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Die fleißigen Insekten begnügen sich mit Ruhepausen – stehend oder hängend

Schlafen Ameisen eigentlich nie?

Der Staat, der niemals schläft. Dieser Eindruck drängt sich beim Blick auf einen Ameisenhaufen auf. Nicht eine Sekunde herrscht Ruhe. Sind die Ameisen eigentlich so große Arbeitstiere, dass sie niemals schlafen? Dieser Frage gehen wir in unserer Serie „Einfach tierisch“ nach

veröffentlicht am 28.05.2018 um 16:37 Uhr
aktualisiert am 28.05.2018 um 20:10 Uhr

Sogar bei Ameisen bleibt manchmal zwischen Arbeit und Ruhepause noch ein Moment, um einander zu betasten. Foto: Ulrich Perrey/dpa
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Niemals schlafen? Eine unheimliche Vorstellung. Mehr Erschreckendes über Ameisen fördert abseits der Schlaf-Frage ein Blick ins Internet vorab zutage: Über drei Kontinente breitet sich die größte Ameisenkolonie aus – in Europa, Nordamerika und Japan bilden Ameisen eine nahezu weltumspannende Superkolonie. Die größte in Europa erstreckt sich über 6000 Kilometer entlang der Mittelmeerküste und besteht aus Millionen Nestern mit Milliarden Tieren. Schätzungen zufolge bevölkern zehn Billionen Ameisen die Welt. Die Zahl dazu sieht so aus: 10 000 000 000 000 .

Grob gerechnet ist die Biomasse des ökologisch unersetzlichen Insekts damit etwa so groß wie die der Menschen. Und sollten die Ameisen die Weltherrschaft übernehmen, wäre das vor allem für die Männer schlecht. Denn nach der Paarung sterben die Männchen, während die Weibchen neue Kolonien gründen.

Doch zurück zum Schlaf der Ameise. In unserem Fall meist zu dem der hierzulande weit verbreiteten Kahlrückigen Waldameise (Formica polyctena), auch Kleine Rote Waldameise genannt. Der Eindruck, dass diese Tierchen nun 24 Stunden am Tag herumwuseln, ist nicht ganz richtig. Denn „Schlaf“ wie man ihn bei Wirbeltieren kennt, gebe es bei Insekten nicht, erklärt Alfred Buschinger, emeretierter Professor aus Reinheim und Ameisenexperte. Doch grundsätzlich seien die Ameisen nicht durchgehend „auf den Beinen“, erklärt er. Vor allem im Nest werden auch längere Ruhephasen eingelegt. „Dabei stehen die Tiere aufrecht oder hängen an der Wand beziehungsweise an der Decke der Nestkammern.“

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Andere Forscher fanden heraus, dass Ameisen-Arbeiterinnen täglich 250 Ruhepausen machen, die jeweils eine Minute dauern. Allerdings niemals gleichzeitig: Es ist immer sichergestellt, dass 80 Prozent der Ameisenkolonie zum Arbeiten und zur Verteidigung zur Verfügung stehen.

Die kurzen Ruhephasen bekommt der Mensch beim Beobachten der Ameisenkolonie kaum mit und wenn, dann sieht es aus, als ob die Insekten starr herumstehen.

„Wie weit diese Phasen geringer Aktivität eine Erholungsfunktion haben, kann man nicht sagen“, erklärt Professor Buschinger. Ein großer Teil der Nestbevölkerung, vor allem die jüngeren Tiere, leiste zudem auch bei geringer Bewegung „Arbeit“: „Sie verdauen Futter, das die Außendiensttiere einbringen und synthetisieren daraus Nährsekrete für Königinnen und Larven.“

Den Königinnen ist übrigens mehr Ruhe vergönnt als dem Fußvolk. Vielleicht ein Grund, weshalb königliche Exemplare mancher Arten über 20 Jahre alt werden, Arbeiterinnen dagegen nur zwischen ein paar Monaten und zwei Jahren alt werden.

Auch die Außentemperatur hat Einfluss auf die Aktivität der Ameisen. „Sie sind ja wechselwarm, das heißt, in ihren Aktivitäten stark von der Umgebungstemperatur abhängig“, erklärt Buschinger, „man spricht daher auch von Kältestarre und von Winterruhe anstatt ‚Winterschlaf‘.“

Dabei vertragen manche Ameisenarten auch Frost bis 20 Grad minus und darunter. „Bis zirka plus 5 Grad oder plus 10 Grad sind die meisten Arten auch in der warmen Jahreszeit praktisch bewegungslos. Im Winter können sie dann sogar eingerollt in Seitenlage im Nest liegen.“

Bei Honigbienen, die mit der Ameise eng verwandt ist, hat ein früherer Kollege von Alfred Buschinger, Professor Walter Kaiser, schlafähnliche Zustände im Labor beobachtet: Auf der Wabe ruhende Tiere senken den Druck der Hämolymphe (Insektenblut). Die durch den Hämolymphdruck gestreckten Antennen (Fühler) sinken so herab.

Diese Antennenbewegungen, so glaubt User Phil im Forum „eusozial – Freunde staatenbildender Insekten“ sei auch bei Ameisen-Königinnen erkennbar. Sie würden als RAM (rapid antennal movement) bezeichnet. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: Möglicherweise seien sie ja vergleichbar mit den REM-Schlaf (rapid eye movement), bei Menschen (also die Phase, in der wir träumen)? Das lasse die weiterführende Frage zu: Träumen Ameisen?


Morgen lesen Sie: wie der Kuckuck lebt.



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