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Vom Sterben der Kindersoldaten der Bückeburger Heeresmusikschule im Maschinengewehr-Inferno

„Schlaf wohl, du lieber Musikant“

In den kommenden Tagen und Wochen sind Trauer, Einkehr und öffentliches Gedenken angesagt. Von denen, die Krieg, Gewalt und Verfolgung während der NS-Zeit noch selber miterlebt haben, werden nur noch wenige dabei sein. Mit den Zeitzeugen droht auch das Wissen um das ungeheure Ausmaß des Leidens von ungezählten Eltern und Kindern in jener Zeit verloren zu gehen.

veröffentlicht am 17.11.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Das gilt auch für eine Tragödie, die sich nur wenige Stunden vor dem Einmarsch der Amerikaner in Bückeburg abgespielt hat. Dabei kamen ein paar Kilometer westlich der Stadt an die 20 Schüler der örtlichen Heeresmusikschule ums Leben. Die gerade mal 15- und 16-Jährigen waren – buchstäblich in letzter Minute – den aus Richtung Porta vorrückenden Amerikanern entgegengeschickt worden. Eine Chance, den übermächtigen Gegner aufzuhalten, gab es nicht. Das Gros der jungen Burschen ging im Granat- und Maschinengewehr-Inferno des 334. US-Infanterie-Regiments zugrunde und/oder wurde von Panzern überrollt. Das Sterben der nur notdürftig ausgebildeten und behelfsmäßig ausgerüsteten Kindersoldaten am Samstag, 7. März 1945, war eines der unsinnigsten und aberwitzigsten heimischen Kriegsereignisse.

Ein unbekannter Zeitzeuge, der das Schlachtfeld einen Tag nach dem Gemetzel zu sehen bekam, hat seine Gefühle in einem von Entsetzen, Wehmut und Mitgefühl geprägten „Klagelied“ festgehalten. „Heut ist ein Sonntag, ernst und still, voll Sorgen, Not und Leid, der zweite Sonntag im April in bitter-schwerer Zeit“, heißt es zu Beginn des mit „Tod des Musikschülers“ überschriebenen, sieben Strophen langen Gedichts. Und der noch in typischem NS-Jargon abgefasste Schlussvers lautet: „Schlaf wohl, du lieber Musikant, du starbst in treuer Pflicht für Führer, Volk und Vaterland. Vergessen wirst du nicht“.

Über den Ablauf des in der Gegend zwischen den Dörfern Röcke und Nammen und im Waldgebiet entlang der Minden-Meißener Grenze ausgetragenen Kampfgeschehens ist wenig bekannt. Auch zu Anzahl und Zusammensetzung der beteiligten Deutschen gibt es nur wenig verlässliche Angaben. Sicher scheint zu sein, dass neben etwa 30 Musikschülern nochmals genau so viele Wehrmachts- und SS-Angehörige aus versprengten oder aufgeriebenen Einheiten im Einsatz waren. Dazu kamen die Wachmannschaften des so genannten „Nammer Lagers“. In dem in den 1930er Jahren in der Nähe des Bückeburger Exerzierplatzes errichteten und heute als Altersheim genutzten Barackenkomplex waren seit Mitte 1944 russische Kriegsgefangene untergebracht. Ihre Bewacher sollen sich aus Angst vor der Rache der Häftlinge besonders hartnäckig zur Wehr gesetzt haben. Das Gros aller auf deutscher Seite operierenden Kämpfer kam innerhalb weniger Stunden ums Leben. Der Rest floh, einige wenige landeten in Gefangenschaft.

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Die Gefallenen wurden zwei Tage später eingesammelt, mit Pferdewagen nach Nammen und Petzen gebracht und auf den dortigen Dorffriedhöfen beerdigt. In den Kirchenbüchern sind 43 Namen (20 in Nammen und 23 in Petzen) vermerkt. Einige Leichname konnten nicht identifiziert werden.

Auch die Anzahl der getöteten Musikkadetten ist nicht genau nachweisbar. Die meisten der in Nammen beigesetzten Opfer wurden später von ihren Angehörigen nach Hause geholt. Der „Rest“ soll anschließend ins benachbarte Meißen umgebettet worden sein. Die in Petzen Begrabenen ruhen (bis heute) in einer Gemeinschaftsgrabanlage. Auf dem im Ehrenhain aufgestellten Gedenkstein sind die Namen von 21 der beigesetzten Opfer aufgelistet.

Wer den gnadenlosen und widerrechtlichen Einsatz der Kindersoldaten angeordnet und zu verantworten hat, ist nie untersucht oder gar aufgeklärt worden. Der seit 1943 amtierende Leiter der Heeresmusikschule, Alt-Nazi Oberstleutnant Petermann, hatte sich schon mehrere Tage zuvor aus dem Staube gemacht. Die Auswahl und Zusammenstellung des Todeskommandos ging unter Leitung seines Vertreters Hauptmann Kaun über die Bühne. Ob und auf wessen Befehl der ebenfalls als strammer Hitler-Anhänger geltende Offizier handelte, ist unklar. Fest steht, dass auf Kauns Weisung hin am Ostersonntag (1. April), also wenige Tage vor dem Ausrücken, alle 60 der damals noch in der Schule anwesenden „Jungschützen“ (offizielle Dienstgradbezeichnung) zum Appell antreten mussten. Nach den Erinnerungen des damals ebenfalls und zusammen mit seinen Jahrgangskollegen angetretenen Hans Prolingheuer wurden nach Abschreiten der Front die größten und kräftigsten der 15- und 16-jährigen Zöglinge ausgesucht. Nachwuchspianist Prolingheuer, später Religionshistoriker, war als „Schmachtlappen“ nicht dabei. Nach Durchführung der Auswahlprozedur ward auch Kaun nicht mehr gesehen. Am 3. April kam der Schulbetrieb zum Erliegen.

Quellenhinweis: Die Erinnerungen Hans Prolingheuers an seine Zeit 1944/45 in der Bückeburger Heeresmusikschule und die Schilderungen vom Tod seiner Freunde kann man in seinem 2005 gedruckten, mit zahlreichen Hintergrundinformationen, Abbildungen und Quellenangaben angereicherten Manuskript „Musikkadetten, Kindersoldaten der Wehrmacht“ nachlesen.

Der Bückeburger Adolf Barkhausen hat nach dem Krieg auf dem Ex-Kampfgelände einen möglicherweise von einem Musikschüler getragenen Helm gefunden. Er bewahrt ihn zusammen mit einer Abschrift des Klagegedichts in seiner Privatsammlung auf.

Gemeinschaftsfoto aller Schüler der Ausbildungsjahrgänge 1936-1940.



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