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Schaumburgs Ursprung bleibt geheimnisvoll

330 Jahre politisch getrennt – 570 Jahre vereint. Trotz der naturräumlich fast vorgegebenen Geschlossenheit zwischen Steinhuder Meer, Deister, Schaumburger Wald und Wesergebirge blicken die Schaumburger auf eine bewegte 900-jährige Geschichte zurück.

veröffentlicht am 05.03.2010 um 23:00 Uhr

Früherer Sitz der Grafen: Die Schaumburg auf dem Nesselberg, hie

Autor:

Jan Peter Wiborg

„Über den Ursprung der Schaumburger Grafen und ihr Stammland fehlen zuverlässige Nachrichten.“ Wilhelm Wiegmann, Nestor der schaumburg-lippischen Heimatkunde, formulierte dies vor etwas mehr als 100 Jahren. Seither hat sich der unklare Ursprung der Schaumburger auch mithilfe von über 100 Jahren Historikerarbeit nicht wesentlich aufhellen lassen.

Adolf, der erste Schaumburger, vermutlich ein „Edler aus sächsischem Geblüt“, erschien am Anfang des zwölften Jahrhunderts im Licht der Geschichte. Der sächsische König und spätere Kaiser Lothar von Süpplingenburg belehnte eben diesen Adolf wohl um 1106 mit der Grafschaft Schaumburg. Gesicherter ist, dass Adolf im Jahr 1110 von Lothar die Grafschaft Holstein verliehen bekam.

Adolf I. selbst genießt auch in Hamburg einen sagenhaften Ruf. Er gilt als „zweiter Gründer und Wohlthäter Hamburgs“, berichtet noch 1886 zumindest der Chef des Staatsarchives, Otto Beneke. Unter Adolfs Nachfahren blüht nicht nur die Hansestadt auf – das Denkmal Adolfs III. von Schauenburg ist noch heute auf der Hamburger Trostbrücke zu besichtigen.

Einst Mittelpunkt der Grafschaft: das Stadthäger Schloss.
  • Einst Mittelpunkt der Grafschaft: das Stadthäger Schloss.
Straße für die „Wohltäter Hamburgs“.
  • Straße für die „Wohltäter Hamburgs“.

Die Schauenburger bilden im Mittelalter an der südlichen Ostsee einen bedeutenden Machtfaktor. Sie mischten bei der Vergabe der dänischen und skandinavischen Königskronen mit, gründeten Kiel und Lübeck und einige weitere Städte. Noch heute spiegelt sich die gemeinsame Geschichte im Wappen des Landes Schleswig-Holstein. Es trägt – genau wie das Wappen des Landkreises Schaumburg – das Nesselblatt, nach dem Nesselberg, auf dem die Schaumburg steht.

Das Interesse von Adolf III. an seinen „Stammlanden an der Weser“ dürfte eher ein notgedrungen denn freiwilliges gewesen sein. 1203 musste er auf Druck des expansionswilligen dänischen Königs auf die Grafschaft Holstein verzichten und in die Grafschaft Schaumburg zurückkehren. Erst sein Sohn eroberte in mehreren Schlachten gegen die Dänen die Grafschaft Holstein zurück.

In stetiger Auseinandersetzung mit den Grafen von Roden, den Herzögen von Sachsen und den Bischöfen von Minden schufen die Schaumburger beharrlich ein geschlossenes Territorium. Im Norden des heutigen Landkreises und in der Schaumburger Kreidemulde findet dies Ausdruck in den sogenannten Hagenhufendörfern, die die Kontrahenten in den Dülwald roden ließen. Diese Dorfform entwickelten die Schauenburger Grafen auch zu einem Exportschlager für die Ostkolonisation.

