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Das letzte Torschreiberhaus vor der Hamelbrücke an der Erichstraße wurde 1957 abgebrochen

Säumige Zahler mussten gemeldet werden

Das letzte von ehemals vier Torschreiberhäusern, das an der Erichstraße unmittelbar vor der Hamelbrücke stand und etwa 200 Jahre im Besitz der Familie Schilling beziehungsweise Schröder gewesen war, musste 1957 der Verbreiterung der Erichstraße weichen. Es hatte Bemühungen gegeben, die aber abgelehnt worden waren, das Haus unter Denkmalschutz zu stellen, zumal es mit seinem Fachwerk aus Eiche nicht baufällig war. Es hatte auch im Blickfeld des fünfstöckigen Neubaus am Wilhelm-Mertens-Platz gestanden, der als architektonischer Abschluss der Erichstraße gedacht war. Einstmals war das Haus beim Ausbau der Befestigungsanlagen vom Wettor an den Platz vor dem Neuentor versetzt worden. Im Volksmund nannte man es das „Alte Zollhaus“. Die Torschreiberhäuser, die drei anderen, lagen vor dem Ostertor, dem Mühlentor und vor dem Brückentor, hatte man am Rande des 200 bis 300 Meter breiten Befestigungsgürtels gebaut, der nach außen hin durch einen breiten Graben begrenzt wurde, und zwar an den Brücken, die über das System von Befestigungen führten. Nur das Torschreiberhaus vor dem Brückertor stand auf der Werderspitze zwischen dem östlichen und dem westlichen Brückenteil. Torschreiberhäuser waren Dienstgebäude der Steuerverwaltung der Landesherrschaft. In ihnen kamen die Torschreiber als Staatsbedienstete ihren Aufgaben nach. Sie mussten die Entrichtung gewisser Abgaben kontrollieren, die von der Landesherrschaft auf Waren erhoben wurden, und zwar als „Zoll“ auf eingeführte Waren und als indirekte Steuern, Lizent oder Akzise genannt, auf eine Reihe von Lebensmitteln, wie zum Beispiel Zucker, und Genussmittel, wie Bier. Der Lizent war die wichtigste vom Landesfürsten erhobene Steuer, die 1686 in den Städten als „Generalkonsumtionslizent“ eingeführt worden und für die Entwicklung des Staates von größter Bedeutung war. Um die Zahlung dieser Abgaben zu kontrollieren, mussten die Torschreiber von den Fuhrwerken, die die Stadtgrenze passierten, den Nachweis fordern, dass die Abgaben auf die Waren geleistet worden waren. Diese gesammelten „Zettel“ lieferten die Torschreiber zu bestimmten Terminen bei der Steuerbehörde ab und mussten dort auch säumige Zahler melden.

veröffentlicht am 15.05.2009 um 23:00 Uhr

Torschreiberhaus an der Erichstraße um 1920, v. SO gesehen.

Autor:

Horst Knoke

Die Schenkung wurde zurückgenommen

Als König Jérôme im Jahre 1812 der Stadt Hameln das Festungsgelände schenkte, wurden die vier Torschreiberhäuser ausdrücklich ausgenommen. Diese Schenkung wurde von der königlichen Regierung, als sie wieder Herr im eigenen Lande war, zurückgenommen. Erst im November 1850 kam es zwischen der Regierung und der Stadt Hameln nach jahrelangen Verhandlungen über das Festungsgelände zu einem Vergleich. Der § 5 des Vergleichs lautet: „Die Thorschreiberhäuser vor dem Mühlenthore, vor dem Neuenthore und vor dem Brückerthore, welche auf dem nach § 2 der Stadt Hameln überlassenen Festungsterrain belegen sind, werden der Stadt nicht mit überwiesen. Sie gehören der Steuer-Verwaltung, welche auf Verlangen deren Abbruch verfügen wird.“

Die Stadt wollte alsbald die Häuser erwerben und ließ sie im Januar 1851 von dem Maurermeister Schimpf schätzen. In den Unterlagen über die Schätzung sind die Häuser beschrieben. Es heißt dort: „Wohnhaus am Neuenthor ist 35 1/2 Fuß lang und 24 1/2 Fuß tief, eine Etage hoch, die Bauart ist vom Lehmwerk mit Backsteinen ausgemauert und mit Ziegelsteinen gedeckt. In demselben befinden sich zwei Stuben, zwei Kammern, Küche und Diele. Geschätzt zu 360 Rthr. Stallgebäude ist 25 Fuß lang, 18 Fuß tief, Bauart ist vom Fachwerk mit Backsteinen ausgemauert und mit Ziegeln gedeckt. Geschätzt zu 110 Rthr.“ Die drei weiteren Torschreiberhäuser waren ganz ähnlich gebaut. Das Haus am Brückertor war auf 300 Rthr und der zugehörige Stall auf 10 Rthr geschätzt worden. Das Wohnhaus am Mühlentor sollte einschließlich Stall 650 Rthr kosten und für das Wohnhaus einschließlich Stall vor dem Ostertor waren 650 Rthr angegeben.

