Jahre und kann in einem dritten Jahr mit der Qualifikation zum Einzelhandelskaufmann erweitert werden. Bei einer solchen Modularisierung der beruflichen Ausbildung hätten auch Hauptschüler mehr Chancen auf einen Ausbildungsplatz.

Es stellt sich ohnehin die Frage, wie erfolgreich das dreigliedrige Schulsystem ist, wenn Absolventen einer Hauptschule so wenig berufliche Chancen haben. Das hat auch die Politik erkannt. Grüne und Linkspartei fordern angesichts der schlechten Chancen für Hauptschüler die Abschaffung dieses Schultyps. Grünen-Chefin Claudia Roth sagte, die Hauptschulen seien „längst zu Restschulen geworden“, die die Chancen auf dem Arbeitsmarkt „dramatisch reduzieren“. „Wir brauchen längeres gemeinsames Lernen und mehr individuelle Förderung.“



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