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Eis auch bei Schnee: Wie die Süßigkeit nach Hameln kam und was ihre tägliche Verfügbarkeit bedeutet

Saison ist immer

Hameln. Jahr für Jahr gibt es diesen einen Tag, an dem aus dem Winter ein Frühling wird. Die Eisheiligen haben damit nur entfernt zu tun. Es ist nämlich nicht der kalendarische Frühlingsanfang. Es ist auch nicht der meteorologische Frühlingsanfang. Nein, es ist der Tag, an dem wir die erste Eiswaffel des Jahres kaufen und schleckend durch die Altstadt schlendern. Aber gibt es den besonderen Zauber dieses Tages heute überhaupt noch?

veröffentlicht am 26.02.2013 um 00:00 Uhr

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Die Stadtgalerie hat in Hameln vieles umgekrempelt. In Sachen Eisgenuss hat sie darüber hinaus auch einiges entzaubert. Das Caffee e’Gelato, das im Shoppingcenter am Pferdemarkt gleich zweimal vertreten ist, hat wie viele andere Hamelner Eiscafés täglich geöffnet. Im Gegensatz zu den meisten jedoch auch im Oktober, im November, Dezember, Januar, Februar, März und April. Das ist in Hameln nicht neu. Jahrelang war beispielsweise in der Postpassage auch im Winter ein Eiscafé geöffnet. Während in all die anderen Eisdielen vorübergehend Tische voller Kekse und Gebäck eingezogen waren. Oder das vielsagende Schild im Fenster hing, auf dem so etwas zu lesen war wie: „Wir wünschen unseren Kunden eine schöne Winterzeit!“ Seit fünf Jahren nun hat sich das Eis in Hameln von seinem Sommerdasein verabschiedet. Wieder ein saisonales Produkt, das täglich zu haben ist. Wieder ein Zauber, der keiner mehr ist.

Übrigens: 8,4 Kilogramm Speiseeis schleckt jeder Deutsche im Durchschnitt pro Jahr. Eine Behauptung, für die es sich lohnt, die Hand ins Tiefkühlfach zu legen: Es könnte gut sein, dass diese Zahl in Hameln seit dem 8. März 2008 gestiegen ist.

Warum? Das ist wieder und wieder zu beobachten. Tag für Tag. Durch die Fußgängerzone flaniert bei Schneefall die junge Dame – winterlich-warm eingepackt – und hält in ihrer Handschuhhand eine große Eiswaffel. Ein Anblick, der bei Minusgraden und Schneefall den Wunsch nach heißem Kaffee wachsen lässt. In der Stadtgalerie sitzt und schwitzt in einer Winterjacke mit flauschigem Fellkragen der junge Mann und schleckt ein Eis. Auch im Februar. Drinnen sind schließlich heimelige 18 Grad. Beispiele wie diese gibt es wie Eissorten in der Auslage: viele, sehr viele.

Aber nicht immer war Eis eine leckere „Süßigkeit-to-go“ in Hamelns Innenstadt. Ein markanter Tag in der Geschichte des Speiseeises in der Rattenfängerstadt ist der 16. Juli 1934. Es ist der Tag, an dem im Dritten Reich die „Verordnung über die Speiseeis-Wirtschaft“ veröffentlicht wird. Darin steht, was Eiscreme vom Cremeeis unterscheidet. Im Zuge dieses Gesetzes wird in der damaligen Wirtschaftskammer in Hannover ein Schreiben aufgesetzt. Man „befürworte die Errichtung einer sogenannten Eisdiele in Hameln“, heißt es darin. Dabei betreibt Konditormeister Gustav Kropp in seiner „Konditorei Kaffee Kropp“ an der Bäckerstraße 3 bereits seit 1933 eine solche Speiseeiswirtschaft.

Während in den 1920er Jahren in Hameln noch jede Gast- und Schankwirtschaft Speiseeis ausgeben konnte, sollen sich fortan Eiscafés etablieren. August Rode, der einen Eispavillon an der Ringstraße, Ecke Deisterstraße unterhielt, richtete 1936 einen weiteren an der Mühlenstraße ein. Schon 1938 gab es zehn dieser Eisdielen in Hameln. „Nach aufgeführtem Eisverkauf dürfte dieses wirklich für Hameln genügend sein, zumal es nur ein Saisongeschäft ist“, kommentierte der Kreisleiter der Wirtschaftsgruppe Gaststätten und Beherbergungsgewerbe die lange Liste, die noch keine Gaststätten mit Speiseeisbetrieb, Ausflugslokale oder Eiswagenverkäufer berücksichtigte. Viele dieser ausschließlichen Eisfabrikationen haben sich über Jahrzehnte gehalten: Adolf Thies verkaufte schon 1938 Waffeln und Becher als Eis-Händler an der Ritterstraße 2. Auch 1950, als die fünf Eissorten Vanille, Erdbeere, Schokolade, Zitrone und Mokka hießen, handelte Thies noch mit Eis. Heute gibt es in Hameln übrigens sieben Eisdielen – natürlich mit viel mehr als nur fünf verschiedenen Geschmacksrichtungen.

Und der Zauber des ersten Eises im Jahr? Wer mag, kann ihn sich bewahren. Das ist – wie so vieles – Geschmackssache.

Seit es die Stadtgalerie gibt, hat sich vieles verändert. Auch das Konsumverhalten. Ablesen lässt sich das anschaulich an einer der köstlichsten Nebensachen der Welt: dem Speiseeis. Eine kurze Kulturgeschichte des Eises in der Rattenfängerstadt.



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