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Lars Manschewski hat eine Arbeitsstelle, kann sie aber im neuen Stuhl nicht erreichen

Rollstuhlfahrer von Krankenkasse "ausgebremst" - Alltagsleben adé

Bückeburg (bus). Mitunter produziert das Gesundheitssystem kuriose Fälle. Im Fall von Lars Manschewski ergibt sich die absonderliche Konstellation, dass ein junger Mann über eine Arbeitsstelle verfügt, er die Beschäftigung gerne ausüben möchte, aber von seiner Krankenkasse (!) "ausgebremst" wird. Nicht etwa aus gesundheitlichen Gründen. "Wegen einer Entscheidung der ,Deutschen BKK' kann ich mein alltägliches Leben nicht mehr wie bisher bewältigen und meiner gewohnten Beschäftigung nicht mehr nachgehen", klagt der junge Bückeburger.

veröffentlicht am 24.10.2006 um 00:00 Uhr

Lars Manschewski muss sich mit einem Rollstuhl begnügen, mit dem

Manschewski ist schwerst körperbehindert, seit seiner Kindheit auf einen Rollstuhl angewiesen. Dennoch bekam er sein Leben in den Griff, lernte Bürokaufmann und fand schließlich eine Anstellung in der Montageabteilung der Paritätischen Gesellschaft Behindertenhilfe Stadthagen. Das Dilemma des 25-Jährigen nahm seinen Anfang vor etwa zehn Monaten, als er wegen der Überschreitung eines Gewichtslimits auf einen neuen Rollstuhl angewiesen war. Das von der Kasse bewilligte Modell für mobilitätsbehinderte Menschen entspricht allerdings in keinster Weise den Anforderungen des Behinderten. "Für den Patienten ungeeignet", fasst Manschewskis Hausarzt Dr. Thorwald Hey in einem geharnischten Schreiben an die "Deutsche BKK" zusammen. In der Tat erinnert die Verschiedenheit der Fahrzeuge an die Diskrepanz zwischen dem robusten und geländegängigen Universal-Motor-Gerät "Unimog" und einem Plastikcampingstuhl mit Hilfsmotor. "Der Rolli hat zu kleine Räder, ... Fußstützen und Seitenteile sind für das Gewicht des Patienten bei weitem zu schwach ausgeführt", hält der Bückeburger Mediziner fest. Die Sitzbespannung sei dermaßen nachgiebig, dass der Fahrer auf den Rohren des Faltmechanismus zu sitzen komme. Darüber hinaus moniert Hey eine eklatante Untermotorisierung, nicht vorhandene Beleuchtung und sperrige Steuermechanismen. Manschewski macht als weiteres Manko die limitierte Reichweite des "Neuen" aus, der mit zehn bis zwölf Kilometern nicht einmal ein Drittel des "Alten" schafft. Was Arzt und Patient gleichermaßen verwundert und empört ist die Entscheidungsfindung der Kasse. Warum etwa sei der Rollstuhl nicht "am Mann" angemessen worden, fragt Hey. "Haben die Mitarbeiter bei Ihnen den Superman-Röntgenblick?" Und er fährt fort: "Ein Arzt, der sich seit fast 20 Jahren um Behinderte kümmert, verschreibt einen neuen, dringend benötigten Rollstuhl, das Vertragssanitätshaus schlägt ein geeignetes Modell vor und ein Sachbearbeiter, der vielleicht noch nie einen Behinderten gesehen hat und ganz sicher nicht Herrn Manschewski, entscheidet von seinem Sessel aus, dass dieser Rollstuhl aus Preisgründen nicht infrage kommt." Hey sieht darin einen typischen Fall von "Entscheidung nach Aktenlage" und er ist sich nicht sicher, ob die Kasse "den Versicherten loswerden" wolle. Für Manschewski ergeben sich zusätzliche Ungereimtheiten. Die "Deutsche BKK" habe Bereitschaft signalisiert, mehrere Änderungen und Aufrüstungen zu finanzieren. Was die grundsätzlichen Mängel des Gerätes indes nicht beseitige. Sogar ein wohl 2500 Euro teurer Umbau der behindertengerechten Wohnung sei in Aussicht gestellt worden - "damit ich einigermaßen bequem mein Badezimmer erreichen kann." Alle Investitionen änderten jedoch nichts an der Tatsache, gibt Hey zu Protokoll, dass sein Patient mit der Angst vor dem Zusammenbruch des Rollstuhl leben müsse, mit der Angst davor, dass sich der Stuhl selbstständig mache und samt seinem Passagier in den fließenden Verkehr, einen Graben oder die Treppe hinab fahre.

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