In ihren umkämpften „Stammlanden“ an der Weser trieben die Grafen von Schaumburg Expansionsgelüste, so amtierten sie zum Beispiel auf der anderen Seite des Deisters als Gografen von Wennigsen – und es war Adolf IV., der die heute zutiefst calenbergische Stadt Gehrden 1298 zum Flecken erhob. 18 Jahre zuvor hatten sich die Schaumburger ihre Herrschaft im „Stammland“ erst von den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg zurück erkämpfen müssen. Der zuvor so mächtige Bischof von Minden konnte den reichen Holsteinern nichts mehr entgegensetzen, die ihre Herrschaft in der Folge immer weiter von Süden bis an den Ufersaum des Steinhuder Meeres ausdehnten.

Ihre Blütezeit erlebte die in ihren Grenzen gefestigte Grafschaft unter dem Grafen Ernst, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts seine Regierung von Stadthagen nach Bückeburg verlegte und die kleine Siedlung zur Residenzstadt ausbauen ließ. Der Herrscher sanierte die Landesfinanzen, förderte die Zünfte, gründete Schulen – unter anderem das Gymnasium Illustre Academia Ernestina, aus dem die Universität Rinteln hervorging.

Einkünfte aus Schaumburgs Bergbau reichten auch für ein Darlehen an den Kaiser Ferdinand II., der Ernst daraufhin 1619 den seiner Familie angeblich verloren gegangenen Fürstentitel erneuerte.

Fürst Ernst legte mit Recht und Verfassung die Grundlage für die nächsten Jahrhunderte. Sein Wunsch, im Konzert der großen europäischen Herrscher mitspielen zu können, führte auch dazu, dass er den kaiserlichen Bildhauer Adrian de Vries verpflichtete, um mehrere Bronzen – unter anderem für sein eigenes Grabmal im Mausoleum Stadthagen – schaffen zu lassen.

Der Westfälische Friedensvertrag von 1648 beschloss nicht nur den Dreißigjährigen Krieg. Mit diesem Dokument besiegelten der Kaiser und die Schweden auch die ein Jahr zuvor ausgehandelte Teilung der alten Grafschaft Schaumburg. Deren Herrscher, Otto V., starb 1640 ohne männlichen Erben. Die Vertragspartner schufen einen hessischen und einen schaumburg-lippischen Teil – und zogen damit eine Grenze quer durch das Land, nur die Steinkohlengruben blieben in gemeinsamer Verwaltung.

Die Herzöge zu Braunschweig und Lüneburg zogen die Ämter Lauenau mit Mesmerode und Bokeloh, die Vogtei Lachem und den Flecken Wiedensahl als „erledigte Lehen“ ein. Zur Grafschaft hessischen Anteils gehörten Oldendorf, Rinteln, Rodenberg und Sachsenhagen. Die Ämter Arensburg, Bückeburg, Hagenburg, Stadthagen und Steinhude entwickelten sich im 18. Jahrhundert zur eigenständigen Reichs-Grafschaft Schaumburg-Lippe (die Grafschaft Schaumburg lippischen Teils). „Es änderte sich vermutlich für die Einwohner zunächst kaum etwas“, sagt der Bückeburger Historiker Helge bei der Wieden.

Mit dem Markieren der neuen Grenzen hatten es die Hessen und Schaumburg-Lipper nicht eilig. Erst in 1733 einigten sie sich über den Verlauf und ließen die Grenzsteine mit dem hessischen Löwen und dem schaumburg-lippischen Nesselblatt auf der anderen Seite quer durch die Grafschaft aufstellen. „Man formuliert aus der Sicht des 19. und 20. Jahrhunderts, wenn man sagt ‚Teile der Grafschaft Schaumburg fielen an Hessen‘“, meint bei der Wieden. Das stimme so nicht: „Sie fielen an den Landgrafen und seine Erben.“ Genauso sei Schaumburg-Lippe nicht an Lippe gefallen, „sondern ganz konkret an Graf Wilhelm zur Lippe.“ Die Sicht, das Modell des modernen Verwaltungsstaates zu übertragen, sei falsch.