Die Stadt hatte zunächst vor, die sich daraus ergebende Summe von 2080 Rthr der Regierung zu zahlen, ließ dann aber eine „Nachtaxation“ machen, die einen Wert von 1200 Rthr ergab. Hannover verlangte 1800 Rthr. Da die Häuser aber laut Vergleich auf städtischem Grund standen, forderte die Stadt deren

Festung Hameln 1741 mit Torschreiberhäusern, Stich von Persson.
  • Festung Hameln 1741 mit Torschreiberhäusern, Stich von Persson. Aus: Geschichte der Stadt Hameln

Abbruch. So konnte die Steuer-Direktion nur den Abbruchwert verlangen. Sie schloss dann den Verkauf des Torschreiberhauses vor dem Ostertor aus und beantragte beim Stadtgericht den meistbietenden Verkauf der drei Häuser auf Abbruch. Die Stadt bot insgesamt 500 Rthr Courant und bekam darauf den Zuschlag. Nachdem die Landdrostei dem Ankauf der Stadt zugestimmt hatte, gingen die Gebäude im September 1851 in das Eigentum der Stadt über. Für das Torschreiberhaus vor dem Ostertor, das auf einem vom Kriegsministerium nicht abgetretenen Teil des Festungsterrains stand, verlangte die Steuer-Direktion eine Miet-Versteigerung zum Höchstgebot. Die Stadt pachtete für 45 Rthr/Jahr das Gebäude einschließlich des zugehörigen Gartens.

Torschreiberhaus als Hospital eingerichtet

Das am Bückertor stehende Torschreiberhaus (heute Papenstraße 8) diente noch viele Jahre als Gaststätte, die viel besucht wurde. Der Oberaufseher im Arbeitshaus, Börner, war lange Jahre Pächter des Hauses. Am 27. Juni 1861 hatten die „Hamelner Anzeigen“ über die Sitzung des Magistrats und des Bürgervorsteher-Kollegiums berichtet: „Es wurde beschlossen, das frühere Torschreiberhaus vor dem Brückenthore unter den vorgelegten Bedingungen weiter unter der Hand zu verpachten.“ Wann dies ehemalige Torschreiberhaus dann abgebrochen wurde, ist nicht bekannt. Im Torschreiberhaus vor dem Mühlentor hatte die Stadt mit Genehmigung der Steuer-Direktion ein Hospital für Kranke mit ansteckenden Krankheiten eingerichtet. Dem Pförtner des Mühlentores, der bis dahin keine Dienstwohnung hatte, wurde das Torschreiberhaus als Wohnung zugewiesen mit der Verpflichtung, die Aufsicht über die Krankenanstalt zu führen. Die Städtischen Kollegien hatten aber im Herbst 1851 beschlossen, das Haus so zu versetzen, es sollte „fortgewalzt“ werden, dass es kein Verkehrshindernis mehr darstellte. Diesem Plan hatten auch die Bürgervorsteher zugestimmt. Da bei der Ausführung Schwierigkeiten auftraten, hatte der Magistrat das Haus 1852 kurzerhand abreißen lassen. Die Bürgerschaft protestierte, ebenso die eingeschaltete Königliche Landdrostei. Sie forderten den 600 bis 700 Rthr kostenden Wiederaufbau des Hauses. Die Bürgervorsteher wollten irgend jemanden zur Rechenschaft ziehen wegen eigenmächtigen Abbruchs des Hauses und wegen Erstattung der Mehrkosten und des Verlustes an Baumaterialien. Der Stadtsyndikus kam dann in seinem Rechtsgutachten zu dem Ergebnis, dass ein Rechtsstreit erfolglos bleiben würde. Darauf beschloss das Bürgervorsteher-Kollegium, die angedrohten Entschädigungsansprüche bis auf Weiteres ruhen zu lassen. So ging der fast zweijährige Streit ohne positives Ergebnis für das Bürgervorsteher-Kollegium aus. Nachdem über die Versetzung des Torschreiberhauses vor dem Ostertor ergebnislos verhandelt worden war, wurde es 1872 den Verkehrsbedürfnissen geopfert. Da das Torschreiberhaus vor dem Neuentor „mit der Wohnung des städtischen Pförtners unter einem Dache erbaut ist und eine gemeinschaftliche Wand mit demselben hat, bei der Hinwegnahme des Torschreiberhauses das Pförtnerhaus die Aufwendung vielleicht nicht unbedeutender Baukosten erforderte, daneben aber auch die Räume im Pförtnerhaus zu beschränkt waren“, bekam der Pförtner am Neuentor das Torschreiberhaus als Wohnung. Auf der Abbildung dieses Torschreiberhauses sind noch die beiden Hauseingänge zu sehen. Nur dieses, das „Alte Zollhaus“, hatte Bestand bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, bis es der neuen Entwicklung weichen musste. Errichtet, als man mit Kutschen fuhr, stand es im Automobilzeitalter dem Autoverkehr im Wege.

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