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Die Entstehung der Ausstellung „Gesichter“ – Rüdiger Reckstadt und seine Arbeit mit Flüchtlingen

„Schau mich an“

Als das letzte Foto gemacht ist, hat Rüdiger Reckstadt einige Abzüge herstellen lassen, eher kleine Formate, die er an einem Freitag im Flüchtlingsheim zeigen will. Die Bilder also lässt er aufhängen und als um 13 Uhr die ersten Bewohner zum Essen gehen und sie die Bilder das erste Mal sehen, ist er daheim in Stadthagen. Dort erreicht ihn der Anruf der Heimleitung: Die Ausstellung kann er vergessen – einige der männlichen Bewohner möchten nicht, dass ihre Frauen auf Fotos gezeigt werden. Hier an der Wand? Von allen zu sehen und zu betrachten? Das gehe gar nicht, befanden mehrere Ehemänner.

veröffentlicht am 07.03.2016 um 13:06 Uhr

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Autor:

von frank westermann

Im Flüchtlingsheim wartet die Belegschaft, wie es nun weitergeht. Reckstadt setzt sich ins Auto, fährt ins Flüchtlingsheim. Natürlich wird er ihren Wunsch respektieren und die Bilder weder aufhängen noch ausstellen, es gibt keinen Gedanken, sie überreden zu wollen. Nein, er möchte mit den in der Einrichtung lebenden Menschen aus Syrien und Afghanistan ins Gespräch kommen und seine Intention und Gedanken mit Blick auf die Bilder darstellen.

Reckstadt erläuterte seine Intention auf Englisch, denn so konnte Satz für Satz nach Farsi und ins Arabische von einigen Bewohnern übersetzt werden. Er hatte bereits große Abzüge anfertigen lassen und mitgebracht. Bei der Darstellung seiner Absicht, was er mit den Bildern bewirken will, wurden seine Zuhörer immer stiller. Sie schienen seine Intention zu verstehen: Mit Bildern eine Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft bauen zu wollen – zwischen ihnen, die ihrer Heimat entfliehen mussten und den Menschen, die hier leben. Er hielt ein Bild nach dem anderen in die Höhe, um seine bildnerischen Absichten zu erläutern. Zuerst hat er die Bilder der Kinder gezeigt, dann die Fotos der Kinder mit ihren Müttern, als einer der Anwesenden die Hände gehoben und laut geklatscht hat.

Mit jedem weiteren gezeigten Bild klatschten mehr und mit einem Mal entstand ein Sturm der Begeisterung – der Bann war gebrochen, eine Wende trat ein. Sogar eine kleine Dankesrede seitens der ehemals so skeptischen Menschen wurde gesprochen.

Rüdiger Reckstadt, pensionierter Oberstudienrat für Mathematik und Physik, wurde von seinem Vater an die Fotografie herangeführt, hier wurde ein Hobby von einer Generation an die nächste weitergegeben. Der Vater fotografierte schon 1946 in Farbe die zerbombten Städte wie Berlin oder Hamburg, Sohn Rüdiger erhielt die erste Spiegelreflexkamera mit zwölf Jahren. Land, Tiere, Natur, Porträt: Rüdiger Reckstadt hat dann im Laufe seine Hobby-Fotografen-Lebens alles ausprobiert, was das breit gestreute Fotospektrum so anbietet. „Ich konnte reichlich Erfahrungen sammeln“, erzählt er in seinem lichtdurchfluteten Haus im Stadthäger Ortsteil Hörkamp-Langenbruch. „Eine halbe Million Bilder werden wohl nicht reichen.“ Drei Jahrzehnte war er der offizielle Schulfotograf am Ratsgymnasium und setzte die Schule und ihre vielen Veranstaltungen ins rechte Licht. Jedermann habe sie auf der Homepage der Schule ansehen können, sagt er.

Einher mit der Phase des beruflichen Abschieds im Sommer 2013 ging die Arbeit an einem großen Projekt: ein Buch über die Schulaktivitäten und die vielen beteiligten Menschen zu erstellen. Er stellte an sich selbst die Anforderung, dem Jahrbuch mit interessanten und speziell gestalteten Fotos eine moderne ästhetische Gestaltung zu geben. Man sieht es den Schülergruppen auf den Fotos an, dass sie Spaß vor der Kamera hatten.

