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Wie Jugendliche eine Lehrstelle finden / Korrektes Anschreiben und Rechtschreibung wichtig

Schlampige Bewerbungen schmälern Chancen

Weserbergland (jhe). Dicht an dicht hängen die weißen Zettel an den schwarzen Stellwänden – ein Ausbildungsplatzangebot neben dem anderen. Gesucht werden Fleischer, Tischler, Restaurantfachkräfte, Altenpfleger, Berufskraftfahrer und, und, und. Viele Jugendliche gehen gezielt auf einen Fachbereich zu, um zu sehen, ob ein Angebot für ihren Wunschberuf aushängt. Andere schauen einfach, welche Betriebe Auszubildende suchen.

veröffentlicht am 12.03.2010 um 11:56 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

Insgesamt gibt es 254 Angebote. Darunter auch so manche exotische Stelle, wie Binnenschiffer, Wasserbauer oder Fachkraft für Automatenservice. „Wir wollen die Jugendlichen darauf hinweisen, dass es neben Bürokaufmann auch andere Ausbildungen gibt“, erklärt Bernd Pape, Vermittler im Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit. Denn in den Nischenberufen sei die Chance auf einen Ausbildungsplatz relativ gut, da sie so wenig bekannt seien.

Die 17-Jährige Alexandra war eine von über 500 Besuchern, die sich auf der gemeinsamen Lehrstellenbörse des JobCenters und der Agentur für Arbeit informieren wollte. Sie gehört zu jenen, die eine eher typische Ausbildung anstreben; sie möchte Einzelhandelskauffrau werden. „Ich habe schon über 20 Bewerbungen geschrieben, aber keiner will mich“, meint Alexandra. Doch die Hoffnung gibt sie nicht auf. An der Stellwand hat sie drei neue Ausschreibungen gesehen, auf die sie sich nun bewerben will.

Auch Almuth Körth hat sich schon auf rund zehn Lehrstellen beworben und bisher nur Absagen kassiert. Die 21-Jährige möchte Arzthelferin in einer Tierarztpraxis werden. Sie will die Chance nutzen, ihre Bewerbungsmappe zu verbessern, indem sie die Unterlagen mit einer Personalmanagerin durchgeht. Ein Angebot, das ganz neu ist auf der Lehrstellenbörse. Der Andrang zeigt, dass der Bedarf groß ist.

Sorgfältig gehen die Personalentscheider von vier heimischen Unternehmen die Bewerbungsunterlagen mit den Jugendlichen durch. Kerstin Zerßen, Ausbildungsleiterin bei Marc Shoes, sieht als häufigste Schwachstellen, dass „die Unterlagen nicht ganz vollständig sind und die Bewerber mit den eigenen Schwachpunkten nicht offen umgehen“. Jemand, der im Zeugnis eine Fünf in Mathe habe, solle lieber Maßnahmen ergreifen, diese Schwachstelle zu beheben und dies im Anschreiben erwähnen, als darauf zu hoffen, dass der Arbeitgeber die Schwäche übersehe. Außerdem gibt Kerstin Zerßen Bewerbern den Tipp, auf das äußere Erscheinungsbild der Unterlagen sowie auf Rechtschreibfehler zu achten. „Ganz wichtig ist auch, wenn der Umschlag an Firma X adressiert ist, darf in der Bewerbung nicht Firma Y auftauchen“, mahnt die Ausbildungsleiterin die Bewerber zur Sorgfalt. Denn dieser Fehler sei ein sicherer Garant dafür, keine Einladung für ein Vorstellungsgespräch zu erhalten.

Eine vertane Chance, vor allem in einer Zeit, in der die Ausbildungsstellen laut Arbeitsagentur-Sprecherin Christina Rasokat „vom Gefühl her leicht zurückgehen“. Offizielle Zahlen könne sie aber erst Ende des Monats präsentieren. Der Trend sei allerdings, dass viele Firmen derzeit die wirtschaftliche Entwicklung abwarten wollten. Denn „Ausbildungsplätze hängen immer auch von der Auftragslage ab“, erklärt die Agentur-Sprecherin. Firmen, die sonst bis zu vier Azubis eingestellt hätten, tendierten nun dazu, erst einmal nur zwei zu nehmen. Diese „abwartende Haltung“ zeige sich vor allem bei kleinen und mittelständischen Betrieben sowie bei Zulieferern von großen Exportfirmen. Aber Christina Rasokat macht den Jugendlichen auch Mut: „Es gibt sehr viele Möglichkeiten in unserer Region.“ Entscheidend sei nur, dass die Jugendlichen sich rechtzeitig um einen Ausbildungsplatz kümmerten.

Um ihre Chancen auf eine Lehrstelle zu vergrößern, stellen sich einige Bewerber auch in kurzen Filmsequenzen vor. Auf der Internetseite www.jugendperspektive-hameln-pyrmont.de können Arbeitgeber unter 85 Bewerbern den für sie geeignetsten auswählen. Die Vermittlungsquote liegt bei 85 Prozent. „Ein super Instrument, bei dem vor allem Migranten profitierten“, schwärmt Uwe Meier, Ausbildungsberater beim JobCenter Hameln-Pyrmont.

Vielleicht wird auf diesem Weg auch ein Betrieb auf Ahmet Bicakci aufmerksam. Der 20-Jährige möchte Maurer werden und hatte bereits für acht Monate eine Lehrstelle – bis sein Ausbildungsbetrieb in Insolvenz ging. „Die Arbeit hat mir verdammt viel Spaß gemacht“, sagt Bicakci, weshalb er seine Lehre gerne bei einem anderen Betrieb beenden möchte. Doch er will sich nicht nur auf eine Möglichkeit fixieren und kann sich auch eine andere Ausbildung vorstellen. So hofft er, seine Chancen auf eine Lehrstelle zu vergrößern. Für einen Ausbildungsplatz würde Bicakci sogar in eine fremde Stadt ziehen. „Die Arbeit geht vor, und wer was erreichen will, muss auch bereit sein, etwas Neues auszuprobieren.“

Kai André Ziegner hat eine Firma gefunden, bei der er sich für eine Ausbildung bewerben will.

Foto: Wal



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