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"Daumen" aus der Leiste entnommen - Klinkfortbildung dokumentiert Begegnung mit Erntemaschine

Schicksal einer Dreijährigen rührt Bethel-Gäste

Bückeburg (bus). Dass in der zumeist knochentrockenen Materie der Handchirurgie auch durchaus menschlich bewegende Momente anzutreffen sind, hat die aktuelle Klinikfortbildung im Krankenhaus Bethel unter Beweis gestellt. Die nunmehr sechste Auflage der von Dr. Michael Schönberger initiierten Veranstaltungsreihe enthielt außer zwei Fachreferaten - "Strecksehnenabriss am Endgelenk" und "Dupuytren-Kontraktur" - die Begegnung mit einer heute 14-jährigen jungen Frau, die im Alter von drei Jahren einer in Betrieb befindlichen Kartoffelerntemaschine wesentlich zu nahe gekommen war.

veröffentlicht am 03.11.2007 um 00:00 Uhr

Hand drauf: Johanna Kügle bedankt sich bei Dr. Michael Schönberg

Der Besuch der aus dem bayerischen Augsburg angereisten Johanna Kügle rührte etliche Fortbildungsteilnehmer zu Tränen. Selbst Papa Josef, ein Landwirt, dem die Bezeichnung Mannsbild wie auf den Leib geschneidert ist, und Mama Gerlinda stieg Feuchtigkeit in die Augen als Schönberger das Schicksal ihrer Tochter Revue passieren ließ. "Früher wäre die Kollegenschaft umgehend zur Komplettamputation geschritten", schilderte der Mediziner den seinerzeitigen Zustand der linken Hand der Dreijährigen. Medizinische Befunde: Ausriss der langen Daumenbeugesehne, Durchtrennung beider Beugesehnen am Zeigefinger, Durchtrennung der Strecksehnen am Zeige- und Mittelfinger, Nervendurchtrennung für Daumen-, Zeige- und Mittelfinger, Haut- und Weichteildefektwunden Handrücken und Hohlhand, Verletzung Daumengrundglied mit freiliegendem Knochen. Auf den zu Dokumentationszwecken angefertigten Fotos war eine Kinderhand nur mit sehr viel Mühe zu erahnen. Schönbergers Hauptproblem damals: Der Daumen, ohne den das Greifen nahezu unmöglich ist, war nicht mehr zu retten. Nach reiflicher Überlegung fasste der Chirurg den Entschluss, aus einem aus der Leiste entnommenen Hautlappen einen Ersatzdaumen zu formen. Später erhielt die Konstruktion aus Gründen der Stabilisierung einen Knochen aus dem "Ersatzteillager Fuß" - das Endgelenk von Johannas zweiter Zehe. Derzeit denken Kügels gemeinsam mit denHandchirurgen darüber nach, die Sensibilität des Daumens per Übertragung ebenfalls von einer Zehe entnommener gefäßreicher Gewebemasse zu verbessern. "Da bin ich mir aber noch nicht ganz sicher", sagte die 14-Jährige. Zumal sie sich nicht über die Maßen eingeschränkt fühle, unterstrich die Hobby-Skiläuferin. Mit der sehr emotionalen Präsentation konnten die Vorträge der Doktoren Viktor Schneider (Endgelenk) und Jobst Meyer (Dupuytren) nicht vollends mithalten. Schneider klärte über Behandlungsverfahren am kleinsten der Fingergelenke auf; Meyer vertiefte das Wissen der Teilnehmer über eine gutartige, primär schmerzlose, knotige und strangförmige Fibromatose der Hand, die zu einer Streckhemmung und gelegentlich zu einer Adduktionskontraktur der Finger, auch Abduktionskontraktur des Kleinfingers führt. Zwischenerkenntnis des zu trockenem Humor neigenden Spezialisten: "Das muss nicht in jedem Fall operiert werden. Man kann auch mit einem krummen Finger 100 werden."



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