Seit Mitte des 17. Jahrhunderts begannen die Hessen, aus wirtschaftlichen Gründen neue Siedlungen zu gründen, förderten Bergbau und erste vorindustrielle Ansätze. Sie bauten Rinteln zur Festung aus. Erst die sich zentralisierenden Staaten des 19. Jahrhunderts schufen unterschiedliche Verwaltungen. Die Rintelner Regierung war bis 1821 in Personalunion direkt dem Landgrafen (ab 1803 Kurfürst) in Kassel zugeordnet, ehe die hessische Grafschaft Schaumburg der Provinz Niederhessen zugeschlagen wurde. Zu diesem Zeitpunkt seien die Menschen in der Grafschaft Schaumburg in ihrer Ausrichtung aber „gefühlsmäßig schon Hessen“ gewesen, sagt bei der Wieden.

Für die hessische Herrschaft und Verwaltung ist die Grafschaft Schaumburg später zum Nebenland („Hessisch-Sibirien“) geworden, das finanziell mit der industriellen Entwicklung der Nachbarn, vor allem beim Eisenbahnbau, nicht mehr mithalten konnte.

Schaumburg-Lippe hatte allein schon durch die höhere Bevölkerungsdichte bessere Startbedingungen. Dazu nennt Historiker bei der Wieden ein weiteres Argument: „Schaumburg ist durch seine Fürsten im 19. Jahrhundert reich geworden.“

Bereits Graf Wilhelm hatte Künstler und Geistesgrößen an seinen Hof geholt. Der Landesherr hatte sich seine militärischen Meriten in Portugal verdient. Den Aufklärer verband eine Freundschaft mit Voltaire. Graf Wilhelm sann über seiner Zeit vorauseilende Theorien zur Landesverteidigung nach und ließ diese mit dem Wilhelmstein im Steinhuder Meer modellhaft Wirklichkeit werden. Georg Wilhelm nahm während seiner Regierungszeit von 1787 bis 1860 den Fürstentitel an.

Dass das Ländchen schließlich bis zur Gründung des Landes Niedersachsen im Jahr 1946 seine Selbstständigkeit nicht verlor, bezeichnet Karl-Heinz Schneider, Professor für Geschichte an der Universität Hannover, als „zum Teil Zufall“, zum Teil sei dies auch wichtigen Fürsprechern zu verdanken gewesen – im besonderem Maße gelte das nach 1866 für Preußen.

Dabei sei Schaumburg-Lippe nicht nur außenpolitisch gefährdet gewesen, sondern auch innenpolitisch. Die geringe Größe des Landes habe es spätestens seit 1830 verhindert, dass wichtige innenpolitische Reformen aus eigener Kraft realisiert werden konnten, meint Schneider.

Nach dem Ende der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten kokettierte der für eine kurze Episode wieder hergestellte Freistaat Schaumburg-Lippe mit einem Anschluss an Nordrhein-Westfalen, bildete aber schließlich gemeinsam mit der Provinz Hannover und den Ländern Oldenburg und Braunschweig das Land Niedersachsen.

Auf der Basis eines Volksbegehrens aus dem Jahr 1956 votierte die Bevölkerung des Landkreises Schaumburg-Lippe 1975 für die Wiederherstellung des Freistaates. Es war wohl kein echter Unabhängigkeitsdrang, sondern der Ärger über das „Abschneiden“ einzelner Gemeinden und die nur teilweise Rückübertragung des Vermögens des ehemaligen Ländchens. Der Deutsche Bundestag musste eine Wiederherstellung des Freistaates ablehnen.

Erst Ende der siebziger Jahre kam es nach 330 Jahren Teilung im Zuge der niedersächsischen Verwaltungs- und Gebietsreform zur „Wiedervereinigung“ der beiden Kreise Grafschaft Schaumburg und Schaumburg-Lippe im heutigen Landkreis Schaumburg.

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