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Neue Studie: Landkreis abgeschlagen im Standortvergleich /Überdurchschnittliche Jobverluste

Schaumburg als Problemzone Niedersachsens

Landkreis. Schaumburgs Wirtschaft bleibt im Strukturwandel stecken. So radikal wie zwischen Hagenburg und Rinteln brachen Arbeitsplätze in den letzten Jahren nur in wenigen Regionen Niedersachsens weg. So verhalten fällt auch die Zukunftsprognose andernorts selten aus. Eine ernüchternde Bilanz, die das Forschungsinstitut für Regional- und Clustermanagement in einem landesweiten Standortvergleich zieht. Fazit der Studie: Schaumburg gehört zu den Problemzonen Niedersachsens.

veröffentlicht am 07.07.2006 um 00:00 Uhr

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Autor:

Frank Werner

Die "Cluster-Prognose" des Instituts kalkuliert bis 2010 einen Zuwachs von 32 000 Arbeitsplätzen in Niedersachsen. Die einzelnen Landkreise profitieren - je nach Branchenstruktur und spezifischen Wachstumspotenzialen - unterschiedlich stark von diesem Trend. Gradmesser ihrer Wettbewerbsfähigkeit sind die regionalen Verbundstrukturen der Wirtschaft, die Vernetzung einzelner Branchen zu übergreifenden Wertschöpfungsketten ("Clusters"). Wer viele Wachstumsbranchen (wie das Gesundheitswesen oder unternehmensnahe Dienstleistungen) vereint und zu "Kompetenzfeldern" ausbaut, legt bei der Beschäftigungsentwicklung stärker zu als Landkreise, in denen eher traditionelle und stark unter Kostendruck stehende Wirtschaftszweige - etwa das Baugewerbe oder die Auto(teile-)produktion - beheimatet sind. Hier würde die "Clusterbildung" eher zum Schwund von Arbeitsplätzen beitragen. Schon die Ausgangslage der niedersächsischen Landkreise differiert erheblich: Vor allem ländliche Regionen haben in den letzten Jahren die stärksten Jobverluste hinnehmen müssen. Von 1999 bis 2005 hat Schaumburg 9,1 Prozent seiner sozialversicherungspflichtig Beschäftigten verloren (3664 Arbeitsplätze). Zum Vergleich: In den westlichen Bundesländern lag der Schwund durchschnittlich bei 2 Prozent. Unter den 46 Kreisen und kreisfreien Städten Niedersachsens nimmt Schaumburg damit den 39. Rang ein - nur sieben Städte und Kreise haben noch größere Jobverluste erlitten. Neue Daten der Industrie- und Handelskammer Hannover bestätigen das Bild. "Hameln vorn, Schaumburg hinten", überschreibt die IHK ihre Industriebilanz für 2005. Allein innerhalb eines Jahres ging die Zahl der Industriebeschäftigten in Schaumburg um 5,1 Prozent zurück - ein negativer Spitzenwert in der IHK-Region Hannover (Rückgang hier im Schnitt um2,3 Prozent). In den letzten zehn Jahren (von 1995 bis 2005) hat sich die Zahl der Industriebetriebe in Schaumburg von 102 auf 86 verringert, jeder fünfte Arbeitsplatz ging verloren. Und während der Umsatz der Industrie im Landkreis nahezu stagnierte (plus 0,8 Prozent), legte er im IHK-Bereich um 8,3 Prozent zu (bundesweit um 4,6 Prozent). Für die Zukunft prognostiziert das Institut für Regional- und Clustermanagement eine nur verhaltene Aufwärtsentwicklung: Schaumburg bleibt landesweit auf der Verliererseite. Die Beschäftigungs dynamik fällt unterdurchschnittlich aus, der Landkreis rutscht - zusammen mit Cuxhaven, Aurich, Leer, Lüchow-Dannenberg, Northeim, Wittmund, Helmstedt, Osterode, Emden, Salzgitter und Holzminden - in den "roten Bereich", die negativste Zone, in der Städte und Kreise mit "stärkeren und wahrscheinlich dauerhafteren Strukturproblemen" versammelt sind. Die wirtschaftlichen Schlusslichter Niedersachsens. Auch in Schaumburg erwartet das Institut Beschäftigungszuwächse im "Gesundheits-, Veterinär- und Sozialwesen" sowie bei den "Dienstleistungen für Unternehmen". Doch zählen diese Kompetenzfelder nicht unbedingt zu den heimischen Standortstärken. Schaumburgs Kompetenzfelder verortet die Studie eher in der Möbel-, Leder-, Bekleidungs- und Glasindustrie sowie im Baustoff- und Ernährungsgewerbe. Hier allerdings ist zum Teil mit weiterem Arbeitsplatzabbau zu rechnen. Hinter der Negativbilanz steht ein prinzipielles - und keineswegs neues - Schaumburger Problem: Der Landkreis hinkt beim Strukturwandel hinterher, kommt als alter Industriestandort auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft nur langsam voran. Dazu kommen klassische G lobalisierungsverluste wie die Betriebsschließungen von Otis und Alcatel, die massenweise Arbeitsplätze vernichtet haben. Profitieren kann der Landkreis von den globalisierten Märkten dagegen vergleichsweise wenig. Im Bereich der IHK Hannover liegt Schaumburg auch in der Exportentwicklung auf dem letz- ten Platz. Während das Auslandsgeschäft 2005 im Schnitt aller Landkreise der IHK-Region gegenüber dem Vorjahr um 5,2 Prozent zulegte (bundesweit sogar um 7,7 Prozent), ging es in Schaumburg um 7 Prozent zurück. Der Exportanteil am Umsatz - auch ein Gradmesser für potente Unternehmen - liegt mit 30,2 Prozent ebenfalls im unteren Bereich der Skala (IHK-Wert: 36,4 Prozent). Das Forschungsinstitut empfiehlt den Landkreisen, spezifische, der jeweiligen Branchenstruktur angepasste Zukunftskonzepte zu entwickeln. Die Analyse der Wertschöpfungsketten ermögliche gezielte Gründer- und Ansiedlungshilfen und schütze davor, "in der Wirtschaftsförderung ,alles' zu machen".

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