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Rintelns Medizineräußern sich zum fehlenden Ärztenachwuchs / Müller: "Keine adäquate Bezahlung"

Schlechte Arbeitsbedingungen, zu viel Bürokratie

Rinteln (clb). Nicht nur Ingenieure werden händeringend gesucht, inzwischen sind es auch die Hausärzte. Früher waren lediglich die neuen Bundesländer dem zunehmenden Medizinermangel ausgesetzt - inzwischen ist dieser Trend bundesweit zu erkennen. In Niedersachsen sind die Zahlen alarmierend: Laut einer Prognose der Kassenärztlichen Vereinigung sollen im Jahr 2020 landesweit rund 1000 Allgemeinmediziner fehlen. Hinzu kommt der fehlende Nachwuchs: Der Arztberuf wird für junge Leute zunehmend unattraktiver - hauptsächlich wegen der schlechten Arbeitszeiten und der vergleichsweise geringen Bezahlung.

veröffentlicht am 30.05.2008 um 00:00 Uhr

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Mit rund 15 Allgemeinmedizinern im Rintelner Raum sei die medizinische Versorgung allerdings nicht prekär, sondern "entspannt", beschreibt Dr. Otfried Müller, Rintelner Facharzt für Allgemeinmedizin, die aktuelle Situation. Jedoch kann er gut nachvollziehen, dass immer weniger Schulabgänger Medizin studieren wollen: Die Arbeitszeiten seien nicht das Problem, da Ärzte, die sich auf dem "Land" niederlassen, ohnehin mit einer 50- bis 70-Stunden-Woche zu rechnen hätten. "Das Problem ist, dass sie nicht adäquat vergütet werden!", erklärt er. Seit 20 Jahre würden die Ärzte auf dem gleichen Gehaltsstandard arbeiten, da sich die Gebührenordnung so lange nicht verändert habe. "Und junge Ärzte kann man nur zum Niederlassen bewegen, wenn man sie auch gut bezahlt", ist Müller überzeugt. Er selber habe sich damals für diesen Beruf entschieden, weil er einerseits naturwissenschaftlich, anderseits mit Menschen arbeiten wollte und dabei etwas Sinnvolles tun wollte. "Unter den heutigen Bedingungen würde ich mich aber nicht nochmal für den Arztberuf entscheiden", erklärt er. Und deshalb habe er auch seiner Tochter davon abgeraten, in seine beruflichen Fußstapfen zu treten. Den Schritt zum Medizinstudium hat dennoch die Tochter des Steinberger Arztes Dr. Andreas Schramm gewagt - jedoch arbeitet sie nicht hier, sondern in England. Dort habe der Beruf trotz aller Schwierigkeiten immerhin noch einen gewissen Anerkennungswert, so Schramm, "im Gegensatz zu hier". Und in der Schweiz, wo sie ihre Doktorarbeit geschrieben und das "Arzt im Praktikum"-Jahr absolviert habe, sei das Arbeiten wesentlich praxisorientierter und die Ausbildung des Nachwuchses werde mehr gefördert. Was den Steinberger Arzt in Deutschland am meisten stört, ist der stetig wachsende bürokratische Aufwand. "Vor sechs oder sieben Jahren hat die Gebührenordnung für Ärzte 1,6 Megabyte auf dem Computer eingenommen, heute sind es 2,6 Megabyte!" Allein daraus könne man schließen, wie die Bürokratie in den letzten Jahren zugenommen habe. Hinzu komme die im Vergleich zu außereuropäischen Ländern ausgesprochen schlechte Bezahlung sowie ein stärker hierarchisches Gesundheitssystem. "In Norwegen kommen die Ärzte auf eine 38- bis 40-Stunden-Woche. Das trifft auf unsere reine Arbeitszeit auch zu, aber wenn man den bürokratischen Aufwand dazu zählt, liegt man bei 51 Stunden", schildert Andreas Schramm. EinenÄrztemangel gebe es in Rinteln momentan noch nicht, "aber über kurz oder lang wird das auch hier kommen, zumindest in den Ortsteilen", ist sich der Allgemeinmediziner sicher. Probleme sieht er da vor allem im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel: "Die Leute werden immer älter und benötigen einen Arzt vor Ort, da sie nicht mehr in der Lage sind, einfach ins Auto zu steigen und in die Stadt zu fahren."



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