Dass er im Bückeburger Flüchtlingsheim das Vertrauen der Bewohnerinnen und Bewohner aus Syrien und Afghanistan erwerben und sie schließlich fotografieren konnte, lag auch an seiner Ehefrau: Kathrin Reckstadt ist seinerzeit die Einrichtungsleiterin der „Amtshilfeeinrichtung Bückeburg II“, wie sie offiziell heißt, gewesen. Fotograf Reckstadt ist die selbst gestellte Flüchtlings-Fotoaufgabe dennoch nicht ohne Bedenken angegangen: Welche Probleme gibt es im Islam mit Bildern? Welche Sprachprobleme werden auftreten? Und wird es ihm überhaupt gelingen, seine sehr präzisen Vorstellungen von den Bildern umzusetzen? Reckstadt hat in der Flüchtlingsunterkunft sein Fotostudio für eine Woche eingerichtet, hat sich Gedanken über Lichtgebung und den Hintergrund gemacht, hat aufgebaut – und gewartet. Er hat nur angekündigt, dass er da sei, und dann darauf vertraut, dass sich die Kunde im Wohnheim herumspricht.

Gekommen sind zunächst die Kinder, die Neugier siegte, und als die Mutter des ersten Kindes, das vor der Kamera saß, dazukam, hat Reckstadt sie einfach eingeladen: „Setzen Sie sich dazu!“ Eine halbe Stunde hat das Fotoshooting gedauert, weil Reckstadt eine ganz bestimmte Aussage einfangen wollte: Ein kleines Kind auf dem Schoß der Mutter, das Gesicht des Kindes ist der klare Mittelpunkt des Bildes, hell ist es der Zukunft zugewandt, die wie ein auszumalendes Bild vor ihm liegt. Hinter ihm sitzt die Mutter, zurückgenommen, aber mit ihren Händen hält sie das Kind, gibt Halt auf dem Weg in die Zukunft; „Sie schützt es und stellt es gleichermaßen in die Zukunft hinein“, formuliert es Reckstadt.

Vier Stunden dauerte das erste von insgesamt drei Fotoshootings, und von Mal zu Mal musste Reckstadt immer weniger eingreifen, „die Hände bitte hierhin, den Kopf ein wenig höher“. Vor der Kamera wollte er die Menschen motivieren, „sich zu entspannen, sie sollen ein hohes Maß an Eigenantrieb mitbringen“, erklärt Reckstadt später im Pressegespräch. Dabei sei es ihm egal gewesen, wie alt oder jung der Mann oder die Frau vor der Kamera war – 18 Jahre, 42 Jahre, „es war zu keinem Punkt ersichtlich, dass es Probleme geben könnte“, erklärt Reckstadt. Es waren angenehme drei Fotoshootings.

Und er hat gelernt, denn die jungen Frauen haben sich am dritten Tag für die Kamera ein bisschen aufgebrezelt, wie man so sagt, sich geschminkt, leicht orientalisch, „glutäugig“, nennt es Reckstadt.

Die Idee, die hinter allen Bildern steht, ist die, dass der Betrachter an die Personen herantreten muss. Hier lenkt nichts den Blick ab, keine bunte Kleidung, kein strahlender Hintergrund, hier geht es allein um das Gesicht: Schau mich an. Reckstadt stellte seine grundsätzlichen Überlegungen den Flüchtlingen vor. „Und ein Sturm der Freude weht durch das Fotostudio, und ich kam mit dem Auslöser kaum noch hinterher.“ Nicht ablichten, nicht knipsen, sagt Reckstadt. Das, das wollte er beides nicht. Es sollten keine Bilder werden, die in Richtung Schönheit gehen, Beauty-Fotografie, nein, es sollten Bilder werden, „die den Betrachter ansprechen im Wortsinn“, wie es der Fotograf formuliert.

