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Vor Gericht: Sechs Monate mit Bewährung und Geldbuße / Berufungskammer bestätigt Urteil

Rüder Rentner "Rumpelstilzchen" wird ruhiger

Bückeburg (ly). Langsam wird er etwas ruhiger. Seitdem das Amtsgericht einen streitlustigen Bückeburger wegen Beleidigung und Körperverletzung zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt hat (wir berichteten), soll es besser geworden sein mit dem 73-Jährigen, wie eine Nachbarin berichtet. Die Entscheidung, verbunden mit 1500 Euro Geldbuße, zeigt also offenbar Wirkung. In einemBerufungsverfahren vor dem Landgericht ist dieses erstinstanzliche Urteil jetzt bestätigt worden.

veröffentlicht am 12.07.2006 um 00:00 Uhr

Seit Jahren terrorisiert der Rentner seine Umgebung, legt sichüberdies mit Polizei und Justiz an. Zuletzt hatte er die Nachbarin als "Stück Sch.... aus der Gosse", "Nutte" und "miese Ratte" beschimpft, einen anderen Bewohner der Anlage sogar ins Gesicht geschlagen. Letzterer ist "froh, wenn ich den Herrn nicht sehen muss". Ganz Deutschland, so scheint es, liegt sich unter dem Eindruck der Fußball-WM in den Armen. Vielleicht gelingt es ja auch dem Rentner, auf die anderen Wohnungseigentümer zuzugehen. "Ziehen sie einen Strich unter die Vergangenheit", ermunterte Richter Friedrich von Oertzen, Vorsitzender der Berufungskammer, den 73-Jährigen. "Damit Frieden einkehrt." Ob das klappt? Zumindest streckenweise präsentierte sich der Bückeburger nämlich auch in zweiter Instanz eher uneinsichtig. Der 73-Jährige "will ja niemanden beleidigen". Trotzdem nutzte er sein Schlusswort, um einen Amtsrichter als "miesen Handlanger" zu bezeichnen, mehrere Rechtsanwälte als "Lügner und Betrüger". Mittlerweile stellt sich die Frage, ob der Angeklagte womöglich an einer krankhaften seelischen Störung leidet. Das Amtsgericht war jedenfalls von verminderter Schuldfähigkeit ausgegangen. Berufungsrichter von Oertzen glaubt dagegen eher an Altersstarrsinn. "Krankheitswert hat das noch nicht", meinte der Vorsitzende. Als sicher gilt mittlerweile, dass der Angeklagte mehrere Motive hat. Bei der Frau, die seine Schimpfkanonadenüber sich ergehen lassen musste, hatte er zuvor erfolglos zu landen versucht. Verteidiger Alexander Ulbrich sprach von "Eifersucht und Zurückweisung". Der Mann, in dessen Gesicht die Faust des Rentners gelandet war ("Ich habe ihm auf die Fresse gekloppt"), soll mit einem Einbruch in die Wohnung des Bückeburgers zu tun gehabt haben, so die gewagte Darstellung des Angeklagten. Bis heute ist nicht einmal geklärt, ob überhaupt eingebrochen wurde. Die Wurzel allenÜbels scheint jedoch sechs Jahre zurück zu liegen: Noch immer kann der 73-Jährige nicht verwinden, dass sich 2000 während einer Eigentümerversammlung jemand abfällig über ihn geäußert haben soll. "Ich will das wissen", beharrt der Rentner. Staatsanwalt Reinhard Meffert hat "überhaupt keinen Zweifel, dass der Angeklagte sein Begehren weiter verfolgen wird". In der vorausgegangenen Verhandlung im Mai hatte Meffert den Mann angesichts der ständigen Wutausbrüche "wie Rumpelstilzchen" gesehen. Diesmal fragte er sich, ob der 73-Jährige vielleicht "eine Art Michael Kohlhaas" sei, der sich in Heinrich von Kleists gleichnamiger Erzählung gegen selbst erlittenes Unrecht zur Wehr setzt. Eher nicht. "Michael Kohlhaas hatte lautere Motive",erinnerte der Staatsanwalt. "Der Angeklagte verfolgt seine eigenen und macht anderen das Leben zur Hölle." Richter von Oertzen sagte es mit Friedrich Schiller: "Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt."

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