Es war eine gewaltige Anforderung in diesem Umfeld, mit einer eingeschränkten Kommunikation, erinnert sich Reckstadt, und er sagt dies völlig unpathetisch, es war halt so. Wichtig war ihm beim Fotografieren die anonyme Darstellung der Menschen vor der Kamera: Der Name war nicht wichtig, das Land, aus dem sie kamen, auch nicht, wichtig war ihm die Begegnung. Die Begegnung der Menschen, die hier wohnen, und der Menschen, die zu uns gekommen sind, die vor Krieg und Terror und Armut und Elend und Not geflohen sind.

Denn das macht man ja heute nicht mehr, sagt Reckstadt. Was macht man nicht mehr? „Na, das man sich vor einem fremden Menschen hinstellt und ihn erst einmal eingehend studiert; dass man ihm lange und tief in die Augen schaut, um seine Seele zu entdecken.“ Seine Bilder, davon ist Reckstadt überzeugt, und diese Annahme liegt nahe, tragen zum Verständnis bei. Und so hat er an jenem Freitagnachmittag argumentiert, als nach dem Aufhängen der ersten noch kleinen Bilder Unmut aufgekommen war. Diese Argumentation habe eine gewisse Abstraktion verlangt, aber wie eingangs erwähnt: Reckstadt hat erklärt – und dann hat der Erste angefangen zu klatschen.

Anschließend ging es schnell, Reckstadt hat sich von allen auf den auszustellenden Bildern gezeigten Personen die schriftliche Einwilligung erbeten, die Bilder öffentlich zeigen zu können. Ein Ziel gibt es für seine Ausstellung auch: Sie soll wandern, von Obernkirchen nach Hannover, in die Landeshauptstadt und von dort durch weitere niedersächsische Städte. Schließlich ist die Bundeshauptstadt Berlin das Endziel. Es ist eine Ausstellung mit einem kleinen Anliegen, sagt ihr Stadthäger Schöpfer, ein kleiner Beitrag zu einer jetzigen Debatte, die zeigen soll, dass es hier im Kern immer noch und vor allem um Menschen geht.

„Das Gesicht ist das Spiegelbild der Seele“, sagte Landrat Jörg Farr bei der Eröffnung der Ausstellung, und forderte zugleich, dass „der Blick auf die oft schockierenden Einzelschicksale dieser Menschen nicht verloren gehen“ dürfe. 22 minimalistische Porträtfotos von Flüchtlingen aus Syrien und Afghanistan würden den Flüchtlingen Gesichter geben, „sie treten aus der Anonymität heraus“, sagte Farr, das Abstrakte werde zur Realität. Und jedes der zweiundzwanzig Bilder führe zur Erkenntnis, „dass alle Menschen richtig sind, wie sie sind“.

Übrigens hatte Rüdiger Reckstadt nur 21 Fotos ausgewählt. Aber dann hat sich einer der Ehemänner, der sich anfangs so über das aufgehängte Foto seiner Ehefrau empörte, den Fotografen persönlich gebeten: Eine Ausstellung ohne das schöne Foto seiner Gattin? Das gehe nun doch gar nicht. Er möge das Bild doch bitte mit in die Ausstellung nehmen – dieser Wunsch wurde gerne erfüllt.

Die Ausstellung „Gesichter“ ist bis zum 1. April montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr im DRK-Gebäude in der Bornemannstraße 1 in Obernkirchen zu sehen, Anmeldung für Gruppen nach Vereinbarung unter der Telefonnummer (0 57 24) 97 26 0-0. Weitere Bilder des Fotografen gibt es hier zu sehen: www.reckstadt.dphoto.de

Die Ausstellung „Gesichter“ von Rüdiger Reckstadt steht kurz vor dem Scheitern. Flüchtlinge wollen nicht, dass ihre Frauen gezeigt werden. Bei der Darstellung seiner Absicht, was er mit den Bildern bewirken will, werden seine Zuhörer immer stiller. Sie verstehen seine Intention. Sie klatschen. Die Ausstellung ist gerettet.

Rüdiger Reckstadt: Mehr als eine halbe Million Bilder hat er in den vergangen Jahren gemacht.

Foto: rnk



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